Ausgabe: Der Sprachdienst 2/2017

Was ist der Unterschied zwischen schmilzen und schmelzen ?

[F] Wo ist das Verb schmilzen geblieben? Man hört ja nur noch schmelzen, z. B. »Die Sonne bringt das Eis zum Schmelzen«. Wie kommt es aber, dass die Form schmilzen dennoch vertraut klingt?

[A] Schmilzen als Infinitivform existiert in der heutigen deutschen Standardsprache nicht, wohl aber das Verb schmelzen. Dieses »ist ein gemeingermanisches wort, dessen ursprung in die ursprache zurückreicht« (Grimm, Jacob und Wilhelm, »Deutsches Wörterbuch«, Band 9, Leipzig 1899). Schmelzen bedeutet so viel wie ›aus festem in flüssigen Aggregatzustand übergehen‹. Schmezen kann sowohl als intransitives Verb (ohne Objekt) als auch als transitives Verb (mit Objekt) gebraucht werden. Dem Duden ist zu entnehmen, dass das Verb schmelzen in der intransitiven und in der transitiven Verbform der starken Konjugation folgt: schmelzen – schmilzt – schmolz. Dies könnte erklären, weshalb die Grundform schmilzen angenommen wird. Früher wurde das transitive Verb jedoch schwach konjugiert: schmelzen – schmelzt – schmelzte (vgl. »Duden. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle«, 8. Auflage, Mannheim 2016).

Die intransitive Form (z. B. Er schmilzt) wird in der Bedeutung ›flüssig werden‹ gebraucht: Hier schmilzt etwas (von selbst), wohingegen der transitiven Form (z. B. Sie schmilzt Eisen) die Bedeutung ›etwas flüssig machen‹ entspricht, also etwas (von jemandem) geschmolzen wird.

In früheren Sprachstufen des Deutschen lassen sich auch Belege für schmilzen finden. So ist in Wilhelm Hoffmanns »Vollständigem Wörterbuch der deutschen Sprache«, Band 5, Leipzig 1871, smilzen als Variante zur Form schmelzen belegt. Im »Niedersächsischen Wörterbuch« von Albert Busch, Band 9.2, Kiel 2016, wird smilten als Variante zu smelten, smölten und smülten mit der Bedeutung der intransitiven Verbform ›flüssig werden‹ aufgeführt. In Moritz Heynes »Deutsches Wörterbuch«, Band 3, Leipzig 1906, ist Folgendes zu lesen: »Ein Infinitiv schmilzen ist einem mittelniederdeutschen schwachen smilten nachgebildet, findet sich aber höchst selten.« Heyne verweist auf das »Mittelniederdeutsche Wörterbuch« von Karl Schiller und August Lübben, die smilten als Variante zu schmelzen verstehen. Es lassen sich also einige Beispiele finden, die das Vorkommen von schmilzen vor allem im dialektalen Gebrauch der deutschen Sprache belegen, sodass es durchaus sein kann, dass einem die Infinitivform schmilzen noch heute hin und wieder begegnet und dann nicht als grammatikalisch falsch bewertet wird. In der Standardsprache gilt heute jedoch nur die Form schmelzen als korrekt.

Interessant ist – nebenbei bemerkt –, dass der urgermanischen Form das anlautende s (heute sch) fehlte, ein Phänomen, das auch heute noch vereinzelt nachzuweisen ist: Das indogermanische (s)meldô ist beispielsweise im deutschen Adjektiv mild zu finden, im englischen Verb to melt oder im griechischen μέλδω (meldo) . In Anlehnung an die Brüder Grimm kann gesagt werden, dass das Germanische das anlautende s generell, unabhängig vom Wort schmelzen, am besten erhalten hat, wohingegen außergermanischen Wörtern das anlautende s häufig fehlt, so zum Beispiel dem lateinischen Begriff taurus (›Stier‹), dem griechischen λήγειν (ligein ›schlafen‹) oder dem aus dem Sanskrit stammenden tudáti (›stoßen‹) (vgl. Grimm, Jacob und Wilhelm, »Deutsches Wörterbuch«, Band 9, Leipzig 1899).