Ausgabe: Der Sprachdienst 4-5/2017

Das ß

Dieses Mal handelt es sich genau genommen nicht um ein Zeit-Wort, sondern vielmehr nur um einen einzelnen Buchstaben: das ß. Und auch das ist wieder recht ungenau, denn ursprünglich war das ß nicht nur ein Buchstabe: Nach gängiger Meinung handelt es sich um eine Ligatur, also um zwei Buchstaben, die so eng zusammengeschrieben wurden, dass sie sich im Schriftbild berührten bzw. im Buchdruck auf einer einzigen Drucktype standen und so wie einer wirkten. Im Laufe der Zeit jedoch wurde ß schließlich als eigenständiger Buchstabe angesehen, obwohl es für den Laut [s] im Deutschen seit Langem zwei weitere graphematische Darstellungen gibt: s und ss. Doch die Diskussion darüber, ob die Existenz des ß sinnvoll ist oder es – wie in der Schweiz und Liechtenstein schon vor langer Zeit geschehen – abgeschafft werden sollte, soll hier nicht geführt werden.

Es gibt einen Grund dafür, dass das ß aktuell wieder im Fokus der Gespräche steht. Seit seiner Entstehung gab es das ß – anders als jeden anderen Buchstaben unseres Alphabets – nur als kleinen Buchstaben. Dies war grundsätzlich kein Problem, da es keine Wörter gibt, die mit einem ß beginnen. Doch sobald ein Wort durchgehend in Großbuchstaben (Versalien) geschrieben wurde, stand man vor der Frage, ob man innerhalb eines versal gesetzten Wortes trotzdem den Kleinbuchstaben verwendet (BLOß) – was ein Fehler ist – oder ob man das ß durch ein Doppel-s (BLOSS) ersetzen sollte – eine Ersatzlösung. Zwar leidet die Bedeutung des Wortes nur in wenigen Fällen darunter (steckt hinter MASSE nun Masse oder Maße? Sind mit BUSSE wirklich Busse gemeint oder vielleicht doch die Buße?), doch bei Eigennamen kann dies mitunter zu größeren Problemen führen, wenn der Name in Kleinbuchstaben falsch wiedergegeben wird (ist der Name GROSSMANN als Grossmann oder als Großmann zu verstehen?). Darüber begann eine Kontroverse, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm: Soll man nicht für den Kleinbuchstaben ß auch einen Großbuchstaben einführen? Diese historische Entscheidung ist kürzlich gefallen und ein neuer Buchstabe wurde geboren: das große . Dies gibt auch für uns den Ausschlag, uns mit diesem Phänomen der deutschen Sprache einmal näher zu beschäftigen.1

Der Buchstabe ß hat in Deutschland viele Namen: Er wird in Mittel- und Norddeutschland üblicherweise als Eszett bezeichnet, in Süddeutschland und Österreich dominiert der Name scharfes S; umgangssprachlich heißt er bei manchen Buckel-S oder Dreierles-S, Rucksack-S oder Ringel-S, sogar die verwirrende Bezeichnung Doppel-S kursiert in der Schweiz. So unterschiedlich seine Namen sind, so uneinig ist man sich bis heute darüber, wie der Buchstabe entstanden ist. Es gibt dazu verschiedene Ansätze, die mit der Unterscheidung zwischen den sogenannten »gebrochenen Schriften« (hier im Weiteren verkürzt als Fraktur bezeichnet, obwohl diese eigentlich eine konkrete Schriftart darstellt) und Antiquaschriften (die heute gebräuchlichen Schriften; auch dieser Text ist in einer Antiquaschrift gesetzt) verbunden sind. Beide Schriften wurden in Deutschland lange Zeit parallel verwendet: Fraktur für Texte in deutscher Sprache und Antiqua für lateinische Texte. Dieser Umstand hatte einerseits zur Folge, dass der fragliche Buchstabe nicht nur unterschiedliche Formen entwickelte, sondern auch auf eine verschiedenartige Geschichte zurückblickt, andererseits lassen sich darüber auch die Bezeichnungen Eszett und scharfes S erklären.

Grundlegend für die Entstehung des ß sowohl in der Fraktur als auch in der Antiqua war die Tatsache, dass neben dem runden s, das wir heute noch kennen, zusätzlich eine graphische Variante verwendet wurde, nämlich das sogenannte lange s: das ſ. Im Gegensatz zum runden s, das nur im Silbenauslaut vorkam, wurde das lange ſ im Silbenanlaut und -inlaut verwendet (Gaſtſtätte, Ausſicht, Waſſer). Hieraus ergab sich, dass ein doppeltes s im Auslaut zur graphischen Folge ſs wurde (Anschluſs). Eine der heute gängigen Meinungen zur Entstehung des Buchstabens ß lautet daher, dass es sich in der Antiquaschrift um eine Ligatur aus einem langen ſ und einem runden s handelt. Und tatsächlich: Schiebt man die beiden s-Formen zusammen und zieht dabei den oberen Bogen des runden s ein wenig nach oben, so dass er das lange ſ berührt, ergibt sich eine bekannte Form: ſs > ß. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass in Ländern, in denen schon früh nur noch die Antiquaschrift verwendet wurde und somit etwa in italienischen, lateinischen und französischen Texten eine ß-Ligatur statt eines doppelten s üblich war. Daraus erklärt sich die Bezeichnung scharfes S.

Dem entgegen steht die Herleitung, die den Namen Eszett erklärt: Dieser zufolge handelt es sich bei ß nämlich um eine Ligatur aus einem langen ſ und einem »geschwänzten« z, also einem z mit Unterlänge (ʒ), wie es in der Fraktur vorkommt: ß. Eine Erklärung für die im Deutschen unübliche Buchstabenverbindung von s und z (Ausnahmen sind Fremdwörter wie Disziplin, Faszien oder zusammengesetzte bzw. affigierte Wörter wie Auszeit) findet sich in der deutschen Sprachgeschichte: Während der Zweiten Lautverschiebung (ca. 6. bis 8. Jh.) war aus einem kurzen t ein z bzw. zz entstanden. So hieß es mittelhochdeutsch nicht mehr dat, et, eten, wie noch im Althochdeutschen, sondern daz, ez, ezzen. Z und zz waren lautlich unterschiedlich zu realisieren, doch im Laufe der Zeit geriet in Vergessenheit, um welches z es sich jeweils handelte. Um Klarheit zu schaffen, entstand im 12. Jahrhundert zur besseren Unterscheidung das tz für einen Verschlusslaut mit anschließendem Reibelaut (Affrikate, [ts]) und das sz bzw. ſz für einen stimmlosen Reibelaut ([s]). Aus dieser Zeit stammt auch der erste Beleg für die Ligatur ß in der Heldensage »Wolfdietrich« (um 1300).

Neben diesen beiden Entstehungsgeschichten des ß gibt es noch eine dritte Vermutung: Demnach handelt es sich um eine für lateinische Texte verwendete Abbreviatur, ein Abkürzungszeichen, das die Form einer kleinen tiefergestellten 3 hatte. Inwiefern dies zutrifft, ist jedoch – ebenfalls – nicht geklärt.

Um die dargestellten Erklärungen auf den Punkt zu bringen, seien sie noch einmal in aller Kürze zusammengefasst: Der Buchstabe ß ist über zwei unterschiedliche Wege entstanden. In der Frakturschrift hat er sich aus der Buchstabenverbindung sz bzw. ſz entwickelt, die wiederum ihren Ursprung bereits im Mittelhochdeutschen hatte. Das ß der Antiquaschrift dagegen entstand aus einem doppelten s, genauer gesagt aus ſ und s. Erst als man begann, auch deutsche Texte nicht mehr (nur) in Fraktur, sondern (auch) in Antiquaschrift zu setzen, wurde für das Fraktur-ß trotz seiner unterschiedlichen Entstehungsgeschichte und des ursprünglich abweichenden Gebrauchs das Antiqua-ß verwendet. Zwar gab es anschließend Diskussionen darüber, wie dieser Buchstabe neben dem s und dem ss in deutschen Wörtern einzusetzen und zu verteilen sei (Konzepte der s-Schreibungen nach Adelung, Heyse, Sander; schon Jacob Grimm entschied sich zwischenzeitlich sogar für Schreibungen mit sz, denn so, begründete er, könne man auch ganze Wörter versal setzen: STRASZE). Doch spätestens mit der Vereinheitlichung der Rechtschreibung im Jahr 1901 wurde besiegelt, dass die zwei ursprünglich unterschiedlichen Zeichen, die aus ſs bzw. aus ſz entstanden waren, als ein und derselbe Buchstabe gewertet und einheitlich verwendet werden sollten.

Solange in Deutschland Texte überwiegend in gebrochenen Schriften geschrieben bzw. gedruckt worden waren, also bis in die 1940er Jahre, hatte es keine Notwendigkeit gegeben, ein großes ß zu entwerfen, denn darin war eine Auszeichnung durch versal gesetzte Wörter unüblich: Durch die reich verzierten Großbuchstaben der Fraktur wären Wörter in Versalien nahezu unlesbar geworden. Für die Antiqua dagegen, in der zunehmend versal gesetzte Wörter zur Hervorhebung verwendet wurden, hatte man schon 1901 die Ersatzschreibung SZ empfohlen, möglicherweise nach dem Grimm’schen Vorbild oder aber in Ableitung von der Bezeichnung Eszett; erst 1941, in der 12. (und damit letzten Fraktur-)Auflage des Dudens, änderte man sie zu SS. Zeitgleich wurde der Wunsch nach einem Großbuchstaben für ß laut.

Nun hat unser Alphabet also erneut Zuwachs bekommen und das kleine ß ist nicht länger allein. Ob die graphische Umsetzung des großen gelungen ist, ob es nicht zu sehr einem B gleicht und Sprachfremden das Erlernen unserer Sprache noch schwerer macht, ob die bloße Existenz dieses Buchstabens, den es einzig noch im Deutschen (und auch da nicht überall) gibt, überhaupt sinnhaft ist – all dies sei an dieser Stelle dem Einzelnen zur Beurteilung überlassen.


1 Die Geschichte des ß ist relativ komplex und gar nicht so eindeutig, wie man meinen möchte. Daher wird sie hier zugunsten der Verständlichkeit relativ vereinfacht dargestellt. Wir bitten zu entschuldigen, wenn dadurch einige Details außen vor gelassen werden.

Frauke Rüdebusch