Ausgabe: Der Sprachdienst 6/2016

Woher stammen die Namen von Ruhr und Rur/Roer?

[F] Haben die Namen der Flüsse Ruhr und Rur bzw. Roer einen gemeinsamen Ursprung? Ist womöglich die Krankheit Ruhr namensgebend?

[A] Sowohl der Flussname Ruhr als auch der Name Rur (niederländisch Roer mit der Aussprache [ru:r]) gehen zurück auf die althochdeutschen Namen dieser Flüsse: Rura. Damit handelt es sich um zwei Namen, die in der Sprachgeschichte denselben Ursprung besitzen, sich in ihrer Form jedoch unterschiedlich entwickelt haben. Zwar wurde schon verschiedentlich angenommen, dass das althochdeutsche Wort (h)ruora, niederländisch roer, zugrunde liegt mit der Bedeutung ›heftige, eilige Bewegung‹ und damit tatsächlich eine Verwandtschaft mit dem Verb rühren vorliegt, doch wahrscheinlicher ist eine vorgermanische Ableitung aus dem indogermanischen reu/ru mit der Bedeutung ›aufreißen, graben‹. Hierfür spricht, dass es Flussnamen auf Rur- auch außerhalb des germanischen Raums gibt und die Namen somit aus einer Zeit vor der Ankunft der Germanen stammen müssen (vgl. Duden, »Geographische Namen in Deutschland«, Mannheim 1999; Hans Bahlow, »Deutschlands geographische Namenwelt«, Frankfurt 1965).

Der Name der Krankheit Ruhr hingegen hat zwar die gleiche Form wie der Name des Flusses Ruhr, doch liegt hier ein anderer Ursprung zugrunde: Der Name der Krankheit ist tatsächlich zurückzuführen auf althochdeutsch (h)ruora, mittelhochdeutsch ruor(e) und gehört damit zum Verb rühren. Der Name leitet sich ab von (heftigen) Bewegungen, von Unruhe (bezogen auf die Krankheit vor allem im Unterleib). Auch das Substantiv Aufruhr ist hierauf zurückzuführen (vgl. Duden, »Großes Wörterbuch der deutschen Sprache«, Mannheim 2012).

Die verschiedentlich geäußerte Vermutung, der Flussname Ruhr gehe auf eine griechische Wurzel für ›fließen‹ zurück und habe damit den gleichen Ursprung wie der Name Rhein, wird in unseren Nachschlagewerken nicht bestätigt; sie gehen alle wie beschrieben von einer indogermanischen Wurzel aus. Eine Recherche zum Namen des Rheins ergab darüber hinaus, dass auch dieser Name auf das Indogermanische zurückzuführen ist: indogermanisch *erei- bedeutet ›fließen‹, vorgemanisch *Reinos ›Fluss, Strom‹. Über das Gallische (Renos) gelangte der Name demnach ins Lateinische (Rhenus) und Griechische (Rhenos), was die Schreibung beeinflusste (Rh-). Nur eine einzige konsultierte Quelle (Johann Jakob Egli, »Nomina Geographica«, Leipzig 1893) verweist auf ein Flusslexikon von 1743, in dem es hieß: »Was die eig. Abstammg. anlangt, ob er, nach Etlicher Meing., v. dem gr. Wort [griech. Wort] = fliessen od. dem kelt. riven herkomme, ist noch nicht so gar genau entschieden […].« Doch schon Egli selbst schenkt dieser Annahme kein Vertrauen und geht seinerseits von der Abstammung vom keltischen ren ›fließen, Fluss‹ aus. Er schreibt: »Eine keltische Etym. konnte […] lange Zeit keinen Anklang finden; erst durch K. Zeuss wurde sie […] gesichert […] und darf j. als allgemein angenommen gelten.«