»Ich bin gleich Hauptbahnhof«. Wegfall von Artikel und Präposition im »Kiezdeutsch«

[F] Ich höre und lese immer häufiger Äußerungen, in denen Substantive ohne Artikel verwendet werden, z. B. »Ich bin gleich schon Hauptbahnhof« oder »Wir gehen erst noch Stadt«. Stellt dies eine Gefahr für das Standarddeutsch dar?

[A] Das Auslassen des Artikels vor Substantiven ist in der Standardsprache aus einigen festen Wendungen bekannt, so z. B. Er leistet Widerstand, Sie macht Feuer, Wir haben Geduld. Der Gebrauch des Substantivs ohne Artikel – häufig beschrieben unter Verwendung der Bezeichnung Nullartikel – ist auf bestimmte Fälle beschränkt, etwa bei Abstrakta (Sie hat Geduld), Eigennamen (Das ist Luca) oder Stoffsubstantiven (Er trinkt gerne Bier; vgl. Helbig/Buscha: »Deutsche Grammatik: Ein Handbuch für den Ausländerunterricht«, Berlin/München 2001).

In der Umgangssprache finden sich sogenannte »bloße Nominalphrasen«, also Phrasen bestehend aus einem Nomen ohne weitere modifizierende Elemente. Sie sind kennzeichnend für zahlreiche Sprachbeispiele in sozialen Gruppen. Es handelt sich hierbei um Soziolekte des Deutschen, die sich beim Aufwachsen in multiethnischen Vierteln (auch Kieze genannt) entwickeln. Die dort anzutreffende Sprechweise wird als Kiezdeutsch bezeichnet. Anders als oftmals fälschlich vermutet, beschreibt Kiezdeutsch nicht bloß die Ergebnisse des deutsch-türkischen Sprachkontakts, sondern stellt eine Sprachvariante des Deutschen dar, die z. B. in Berlin-Kreuzberg aus dem Zusammentreffen von Jugendlichen u. a. bosnischer, arabischer, türkischer und deutscher Herkunft entstanden ist (vgl. Heike Wiese: »Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht«, München 2012).

Aussagen wie »Ich bin gleich schon Hauptbahnhof« oder »Wir gehen erst noch Stadt«, in denen neben dem Artikel zudem eine Präposition wie zu oder in fehlt, sind immer häufiger auch in der Alltagssprache zu beobachten. So sind sie auch bei Sprechern ohne ausländischen Hintergrund auszumachen, die nicht in einem multiethnischen Umfeld aufgewachsen sind. Die gesprochene Sprache unterscheidet sich ja von der geschriebenen insofern, als sie weniger statisch ist und einen größeren sprachlichen Spielraum lässt. Insbesondere zeichnet sich gesprochene Sprache gegenüber der geschriebenen durch Verkürzungen aus. Auch in der Internetsprache werden oftmals Kürzungen genutzt, sie trägt somit eher Merkmale der gesprochenen als der geschriebenen Sprache.

Die beschriebenen Verwendungen von Substantiven ohne Artikel und Präposition sind im mündlichen Sprachgebrauch sowie der elektronischen Kommunikation existent, stellen aber für die Standardsprache keine Gefahr dar. Da diese Varianten nicht der standardsprachlichen Norm entsprechen, sollten sie von der Sprachgemeinschaft jedoch nicht bedenkenlos übernommen und reproduziert werden.