-gate

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Auch das ist ein Gate. Fotolia.com

Nicht erst in jüngerer Zeit begegnete uns ab und an und immer wieder – nein, nicht ein eigenständiges Wort, sondern vielmehr ein Bestandteil verschiedener zusammengesetzter Wörter, der seinen Ursprung im Angloamerikanischen hat: Die Rede ist von -gate.

1972 erschütterte der Watergate-Skandal den guten Glauben an die Rechtschaffenheit von Politikern: Von der US-amerikanischen Partei der Republikaner beauftragte Einbrecher waren bei dem Versuch erwischt worden, Abhörgeräte in den Sitzungsräumen der Demokratenpartei zu installieren. Dies förderte einen Rattenschwanz an weiteren vertuschten Machtmissbräuchen zutage, die schließlich zum Rücktritt des damaligen US-Präsidenten Nixon führten.
Der Watergate-Skandal hinterließ nicht nur bleibende Erinnerungen und Zweifel an der Politik, sondern auch eine sprachliche Besonderheit: die Verselbständigung und Verbreitung des Kompositionsbestandteils -gate zur Benennung von weitreichenden und zumeist politischen Skandalen und Affären. So wird dieser Skandal heute zumeist kurz als Watergate bezeichnet und hat sich so auch in den Wörterbüchern als ein »Skandal größten Ausmaßes« etabliert (z. B. Duden. »Das große Fremdwörterbuch«, 4. Aufl. Mannheim 2007).

Bei dem englischen Wort gate handelt es sich um ein freies Lexem, also ein eigenständiges, im mentalen Lexikon verankertes Wort, mit der Bedeutung ›Tor, Pforte‹; mit dieser Bedeutung existiert das Wort im Englischen noch immer. Zusammen mit water ›Wasser‹ bildet es das Kompositum water gate ›Wassertor, Schleuse‹. So wurde der Gebäudekomplex Watergate als Parteisitz der demokratischen Partei im gleichnamigen Viertel von Washington D. C. nach einer dort befindlichen Schleuse benannt.

Dass der Watergate-Skandal international spürbare Kreise zog, wirkte sich schließlich auch sprachlich aus: Obwohl -gate zunächst eine eindeutige Bedeutung im oben genannten Sinne besaß und in keiner Weise mit einer Affäre, einem Skandal in Verbindung gebracht werden konnte, setzte sich durch den Gebrauch von Watergate als verkürzte Bezeichnung für den Watergate-Skandal (hier kommt das rhetorische Stilmittel des pars pro toto, ›ein Teil [steht] für das Ganze‹ zum Tragen) ein Bedeutungswandel durch: Aus dem Kompositionsbestandteil -gate mit der ursprünglichen Bedeutung ›Tor, Pforte‹ entwickelte sich das produktive Wortbildungslexem -gate mit der völlig neuen Bedeutung ›Affäre, Skandal‹. Fortan wurde es auch an andere Lexeme angehängt, um weitreichende politische Skandale zu bezeichnen. Bereits im Anschluss an den Watergate-Skandal gab es entsprechende Neubildungen, die möglicherweise zunächst als humoriges Sprachspiel gemeint waren, so etwa im Jahr 1973 Volgagate als Bezeichnung eines Skandals, der sich in Russland zugetragen haben soll. Bald wurden weitere »-gates« geprägt, so etwa 1974 Vietgate, weiterhin Genschergate, Iraqgate, Koreagate, Winegate oder Cattlegate. In der Bildung Whitewatergate, einem Skandal um den ehemaligen US-Präsidenten Clinton, der vor seiner Präsidentschaft in Immobilien der später gescheiterten Whitewater Development Corporation investiert hatte, wird die sprachspielerische Komponente der Verwendung von -gate besonders deutlich, lehnt es sich doch besonders nah an Watergate an.

Über vier Jahrzehnte hat sich -gate mit seiner neuen Bedeutung in der englischen Sprache gehalten und sich als äußerst produktiv erwiesen, denn wenngleich es ungewöhnlich ist, dass nicht ein freies Lexem, sondern vielmehr ein gebundenes Lexem (denn als freies Lexem trägt gate nach wie vor seine ursprüngliche Bedeutung eines Tores) in andere Sprachen entlehnt wurde, traf man -gate bald auch in anderen Ländern zur Bezeichnung von politischen Skandalen an, darunter Deutschland, Ungarn, Argentinien, Griechenland und das ehemalige Jugoslawien. Die möglicherweise erste Verwendung in Deutschland geht auf das Jahr 1987 und die damalige Affäre um den Tod des Politikers Uwe Barschel zurück: In Anlehnung an das Original Watergate wurde zur Bezeichnung politischen Skandals in Schleswig-Holstein das niederdeutsche Wort Waterkant ›Küstengebiet‹ herangezogen; zusammen mit -gate bildete es so Waterkantgate.

Man kennt ähnliche Beispiele ebenfalls aus dem Englischen, in denen die ursprüngliche Bedeutung eines zur Wortbildung verwendeten Morphems bzw. Lexems in bestimmten Kontexten verblasst ist und zu einem produktiven Wortbildungsmorphem mit neuer Bedeutung wurde. Hierunter ist z. B. der -burger: Abgeleitet vom Hamburger stellte dieser Bestandteil indes ursprünglich weder ein gebundenes Lexem noch überhaupt ein Morphem dar. Es handelte sich beim Hamburger aller Vermutung nach nicht um einen Burger, also ein warmes belegtes Brötchen, das aus ham ›Schinken‹ bestand, sondern um ein mit verschiedenen Zutaten belegtes Brötchen, dessen Bezeichnung vom Eigennamen Hamburg bzw. vom Hamburger Rundbrötchen (ein halbes Brötchen belegt mit Rindfleisch) oder vom Hamburger Steak abgeleitet worden war: {Hamburg} + {-er}. Dennoch verbreitete sich der Bestandteil -burger als gebundenes Lexem mit einer eigenständigen Bedeutung und bildete Wörter wie Cheeseburger, Fishburger, Chickenburger. Heute ist der Burger als Bezeichnung für ein warmes belegtes Brötchen gar als freies Lexem in den Wörterbüchern verzeichnet. Auch der Kompositionsbestandteil -wood in Hollywood mit der ursprünglichen Bedeutung ›Wald‹ erlangte eine neue und eigenständige Bedeutung im Sinne einer Filmproduktionsstätte, als er mit anderen Kompositionserstgliedern verbunden wurde, etwa zu Bollywood (zur Bezeichnung indischer Filmproduktionen) oder Nollywood (zur Bezeichnung nigerianischer Filmproduktionen).

Ähnlich wie Burger ist Gate in jüngerer Zeit ebenfalls als freies Lexem anzutreffen (»Seit Montagabend ist die Weltgeschichte um ein weiteres Gate reicher«, Der Westen, 22.01.2013), häufiger sind jedoch noch immer Kompositionen. Bei diesen macht sich unlängst ein neuerlicher Bedeutungswandel von -gate bemerkbar: So werden vornehmlich nicht mehr weitreichende politische Skandale als -gate bezeichnet, sondern »Skandälchen« besonders aus dem Boulevardbereich, die durch das Anhängen von -gate den Anschein eines tatsächlichen Skandals von großer Tragweite erhalten. Darunter sind etwa Weinergate als »Skandal« um einen amerikanischen Abgeordneten namens Lawrence Weiner, der freizügige Bilder von sich an seine Twitter-Kontakte verschickte; Rubygate als »Skandal« um die Affäre des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi mit einer damals minderjährigen Prostituierten namens Ruby; Tunnelgate als »Skandal« um einen Fußballspieler, der einen anderen im Tunnel zur Umkleidekabine am Trikot zog; Trierweilergate als »Skandal« um den Mitarbeiter einer französischen Zeitung, der nach seiner allzu forschen Meinungsäußerung auf Twitter zur First Lady Valérie Trierweiler entlassen wurde; Katargate als »Skandal« um mögliche Schummeleien bei der Auslosung des Gastgeberlandes der Fußball-WM 2022 und jüngst Horsegate als englisches Synonym für den Pferdefleischskandal. So nehmen die Gates auch 40 Jahre nach Watergate kein Ende.

Frauke Rüdebusch