Schonungslose Wahrhaftigkeit

Die Titelzeile zitiert ein Filmdrehbuch, und das Zitat dürfte den meisten Jüngeren unter uns vielleicht gar nicht bekannt sein: Die schonungslose Wahrhaftigkeit bezieht sich auf die gefälschten Hitlertagebücher, die der Stern im Jahr 1983 publizierte ‒ in der Überzeugung, sie seien echt und eben »schonungslos wahrhaftig«. Aus dem journalistischen Desaster, als die Fälschung aufflog, hat der verstorbene Regisseur Helmut Dietl einen denkwürdigen Film mit Starbesetzung und dem angeführten Zitat gemacht.

Aber schonungslose Wahrhaftigkeit gibt es auch anderweitig, manchmal an unerwarteter Stelle, zum Beispiel in einem Pizzaprospekt. Wenn man selbst einen Pizzaservice unterhielte und finanziell haushalten müsste, würde man womöglich keinen echten Schinken kaufen, sondern so ein erst geschreddertes und dann wieder zusammengeklebtes Zeug, das eigentlich eher eine Art Sülze oder Corned Beef als ein Schinken ist. Das muss man natürlich – zumindest in Fußnoten – angeben.

Es besteht aber keine Notwendigkeit, der Pizza dann auch den Namen »Pizza Formfleischvorderschinken« zu geben, wie es in dem Prospekt eines Anbieters geschieht, statt etwa nur »Schinken« oder etwas edler klingend »Prosciutto«. Denn wenn die Information Formfleischvorderschinken im Kleingedruckten steht, ist der Deklarierungspflicht Genüge getan, und es ist aus unternehmerischer Sicht auch nicht sehr klug, das ganze Produkt so wenig appetitanregend zu benennen. Aber im Volksmund heißt es ja andererseits auch »Ehrlich währt am längsten«, und ehrlich ist es zweifellos, einen Formfleischvorderschinken als Formfleischvorderschinken zu bezeichnen. Und gegen die Ehrlichkeit bzw. Wahrhaftigkeit dieses Pizzadienstes, der diesen Prospekt unter die Leute bringt und wahrscheinlich auch seine »Pizza Formfleischvorderschinken«, ist auch an anderer Stelle nichts einzuwenden. Schließlich gibt es bei klassischen Pizzen und Nudelgerichten ja zumeist etliche Varianten mit Schinken, so auch bei diesem Pizzaservice. Aber in Sachen Formfleischvorderschinken gibt man sich keine Blöße: In dem insgesamt übersichtlichen Faltblatt wird das Wort sagenhafte 23 Mal verwendet, eben bei allen Gerichten mit Schinken. Lediglich auf den Seiten mit den Desserts und den Öffnungszeiten fehlt es.

Aus sprachlicher Perspektive ist vielleicht auch noch anzumerken, dass Formfleischvorderschinken ein ziemlicher Zungenbrecher ist. Aber für alle, denen das nicht so leicht über die Lippen geht, besteht ja immer noch die Möglichkeit, »einmal Nr. 3« zu bestellen, wahlweise in klein, Mittel, Groß oder Party (Klein- und Großschreibung übernommen). Oder vielleicht doch eine Pizza mit echtem Schinken oder gleich vegetarisch woanders ordern …

Nicola Frank