Ausgabe: Der Sprachdienst 3/2017

Aussprache lateinischer Wörter

[F] Warum unterscheidet sich die Aussprache von lateinischen Wörtern im Deutschen von ihrer ursprünglichen Aussprache, wie beispielsweise bei den Wörtern Modus und Bonus? Was ist der Grund dafür, dass diese im Deutschen eine lange erste Silbe besitzen?

[A] Wie von Ihnen bereits erwähnt, werden die beiden Wörter Modus und Bonus im Deutschen meist mit einem langen ersten Vokal ausgesprochen. Diese Formen der Aussprache sind so auch im Duden verzeichnet. Für das Wort Modus ist jedoch zusätzlich noch die »ursprüngliche« Aussprache mit einem kurzen ersten Vokal verzeichnet (vgl. »Duden. Das Aussprachewörterbuch«, 6. Aufl. Mannheim 2005).

Die von der ursprünglichen Artikulation abweichende Aussprache der lateinischen Ausdrücke im Deutschen ist auf unterschiedliche Ausspracherichtlinien in beiden Sprachen zurückzuführen. So werden im Deutschen betonte Vokale in offenen Silben immer lang ausgesprochen. (»Offene Silben« meint hier diejenigen Silben, welche auf einen Vokal auslauten, wie Mo-, Bo- oder Ve-.) Im Lateinischen ist dies nicht der Fall. Trotz der Tatsache, dass beide Ausdrücke eigentlich dem Lateinischen entstammen, wurden sie in den alltäglichen deutschen Sprachgebrauch integriert. Somit können Ausspracheregeln des Deutschen ohne Probleme auch auf diese Begriffe angewendet werden. Daraus resultiert schlussendlich die sich vom Lateinischen unterscheidende Aussprache von Modus und Bonus. Weitere Beispiele für dieses Phänomen sind die Ausdrücke Venus und Globus, welche im Deutschen ebenfalls einen verlängerten ersten Vokal besitzen, während eben dieser im Lateinischen kurz ausgesprochen wird.

Die vom Original abweichende deutsche Normaussprache lateinischer Wörter lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten. Das Gebiet der Vornamenkunde bietet in diesem Zusammenhang ein vortreffliches Beispiel. Der weibliche Vorname Stella geht auf das lateinische Wort stēlla, welches ›Stern‹ bedeutet, zurück. Im deutschsprachigen Raum wird das e hierbei kurz ausgesprochen, da laut Ausspracheregeln des Deutschen vor einem Doppelkonsonanten stehende Vokale immer gekürzt werden. Eine solche Regel gibt es im Lateinischen jedoch nicht. Einem Doppelkonsonanten kann durchaus ein langer Vokal vorausgehen, weshalb die originale Aussprache von Stella sich von der unseren unterscheidet. Der Ausdruck wird [ˈsteːlːa] ausgesprochen, es werden also sowohl das e als auch der Doppelkonsonant verlängert (vgl. https://de.scribd.com/document/ 161157021/Lateinische-Aussprache).

Auch wenn unser Fokus eigentlich auf die Vokallänge gerichtet ist, lässt sich interessanterweise beobachten, dass im Deutschen sowohl die Ausspracheform [stˈɛlaː] als auch die Variante [ʃtˈɛlaː] verzeichnet sind (vgl. Krech, Eva-Maria et al.: »Deutsches Aussprachewörterbuch«, Berlin/New York 2010). Wie kommt dieser Unterschied zustande? Die deutsche Standardlautung sieht vor, dass das Konsonantencluster st- a m Wortanfang als [ʃt] ausgesprochen wird. »Bei Fremdwörtern ist es gelegentlich schwierig, zu entscheiden, ob anlautendes [sp]/[st] oder [ʃp]/ [ʃt] gesprochen werden soll. Es gilt die Faustregel, dass Fremdwörter, die bei uns schon lange im Gebrauch sind und nicht mehr als fremd empfunden werden, wie heimische Wörter behandelt werden […]. Allerdings ist die Frage, ob ein Wort als völlig integriert betrachtet werden darf, gar nicht so leicht zu entscheiden, weil hier subjektiver Auffassung ein weiter Spielraum gewährt ist. Die Folge ist, dass für viele Fremdwörter beide Aussprachen als gleich korrekt angesehen werden müssen.« (»Duden. Richtiges und gutes Deutsch«, 7. Aufl. Mannheim 2011)

Es lässt sich allerdings festhalten, dass sich bezogen auf den Eigennamen Stella die Variante [stˈɛlaː] im alltäglichen Sprachgebrauch durchgesetzt hat.

Abschließend kann an dem berühmten lateinischen Zitat veni, vidi, vici (›er kam, sah und siegte‹) noch ein weiterer Unterschied zwischen der deutschen und der lateinischen Aussprache aufgezeigt werden. Im Deutschen sind lange Vokale in unbetonten Silben sehr selten, sie kommen in der Regel nur in betonten Silben vor. Da bei Zweisilbern im Deutschen meist die erste Silbe betont ist, legen wir den Wortakzent bei den drei oben zitierten Wörtern auf die erste Silbe. Wir verlängern somit den ersten Vokal und sprechen den zweiten Vokal daher automatisch kurz aus: [ˈveːni ˈviːdi ˈviːtsi]. Im Lateinischen können lange Vokale jedoch in jeder Silbe vorkommen, nicht nur in betonten. Daher lautet die ursprüngliche Aussprache des Zitats [ˈveːniː ˈviːdiː ˈviːkiː] bzw. [ˈveːniː ˈviːdiː ˈviːtsiː]. Es werden also in jedem der drei Worte beide Vokale lang ausgesprochen (vgl. https://de.scribd.com/ document/161157021/Lateinische-Aussprache; Krech, Eva-Maria et al.: »Deutsches Aussprachewörterbuch«).