Die Rote Linie

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In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in Syrien und das Verhältnis dieses Landes zu den westlichen Mächten verschärft. Ein Giftgasanschlag, bei dem knapp 1500 Menschen ums Leben kamen, verursachte eine umfangreiche Neubewertung der Situation und veranlasste besonders die USA, einen militärischen Vergeltungsschlag in Betracht zu ziehen.

Eine Begründung für diese Abwägung lieferte US-Präsident Obama mit den Worten, Assad habe eine »rote Linie« überschritten. Seitdem nimmt man sie in zunehmendem Maße wahr, die roten Linien. Was einstmals – so etwa auch bei Christian Wulff – der Rubikon war, der überschritten wurde, wenn ein Tabubruch begangen wurde, und was später dann Grenzen waren, die übertreten wurden, sind heute allerorten rote Linien.

In Wörterbüchern ist diese Redewendung bisher nicht verzeichnet, doch ob es sich bei dem Ausdruck um eine »Eintagsfliege« handelt, die auftritt und dann schnell wieder in Vergessenheit gerät, das vermag aus heutiger Sicht noch nicht beurteilt zu werden. Fakt ist, dass in der deutschen Sprache bislang nur selten »rote Linien« überschritten und damit Tabubrüche begangen worden sind. Ein tatsächlicher Anglizismus scheint sich hier jedoch auch nicht zu enttarnen – was naheliegend gewesen wäre, da es Obama war, der durch seine Äußerung diesen Stein ins Rollen brachte –, denn auch englische Wörterbücher führen keine red line im Sinne einer metaphorischen Grenze. Wohl aber ist im Englischen das Verb to redline bekannt, das soviel bedeutet wie ›ausgrenzen, ausschließen‹. Das Verb geht vermutlich auf die in den 60er Jahren in den USA übliche Praxis des redlinings zurück. Dabei pflegten Versicherungen und Banken auf einer Landkarte Bezirke und Gegenden durch eine rote Linie zu markieren, deren Bewohnern oftmals Dienstleistungen wie Kredite oder Versicherungen verweigert wurden.

Der symbolische Charakter der roten Linie als eine Grenze im übertragenen Sinn hängt sicher unmittelbar mit der Bedeutung der Farbe Rot zusammen, die allgemein für eine Warnung oder ein Verbot steht. So werden rote Linien oder rote Bänder auch häufig zur Markierung von Absperrungen und Begrenzungen genutzt.

Doch die Redewendung der roten Linie im Sinne einer bildlichen Grenze ist nicht völlig neu: Schon in den 90er Jahren – und vermutlich bereits davor – sprach man von symbolischen roten Linien, die nicht überschritten werden sollten. Dies war jedoch vergleichsweise selten der Fall. Viel häufiger hatte die rote Linie damals noch einen deutlich physischeren Charakter, etwa als Grenze zwischen zwei Staaten (oft war der Irak involviert, z. B. bei einer »roten Linie« um Bagdad). Und auch diese roten Linien waren nicht zu überschreiten.

Nachdem Obama nun vor der Weltöffentlichkeit von einer roten Linie im übertragenen Sinn sprach, findet sie sich in zahlreichen aktuellen Kontexten: Die USA selbst haben mit dem NSA-Skandal und dem Abhören des Kanzlerhandys eine rote Linie überschritten, die CDU zieht beim Thema Steuererhöhungen eine rote Linie, die sie nicht überschritten sehen möchte, auch die SPD zieht in den Koalitionsverhandlungen eine rote Linie, beim Thema Umweltschutz muss die Regierung eine ökologische rote Linie ziehen, Frau Merkel hingegen überschreitet mit ihrem Handeln für viele eine rote Linie.

Was aus diesem Dickicht an neuen Verwendungen der Redewendung heraussticht, sind jene, bei denen die rote Linie selbst nicht mehr immobil ist, nicht mehr nur respektiert oder überschritten werden kann: Mittlerweile scheint die rote Linie neben der Bedeutung einer symbolischen Grenze eine weitere zu tragen, nämlich die des roten Tuchs, eines Themas, das äußerst umstritten ist: So seien etwa Steuererhöhungen und Stellenabbau selbst rote Linien. Wie geht es weiter mit der roten Linie? Das dürfte uns noch ein wenig beschäftigen, denn es ist zu vermuten, dass uns in absehbarer Zukunft noch diverse rote Linien begegnen werden – um dann sang- und klanglos wieder zu verschwinden oder aber einen dauerhaften Platz in unserem Wortschatz zu erhalten: neben der übertretenen Grenze und dem überschrittenen Rubikon.

Frauke Rüdebusch