Ausgabe 3/2013

Vorwort in der Muttersprache 3/2013

Themenschwerpunkt: Sprachpurismus

Anlässlich der Gründung des Ortszweigs Braunschweig der GfdS fand am 3. November 2012 im Senatssaal der dortigen Technischen Universität das Symposium »Sprachpurismus einst und jetzt« statt. Schon lange war es ein Wunsch des Hauptvorstands der GfdS (besonders ihres jetzigen Vorsitzenden, der hier nun schon seit 40 Jahren wohnt), auch in der Löwenstadt einen Ortszweig zu gründen, doch immer wieder haben sich Hinderungsgründe ergeben. Vielleicht war bis zu dem Tag, an dem sich die beiden Unterzeichneten zusammentaten und den, wie wir meinen, geeigneten Rahmen und das für Braunschweig passende Thema fanden, die Zeit für eine solche Gründung noch nicht reif.

Bei den vorbereitenden Überlegungen für die Gründungsversammlung ergab sich das Thema nämlich aus zwei Gründen eigentlich von selbst:

Zum einen hatte es schon 2011 eine kleine Kontroverse mit Prof. Dr. Peter Eisenberg von der Universität Potsdam gegeben, der die GfdS in seinem an sich sehr lesenswerten und erhellenden Buch »Das Fremdwort im Deutschen«1 kurzerhand in die inhaltliche Nachfolge des Allgemeinen bzw. des Deutschen Sprachvereins gestellt hatte, der sogar in der Nazi-Zeit an seiner nationalistischen und extrem sprachpuristischen Gesinnung gescheitert war. Auch heutige sprachpflegerische Bemühungen stellte Eisenberg damals in den Kontext der Deutschtümelei. Richtig ist, dass die GfdS bei ihrer Gründung 1947 die Bibliothek des DSV und die »Muttersprache« übernommen hat, die nunmehr im 123. Jahrgang erscheint und unter der Ägide der GfdS und ihrer jeweiligen Hauptvorstände zu einer international anerkannten linguistischen Fachzeitschrift geworden ist. Richtig mag auch sein, dass die GfdS nach dem Krieg, wie Eisenberg schrieb, »von einem Teil der übriggebliebenen Personen mit einem Teil der übriggebliebenen Vereinsziele«2 gegründet worden ist; solange der Vorsitzende zurückdenken kann und das sind mittlerweile immerhin 31 Jahre der Mitwirkung im Gesamt- und 14 im Hauptvorstand haben Deutschtümelei oder gar Nationalismus in der GfdS und ihren Ortsvereinen so gut wie keine Rolle gespielt. Dies zeigte und zeigt sich auch in der vom (A)DSV radikal abweichenden Haltung gegenüber sprachpuristischen Bestrebungen.3 Immerhin war die kleine Kontroverse ein durchaus nicht unwillkommener Anlass, über die Vergangenheit nachzudenken. Und als Auftakt bot sich eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sprachpurismus an, der zwar nicht zur Geschichte, wohl aber zur Vorgeschichte der GfdS gehört. Zudem ist die Idee der Sprachreinigung so abwegig sie aus linguistischer Sicht auch ist ein Thema, das viele Deutschsprechende auch heute noch bewegt.

Zum andern hat die Geschichte des Sprachpurismus auch etwas mit Braunschweig zu tun, das in allen seinen Phasen eine nicht unbedeutende Rolle spielte:

Justus Georg Schottelius, der Vater der deutschen Grammatik, Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft (»Der Suchende«) und des Pegnesischen Blumenordens, verbrachte etwa die Hälfte seines Lebens als Gelehrter und Prinzenerzieher am Wolfenbütteler Hof und publizierte seine wichtigsten Werke in Braunschweig. Über die Ausprägung des Sprachpurismus in der Barockzeit informiert der Beitrag von Prof. Dr. Klaus Conermann von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

Joachim Heinrich Campe, Schriftsteller, aufklärerischer Pädagoge, Lexikograph, Verleger und u. a. mehrjähriger Erzieher der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, verbrachte über 30 Jahre in Braunschweig und Wolfenbüttel. Sein Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Wörter wurde sogar in Braunschweig geschrieben und veröffentlicht. Ihm verdanken wir Wörter wie Erdgeschoss für Parterre, Feingefühl für Delikatesse und Hochschule für Universität, während sich z. B. tendenziöse Bildungen wie Freigläubiger für Protestant und Menschenschlachter für Soldat nicht durchsetzen konnten. Über den pädagogisch begründeten Sprachpurismus des Aufklärers Campe informiert der Beitrag von Prof. Dr. Helmut Henne, Emeritus der TU Braunschweig.

In Braunschweig lebte von 1871 bis zu seinem Tode 1900 auch der Gründer und erste Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, Herman Riegel, der hier als Direktor des Herzoglichen Museums tätig war und als Professor für die Geschichte der Baukunst am Polytechnikum Carolo-Wilhelminum lehrte. Über den nationalistisch begründeten Sprachpurismus im Kaiserreich und dessen Folgen für das 20. Jahrhundert informiert Dr. Dr. h. c. Herbert Blume, früher TU Braunschweig, in seinem Beitrag.

In diese Phase extremer sprachpuristischer Bestrebungen im deutschen Kaiserreich, die sich v. a. auf die französisch dominierten Bereiche von Post und Bahn erstreckten, sich aber auch gegen die bereits zunehmenden Entlehnungen aus dem Englischen richteten, gehört auch die Begründung der deutschen Fußballsprache durch den Braunschweiger Gymnasiallehrer Konrad Koch. Seine sportpädagogischen und auf die Sprache bezogenen Bemühungen haben nicht nur (1874) den Fußball nach Deutschland gebracht und dazu beigetragen, dass Braunschweig trotz mancher Widernisse bis heute (und jetzt sogar wieder in Liga 1!!!) eine Fußballstadt geblieben ist, sondern auch maßgeblich mitbewirkt, dass englische Wörter aus der Sprache des Fußballs verdrängt und der englische Einfluss auf das deutsche Fußballlexikon bis heute marginalisiert wurde. Über dieses Thema referierte auf der Tagung Prof. Dr. Dr. h.c. Armin Burkhardt. 4

Das Thema Sprachpurismus passt also nirgendwo besser hin als nach Braunschweig, wo sich wie auch an der Wahl der Beiträger zu erkennen ist zugleich das Wissen über die Geschichte des deutschen Sprachpurismus konzentriert. Nun mag der Terminus »Sprachpurismus« selbst, wenngleich er eingebürgert ist, zu gewissen Missverständnissen einladen, weshalb an dieser Stelle vorausschickend eine Reflexion über mögliche Bedeutungen dieser Bezeichnung angefügt werden soll.

Nominalkomposita zeichnen sich im Deutschen durch eine ihnen innewohnende Mehrdeutigkeit aus. Das legendäre Beispiel Fischfrau ist ein besonders augenfälliger Fall dafür, wissen wir bei diesem Wort doch außerhalb eines Kontexts gewöhnlich nicht, ob damit eine Fischverkäuferin, eine Nixe, die Frau eines Fisches oder noch jemand anderes gemeint ist. Beim Kompositum Sprachpurismus kommt erschwerend hinzu, dass das erste Element dieses Worts, nämlich das Lexem Sprache, für sich genommen vieldeutig ist. Wenn mit dem Terminus »Sprachpurismus« Bestrebungen erfasst werden, die Sprache von fremden Einflüssen zu reinigen, sollte eigentlich klar sein, was mit dem Ausdruck Sprache genau gemeint ist. Gleiches gilt bezüglich der verwandten Bezeichnungen »Sprachpflege« und »Sprachkritik«.

Hierzu wissen wir spätestens seit dem 1916 erschienenen Cours de linguistique générale, der unter dem Namen Ferdinand de Saussure veröffentlicht, aber nicht von diesem allein verfasst worden ist5, dass sich hinter dem, was wir im Deutschen mit dem Ausdruck Sprache bezeichnen, mindestens drei verschiedene Konzepte verbergen, und zwar Konzepte, die allesamt für die Sprachwissenschaft von Belang sind. Im Französischen gibt es für jedes dieser Konzepte ein eigenes Wort: parole, langage und langue. Diese können wir einfach mit ›Sprache‹ ins Deutsche übersetzen, wir können aber auch präziser sein und die gemeinten Konzepte in unterscheidender Weise in Form von Nominalkomposita als Sprachgebrauch, Sprachfähigkeit und Sprachsystem bezeichnen. Dann ist evident, dass Sprachpurismus nicht die Sprachfähigkeit betreffen wird, denn diese ist übereinzelsprachlicher Natur und mithin kein Gegenstand, der überhaupt »fremden« Einflüssen zugänglich ist; die anderen beiden Konzepte von Sprache könnten aber ohne weiteres gemeint sein.

Bei den verbliebenen Ausdrücken Sprachgebrauch und Sprachsystem zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass hier das logische Verhältnis zwischen den jeweils beiden Wortbestandteilen von unterschiedlicher Art ist: Das Wort Sprachgebrauch bezeichnet den Gebrauch, den Menschen in ihrer Rolle als Sprachbenutzer von Sprache machen. Der Ausdruck Sprachsystem dagegen bezeichnet die Sprache selbst, und zwar in ihrer Eigenschaft, ein System zu konstituieren. In diesem Sinne ließen sich zwei Arten des Sprachpurismus annehmen, nämlich der Sprachgebrauchspurismus einerseits und der Sprachsystempurismus andererseits.

Ob das Sprachsystem aber tatsächlich Zielpunkt puristischer Bemühungen sein kann, hängt in starkem Maße davon ab, als Objekt welchen Typs man Sprache in diesem Sinne ansehen möchte. Konzipiert man es als konventionelles Gefüge von Normen, ist es eines puristischen Zugriffs sicher zugänglich. Sieht man es dagegen im Anschluss an Überlegungen des amerikanischen Sprachphilosophen Jerrold J. Katz6 im Sinne einer Realistischen Linguistik als ein abstraktes Objekt an, also als ein Objekt, das ganz wie die Gegenstände der Logik und der Mathematik eine Existenz außerhalb von Raum und Zeit hat, bietet es einer kritisch-wertenden Herangehensweise grundsätzlich keine Angriffsfläche.

Daraus lässt sich vermuten, dass Sprachpurismus im Besonderen wie auch Sprachkritik im Allgemeinen den Sprachgebrauch und nicht die Sprache als solche in den Blick nimmt (oder allenfalls das virtuelle Lexikon als dessen Resultat). In diesem Sinne kann beispielsweise nicht das Sprachsystem des Deutschen dafür gescholten oder verantwortlich gemacht werden, dass es die Existenz eines Worts wie Counter zulässt, sondern nur der Sprachbenutzer, der dieses Wort aus dem ihm verfügbaren Wortschatz wählt, um auszudrücken, was er (möglicherweise) genauso gut mit dem Wort Schalter machen könnte, welches das Sprachsystem des Deutschen ebenfalls bereithält.

Wir plädieren hier nicht für die Umbenennung von Sprachpurismus in Sprachgebrauchspurismus, sondern wollen nur darauf aufmerksam machen, dass die übliche Bezeichnung gewissermaßen in etwas knapper Form daherkommt und mit ihr in erster Linie gemeint ist, was die längere Bezeichnung zumindest deutlicher ausdrückt. In diesem Sinne können die Leser der folgenden Beiträge darauf eingestellt sein, anregende Informationen über wesentliche Etappen solcher sprachwissenschaftlicher Bemühungen in Deutschland zu erhalten, die sich kritisch mit bestimmten Merkmalen des Gebrauchs der deutschen Sprache auseinandersetzen, speziell mit der Frage, inwieweit »fremde« Elemente zu nutzen, aufgrund dessen in den deutschen Wortschatz zu integrieren oder sogar lexikographisch zu erfassen sind.

Wegen der thematischen Nähe zu den übrigen Beiträgen haben wir uns entschlossen, auch den Aufsatz von Prof. Dr. Hiroyuki Takada (Gakushuin-Universität Tokyo) »Die deutsche Sprachgeschichte als Vorbild Japans« in das vorliegende Heft aufzunehmen: Mit der Diskussion über die Vereinheitlichung von Schrift und Orthographie, den Anstrengungen zur Standardisierung der Grammatik und den Bestrebungen zur »Sprachreinigung« im Japan vom Beginn der Meiji-Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs werden hier in der Germanistik weitgehend unbekannte sprachpolitische Themen bzw. Aktivitäten beleuchtet, für die nicht immer zur späteren Zierde eines Ruhmesblatts v. a. das Deutsche Kaiserreich und damit z. T. der ADSV Pate standen.

Fußnoten

1 Eisenberg, Peter (2011): Das Fremdwort im Deutschen. Berlin/New York. – In der 2. Auflage wurde die betreffende Passage inzwischen korrigiert.

2 Ebd., S. 120.

3 Vgl. dazu Burkhardt, Armin (2013): »Die ›Anglizismen-Frage‹ aus der Sicht der GfdS.« In: Sprachreport. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache 1–2/2013, S. 38–42.

4 Dieser hat jedoch die Bedeutung Kochs bereits in anderen Publikationen gewürdigt: Vgl. v. a. Burkhardt, Armin (2010): »Abseits, Kipper, Tiqui-Taca. Zur Geschichte der Fußballsprache in Deutschland.« In: Der Deutschunterricht 3/2010, S. 2–16. – Der GfdS-Vorsitzende nahm auch zur Rolle der Anglizismen in der deutschen Gegenwartssprache Stellung (vgl. dazu die in Anm. 3 angegebene Publikation).

5 Vgl. zum Verhältnis der Ansichten von Ferdinand de Saussure und den unter seinem Namen im Cours veröffentlichten Jäger, Ludwig (2010): Ferdinand de Saussure zur Einführung. Hamburg.

6 Vgl. Katz, Jerrold J. (1981): Language and other abstract objects. Totowa, NJ.

Prof. Dr. Dr. h. c. Armin Burkhardt
Otto-von-Guericke-Universität
Institut für Germanistik
Zschokkestr. 32
39104 Magdeburg

Prof. Dr. Martin Neef
TU Braunschweig
Institut für Germanistik
Bienroder Weg 80
38106 Braunschweig