Digitale Medien und Deutschunterricht

Welche Bedeutung hat die digitale Revolution für das Buch und den Kulturauftrag der Bundesregierung? Sollen digitale Medien in den Deutschunterricht integriert werden? Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, stellt sich den Fragen des Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Sprache, Prof. Dr. Peter Schlobinski.1

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Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien: Prof. Monika Grütters; © Foto: Bundesregierung/Kugler

Peter Schlobinski: Eine kurze erste, aber nicht einfache Frage: Hat das Papierbuch eine Zukunft?

Monika Grütters: Für mich ist das haptische Erlebnis wichtig, ein Buch anfassen zu können, darin zu blättern, vielleicht Anmerkungen hineinzuschreiben, Eselsohren zu knicken als Markierung und es nach der Lektüre ins Regal stellen zu können – das alles macht für mich ein echtes Leseerlebnis aus. Ein Buch als digitale Datei auf einem Bildschirm zu lesen, ist für mich buchstäblich weniger reizvoll.

Aber es gibt viele Menschen, die sehen dies sicher anders, und ihre Zahl nimmt derzeit wohl zu. Mobilität ist hier ein wesentlicher Aspekt. Wem es darum geht, ständig und überall Zugriff auf eine kleine Bibliothek zu haben, der wird das E-Book schätzen. Oder mein Bruder, der als Entwicklungshelfer im Ausland lebt: Er muss seine deutschen Bücher online verfügbar haben.

Aber dies ist noch lange kein Grund, dem gedruckten Buch eine düstere Zukunft zu prognostizieren. Natürlich werden wir nicht zu Zuständen wie vor der Digitalisierung zurückkommen. Darum kann es auch nicht gehen. Ich denke aber, es wird auch künftig für beide Formen einen Markt geben – für Bücher in gedruckter und digitaler Version.


Frau Grütters, die Bundesregierung hat mit dem Deutschen Buchhandlungspreis, der in diesem Jahr erstmals vergeben wurde, ein Zeichen gesetzt. In Ihrem Grußwort heißt es: »Lokale Buchhandlungen sind damit geistige Tankstellen unserer Kulturlandschaft! Sie für den Wettbewerb mit digitalen Angeboten zu stärken, das ist Ziel der Kulturpolitik des Bundes. (…) Der Preis würdigt besonderes kulturelles Engagement oder innovative Geschäftsmodelle.« Angesichts der Big Player im Onlinebuchhandel – welche Initiativen gibt es seitens der Bundesregierung, kulturelles Engagement oder innovative Geschäftsmodelle in Bezug auf digitale Literaturanbieter zu fördern?

Den Markt für digitale Bücher und deren Online-Vertrieb dürfen wir nicht allein außereuropäischen Akteuren überlassen, die in unserer Buchkultur nicht verankert sind. Hier sind auch im Bereich Körperschaftssteuern die Wettbewerbsbedingungen noch recht unausgewogen. Natürlich ist die Zunahme des Online-Verkaufs in den vergangenen Jahren eine erhebliche Herausforderung für den traditionellen Buchvertrieb in unseren Buchhandlungen, die zu den Schlüsselakteuren zur Sicherung kultureller Vielfalt gehören. Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis wollen wir auch Buchhandlungen fördern, die sich mit kreativen Geschäftsmodellen nicht zuletzt beim Online-Vertrieb profilieren.


Ein kritisches und kontrovers diskutiertes Thema ist die Konzentration des Buchhandels über Online-Anbieter wie Amazon, die versuchen, die Buchpreise zu diktieren und Verlage und Autoren finanziell in die Knie zu zwingen. Was können Sie gegen diese Entwicklung tun? Gibt es gesetzliche Möglichkeiten, den Buchhandel in seiner (noch vorhandenen) Vielfalt zu schützen?

Wir schützen unser dicht geknüpftes Buchhandelsnetz in Deutschland beispielsweise durch die Buchpreisbindung. Sie garantiert, dass ein Buch überall dasselbe kostet – ganz gleich, ob es von einem großen Kaufhaus in der Fußgängerzone, in einem Internet-Shop oder in einer Buchhandlung auf dem Land angeboten wird. Dadurch werden gerade kleinere Geschäfte und Verlage vor einem ruinösen Preiswettbewerb geschützt.

»Aber auch der Verbraucher hat eine Verantwortung: Letztlich entscheidet er mit seinem Kauf darüber, ob die gewachsenen und funktionierenden Strukturen des stationären Buchhandels gestärkt oder durch den Online-Kauf geschwächt werden.«

Außerdem profitiert das Buch vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz von nur 7 Prozent. Auch daran lässt sich ablesen, welchen Stellenwert die deutsche Politik dem Buch und den Buchhandlungen beimisst.

Aber auch der Verbraucher hat eine Verantwortung: Letztlich entscheidet er mit seinem Kauf darüber, ob die gewachsenen und funktionierenden Strukturen des stationären Buchhandels gestärkt oder durch den Online-Kauf geschwächt werden.


Jeder kann heutzutage über Print-on-Demand und E-Books zum sich selbst verlegenden Autor werden. Bewertungen über Produkte, auch über ein Buch, erfolgen immer mehr über soziale Netzwerke. Ist der klassische Autor zum Sterben verurteilt und resultiert daraus eine völlig neue Form der Literaturförderung? Weg von angestaubten Literaturvereinigungen hin zu Schreibwerkstätten, Poetry-Slams und Netzprojekten?

Nein, ganz sicher ist der klassische Autor nicht zum Sterben verurteilt! Diejenige »Literatur«, die in den sozialen Netzwerken entsteht, ist allerhöchstens eine Ergänzung, aber zurzeit ganz sicher kein Ersatz für die gedruckten Texte.

Neue Formen der Literaturvermittlung entstehen im Netz, und sie reagieren auch auf dortige Entwicklungen. So wird ein jüngeres, netzaffines Publikum für Literatur begeistert – und die anderen tauschen sich in Literaturvereinigungen aus. Diejenigen, die ich kenne, sind übrigens kein bisschen »angestaubt« …


Es wird immer wieder beklagt, die jungen Menschen schreiben und lesen nicht mehr. Dem gegenüber steht die Flut an Chatmitteilungen, Postings in sozialen Netzwerken, Erlebnisblogs und Fan-Fiction. Wie sehen Sie die Zukunft von Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter und welche Aufgaben ergeben sich hieraus für die Kulturförderung?

Pessimistisch jedenfalls sehe ich das nicht. Nach einer aktuellen Studie2 etwa greifen fast 90 Prozent aller Kinder zwischen vier und 13 Jahren mindestens einmal wöchentlich zu Büchern oder Zeitschriften, besonders zu Kindermagazinen. Der Grundstein für einen Bezug zu den »klassischen« Medien wird bei uns also schon früh gelegt.

»Wir können aber nicht einerseits von den jungen Leuten verlangen, dass sie die Herausforderungen unserer Zeit als ›Digital Natives‹ annehmen, und andererseits beklagen, dass Print von dieser Generation weniger genutzt wird.«

Besonders wichtig ist auch, dass die Eltern ihren Kindern schon im Vorschulalter vorlesen. Dass sich mit zunehmendem Alter die Mediennutzung immer stärker zu digitalen Medien hin verlagert, ist ganz klar. Wir können aber nicht einerseits von den jungen Leuten verlangen, dass sie die Herausforderungen unserer Zeit als »Digital Natives« annehmen, und andererseits beklagen, dass Print von dieser Generation weniger genutzt wird.

Tatsächlich haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass die Grenzen zwischen den klassischen Printmedien und den Online-Medien zunehmend verwischen. Entscheidend sind die Inhalte, nicht die Übertragungswege – heute befruchten sich die analoge und die digitale Welt gegenseitig.


Im Zuge der Digitalisierung entstehen neue Möglichkeiten der Textproduktion, es entstehen multimodale und interaktive Texte. Ist es Aufgabe der Kulturpolitik Ihres Hauses, Projekte zu neuen Formen der Literatur anzustoßen, und gibt es konkrete Projekte, die gefördert werden?

Die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen in der Literatur – wie auch in allen Bereichen von Kunst und Kultur – gehört selbstverständlich zu den Aufgaben meines Hauses. Allerdings müssen sich neue Formen aus den Künsten selbst heraus entwickeln, eine »staatliche Regie« kann und darf es auch hier nicht geben.

Eine wichtige Aufgabe der Kulturpolitik ist es gerade, Räume zu schaffen zur freien Entfaltung der Künste. Hier gibt es gezielte Angebote der Künstlerförderung. Im Bereich der Literatur ist es der aus Bundesmitteln geförderte Deutsche Literaturfonds: Dort können Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien beantragen, die sie unbeschwert arbeiten lassen – wie auch immer.

Außerdem gibt es Festivals wie die transmediale, wie den open mike, wie Poesie- und Übersetzertage. Sie alle greifen seismographisch neue Trends auf und können auch vom Bund über Projektmittel mit unterstützt werden. Über neue Formen der Literaturförderung müssen wir alle immer wieder nachdenken.


Frau Grütters, Sie haben an den Universitäten Münster und Bonn Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studiert. Welche Bedeutung haben die digitalen Medien heute für das Studium der Germanistik bzw. sollten sie haben?

Gerade in den Geisteswissenschaften waren und sind neben der Diskussion im Seminar und in der Vorlesung das Buch und ein Stift für Unterstreichungen und Anmerkungen immer noch von herausragender Bedeutung! Aber natürlich gehören digitale Medien heute zu jedem Studium dazu, sie sind längst integraler Bestandteil aller Studiengänge.

Die fortschreitende Digitalisierung macht es möglich, sich mit wenigen Klicks etwa seltene Literatur zu beschaffen, auf die man früher im Weg der Fernleihe oft lange warten musste. Der kritische Umgang damit aber will gelernt sein, nicht jede Quelle ist seriös, das wissenschaftliche Zitieren unterliegt höchsten Ansprüchen. Die schnellen Medien verleiten leicht zu Oberflächlichkeit, sie können den akademischen Diskurs nicht ersetzen. Der Versuchung zum »Copy and Paste« zu widerstehen, will erst einmal gelernt sein.


Und im Deutschunterricht? Studien zeigen immer wieder: Digitale Medien finden im Deutschunterricht nicht statt. Sollten digitale Medien als gelegentliches didaktisches Feuerwerk genutzt oder nachhaltig in den Deutschunterricht integriert werden?

Was für Universitäten gilt, gilt auch für Schulen: Gerade hier muss schon sehr früh Medienkompetenz vermittelt werden. Die Schulen tragen hier in Ergänzung der Elternhäuser große Verantwortung. Wie gehe ich mit dem Internet allgemein um, wie beschaffe ich mir Informationen, wie würdige ich kritisch diese Quellen, und wie verarbeite ich diese weiter – das sind wichtige Elemente einer medialen Erziehung bis hin zum Studium.

Und zurück zu Ihrer Frage: Digitale Medien sollten nachhaltig nicht nur in den Deutschunterricht integriert werden. Für die Schülerinnen und Schüler sind Computer längst selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Die Schule kann und darf das nicht ignorieren – sie tut es ja auch nicht.

Mehr zum Thema

Zeitschrift »Der Deutschunterricht«

Im Herbst 2016 erscheint die Ausgabe 5/2016 der Zeitschrift Der Deutschunterricht mit dem Thema Digitale Literatur und elektronisches Lesen, herausgegeben von Michael Staiger. Folgende Autoren/Beiträge sind enthalten:

  • Simone Winko: Literatur und Literaturwissenschaft im digitalen Zeitalter. Ein Überblick
  • Ruth Klüger: Anders lesen. Bekenntnisse einer süchtigen E-Book-Leserin
  • Steffen Richter: Literaturbetrieb und Digitalisierung
  • Ingo Niermann: Das internationale Modellprojekt „Fiktion“
  • Fotis Jannidis: Quantitative Analyse literarischer Texte
  • Christian Dawidowski: Die Digital Natives und der Literaturunterricht. Zur Zukunft eines Schulfaches im Zeitalter der Digitalisierung
  • Gesine Boesken: Literarisches Handeln von Jugendlichen im Internet – Literaturplattformen, Fan Fiction & Co.
  • Florian Radvan: Lesen, tippen, klicken, wischen, löschen: Digitale Textausgaben im Deutschunterricht
  • Axel Krommer: Digitale Jugendliteratur – als eBooks, Apps, im Netz
  • Forum: Digitale Literatur aus Verlegersicht. Interview mit Jo Lendle


Nach Meinung des Vorsitzenden des deutschen Rechtschreibrats, Hans Zehetmair, gefährde »Fetzenliteratur« (Twitter, SMS) die deutsche Sprache. Sie werde »verkürzt, vereinfacht und unverdaut wiedergekäut«. Welche Aufgaben für die Förderung der Sprachkultur sehen Sie angesichts der digitalen Revolution als zuständige Beauftragte der Bundesregierung?

Die neuen Kommunikationswege über die sozialen Netzwerke entwickeln in starkem Maß eigene Formen. Ob dies aber bereits eine Gefährdung der gesamten Sprache bedeutet, vermag ich objektiv nicht zu beurteilen. Nach meinem Eindruck ersetzt die Kommunikation über die verschiedenen elektronischen Medien nicht die persönliche Begegnung, den persönlichen Austausch. In der Regel, so erlebe ich es, wissen viele Nutzer sozialer Netzwerke durchaus zwischen den verschiedenen Sprachebenen zu differenzieren. Gleichwohl ist festzuhalten: Es sind noch sehr junge Entwicklungen, und man wird sie genau beobachten müssen.

»In der Regel, so erlebe ich es, wissen viele Nutzer sozialer Netzwerke durchaus zwischen den verschiedenen Sprachebenen zu differenzieren.«

Die Sensibilität im Umgang mit der Sprache zeigt natürlich jeder Einzelne zunächst selbst. Und die Sprachkultur ganz allgemein unterliegt einer permanenten Veränderung. Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: »Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt. Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht gebrauchen soll, in welchem eine andere Sprache Vieles oder Zartes gefasst hat.«

Die Bundesregierung nimmt ihre Verantwortung für unsere Sprache und vor allem für die Sprachpflege wahr, etwa durch die Förderung der Gesellschaft für deutsche Sprache, die Mittel aus meinem Haushalt erhält. Ihre satzungsgemäßen Aufgaben sehen u. a. Beratung in sprachlichen Fragen vor, Verständnis für Wesen, Bedeutung und Leistung der Sprache zu wecken und zu fördern sowie Anregungen zur Beschäftigung mit der Sprache und zur Vertiefung des Sprachgefühls zu geben. Die ebenfalls von meinem Haus mitgeförderte Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat die Aufgabe, »auf die pflegliche Behandlung der deutschen Sprache in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Gebrauch hinzuwirken«. Dieses Ziel unterstützen wir, u. a. mit der 2013 vorgelegten Publikation Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache, die eine wichtige Analyse zur gegenwärtigen Situation unserer Sprache darstellt.

Aus Begeisterung für und Liebe zu unserer schönen Literatursprache Deutsch habe ich Germanistik studiert. Daher weiß ich, dass Sprachstrukturen, Sprachentwicklungen nur schwer oder gar nicht autoritativ zu beeinflussen sind; und das dynamische Gebilde Sprache ist ja immer auch eine schöne Herausforderung. Umso wichtiger aber ist eine wirksame und gezielte Autoren- und Literaturförderung. Dazu haben wir viele Instrumente, von Stipendien bis hin zum Buchhandlungspreis. Das Wichtigste aber sind und bleiben die Leser, die Literaturliebhaber und die lesenden und schreibenden Freunde unserer deutschen Sprache.


Zwei Fragen zum Schluss: Welchen Roman haben Sie als Letztes gelesen?

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Es ist ein eindringliches, stilles, sehr persönliches Bild der letzten Kriegsmonate 1945. Weil im Mittelpunkt eine Figur steht, die an die Lebensgeschichte seines Vaters erinnert, hat der Autor Ralf Rothmann seinen Roman aus Pietät nicht dem Wettbewerb zum Deutschen Buchpreis aussetzen wollen.


Als E-Book?

Einen E-Book-Reader habe ich zuletzt meinem Bruder geschenkt, der im Ausland lebt. Ich selber lese mit Bleistift und Papier die echten Bücher in der Hand …


1 Das Interview wurde in der Zeitschrift Der Deutschunterricht, 1/2016 erstveröffentlicht.
2 KidsVerbraucherAnalyse: www.ehapa.de/pressemitteilungen/kidsverbraucheranalyse2015/

Zur Person

© Foto: Christof Rieken

Prof. Monika Grütters (CDU) ist seit dem 17. Dezember 2013 Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Sie ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und war von 2009 bis 2013 Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien.

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Zur Person

Peter Schlobinski

Prof. Dr. Peter Schlobinski ist Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache und Mitherausgeber von Der Deutschunterricht . Arbeitsschwerpunkte sind deutsche Grammatik und Gegenwartssprache, Soziolinguistik, Sprache und Neue Medien.

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