Der Wutbürger in der Retrospektive

Reflexionen über das Wort des Jahres 2010

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Was ist eigentlich ein Wutbürger?

Nachdem das Wort des Jahres 2010 bekannt gegeben worden war, hagelte es allseits Kritik an dieser Wahl: Wutbürger sei doch wohl eine einmalige Bildung gewesen, nur die wenigsten hätten Wutbürger je vernommen, wie konnte ein Wort, das kaum einer kennt, zum Wort des Jahres werden?

Wir geben den Kritikern Recht: Das Wort Wutbürger war zur Zeit der Wahl tatsächlich ein von Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit geprägter Ausdruck, der bis dato kaum Bekanntheitsgrad erlangt hatte. Die Jury jedoch befand, dieser Neubildung gelinge es, die Empörung in der Bevölkerung über eigenmächtige Entscheidungen von Politikern prägnant in einem Wort zusammenzufassen und damit das Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nach einem Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu dokumentieren. Die Wutbürger selbst, also jene Bürgerinnen und Bürger, die etwa gegen Stuttgart 21 und den Castor-Transport protestierten, seien zudem nicht länger Mitglieder gesellschaftlich-aufwieglerischer Randgruppen, sondern entstammten vornehmlich einem bürgerlichen Milieu, sie seien häufig gar älteren Jahrgangs und in ihrer Überzeugung eher konservativ.

Was ist seither passiert? Der Wutbürger ist zwar bislang nicht in gedruckte Wörterbücher aufgenommen worden, dennoch hat er eine steile Karriere an den Tag gelegt und ist bereits im Online-Duden verzeichnet. Wir haben im vergangenen Jahr verfolgen können, wie schnell das Wort von der Bevölkerung aufgegriffen wurde: Von der unbekannten Neuschöpfung, mit der die intendierte Bedeutung nur schwer verbunden werden konnte – viel Kritik gab es auch im Hinblick auf den Bestandteil Wut: Darauf wollten die protestierenden Bürger sich nicht reduziert wissen –, wurde der Wutbürger zu einem Wort, das mittlerweile häufig Verwendung findet und als Basis für kreative Umbildungen sowie als Pendant zu Bezeichnungen desselben Phänomens in anderen Ländern dient.

Neben dem Wutbürger erwachten so im letzten Jahr auch die Mutbürger, die Knutbürger (Anhänger des im vergangenen Jahr verstorbenen Eisbären Knut), die Gutbürger (eine bislang nicht in den Wörterbüchern verzeichnete substantivische Bildung zu gutbürgerlich ›von einer Qualität, Lebensart od. in einer Weise, wie sie dem Bürgertum entspricht‹) und auch die nicht in das Reimschema passen wollenden Vernunftbürger zum Leben. Für diese Ableitungen stützte man sich auf den zweiten Bestandteil des Kompositums, den Bürger als das Grundwort, um mit verschiedenen anderen modifizierenden Elementen neue Arten des -bürgers zu schaffen. Es wurden jedoch auch Neubildungen gesichtet, die den ersten Bestandteil Wut- mit anderen Grundwörtern zu neuen Komposita zusammensetzten, um eben dieses Gefühl auszudrücken: In der Affäre um die plagiierte Dissertation des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg gingen die Wutwissenschaftler massiv gegen diese unlautere und den Wissenschaftsbetrieb in Verruf bringende Praxis vor und forderten den Entzug seiner Doktorwürde. Im Falle der Warnung vor dem Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalaten, die mit dem Darmkeim Ehec belastet sein könnten, protestierten Wutbauern gegen diese voreiligen Warnungen, durch die ihr Gemüsehandel deutlich und existenzgefährdend zurückging.

Auch Weiterbildungen wie Wutbürgertum zum Substantiv Bürgertum (als Zusammenfassung der in ihrer Wut vereinten Bürger) oder Wutgroßbürger als aus dem oberen Mittelstand stammende Wutbürger sind mittlerweile keine Unbekannten mehr und lassen sich eindeutig auf den Wutbürger zurückführen.

Der Wutbürger hat es weit gebracht: Im Zuge der Globalisierung trifft man ihn heute nicht nur in deutschen Landen an, sondern auch in China (bei Protesten gegen die staatliche Ungerechtigkeit) und in Lettland (vereint im Zorn gegen die Korruption der politisch Verantwortlichen), in Spanien treten die Wutbürger als die Empörten zusammen, die sich gemeinsam gegen die spanische Finanzpolitik auflehnen. Auch in der Occupy-Bewegung, die in den USA ihren Ursprung fand, vereinen sich die Wutbürger im Protest gegen die obere entscheidungsmächtige Schicht, wenn sie hier auch nicht unter einer konkreten Benennung zusammentreten, einmal abgesehen von der selbstgewählten Sammelbezeichnung 99 % („Wir sind die 99 %“, übrigens auf Platz 10 der Wörter des Jahres 2011).

Eine Abfrage der Vorkommenshäufigkeit des Wutbürgers in den Medien (über die Online-Datenbank Genios) in einer Gegenüberstellung der Jahre 2010 und 2010, also vor und nach der Wahl zum Wort des Jahres, zeigt uns folgendes Ergebnis: Im Jahr 2010 wurde der Wutbürger laut der Datenbank immerhin 87-mal registriert. Als Datum des frühesten Belegs wird der 19.03.2010 aufgeführt, allerdings nicht im Spiegel-Artikel von Dirk Kurbjuweit, der erst am 11.10.2011 erschien, sondern in der TAZ. Ab Oktober jedoch, eben nachdem der Wutbürger im Titel des Kurbjuweit-Artikels »Aufstand der Wutbürger« genannt wurde, erhöhte sich die Frequenz des Wortes deutlich. Im Vergleich mit dem Folgejahr steht die Beleganzahl aus 2010 hingegen recht klein da: Für das Jahr 2011 finden sich über 5.700 Belege für den Wutbürger, und selbst wenn man noch einige Belege abzieht, die aus Presseberichten zum Wort des Jahres stammen, so ist dies doch eine beträchtlich Menge.

Mag der Wutbürger also bei seiner Wahl zum Wort des Jahres nur wenigen bekannt gewesen sein, so hat er doch im Laufe des vergangenen Jahres große Kreise gezogen und sich fest in unserem Wortschatz verankert. So können wir wohl mit Recht behaupten, dass sein Status als Wort des Jahres 2010 und die hitzigen Diskussionen, die dies ausgelöst hat, zu seiner mittlerweile großen Bekanntheit beigetragen haben.

Frauke Rüdebusch