Sollten Vornamen mit oder ohne Artikel verwendet werden?
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[F] Stimmt es, dass es zwar nicht falsch ist, Vornamen mit Artikel zu schreiben, aber dass das eben auch nicht schön ist und man daher den Artikel weglassen sollte? Bei einem Familientreffen gestern haben wir darüber diskutiert.
[A] Der Komplex »Eigenname und Artikel« ist in der Forschung noch nicht gänzlich geklärt. So haben Eigennamen als spezielle Substantive, die z. B. Individuen bezeichnen, eine ganz eigene Grammatik. Insbesondere das Setzen des bestimmten Artikels vor Vornamen ist kompliziert. Und gerade durch die Tatsache, dass der Vorname auf eine bestimmte Person referiert, ist der bestimmte Artikel hier, nicht aber bei normalen Substantiven, eigentlich überflüssig (das Paket ist eingetroffen vs. Peter ist eingetroffen).
Fest steht: Standardsprachlich steht der bestimmte Artikel grundsätzlich nicht. Allerdings verwenden ihn viele Personen beim Sprechen. Wie dies zu bewerten ist, hängt davon ab, wo in Deutschland wir uns befinden.
So ist der Gebrauch des definiten Artikels vor Vornamen im gesamten Süden (einschließlich Schweiz, Österreich, Luxemburg) umgangssprachlich und in den Dialekten üblich, sogar obligatorisch. Lässt man ihn weg, wirkt dies hochnäsig und bemüht standardintendiert. In Mitteldeutschland kommt es auf den Kontext an, ob der Artikel gebraucht wird oder nicht. Und in Norddeutschland hört man die Verbindung von Artikel und Vorname gar nicht gerne.
Dennoch ist im Norden zu beobachten, dass der Artikel mitunter gesetzt wird. Er übernimmt dann spezielle Funktionen. Insbesondere drückt er eine negative Haltung des Sprechers zum Gegenüber und allgemein (negative, aber auch positive) Expressivität aus (Der Peter hat mich geschlagen; Der Peter kommt). In solchen oder ähnlichen Sätzen wird der Artikel unter Umständen wie das Demonstrativpronomen dieser verstanden, zum Ausdruck von Bekanntheit und Distanz gleichermaßen, im Sinne von ›von dem wir mal gesprochen haben, von dem man so hört‹; in der Tat geht auch im Standarddeutschen eine (negative) wertende Wirkung von der Verbindung von Demonstrativpronomen und Vornamen aus (Dieser Peter ist mir sehr suspekt). Ferner sieht man, dass der bestimmte Artikel im Norden zum Ausdruck des Dativs genutzt wird (Gib das mal dem Peter). Dagegen wird er unterdrückt, wenn die bezeichnete Person sichtbar oder anwesend ist (Das ist Peter). Der Artikel würde dann wie eine Zeigegeste verstanden werden, was als unhöflich gilt.
In der Mitte Deutschlands orientiert man sich eher am Süden. Der Artikel wird hier allerdings nie gesetzt, wenn man sich selbst bezeichnet und einen anwesenden Namensträger vorstellt.
Im Süden ist das Setzen des Definitartikels vor Vornamen Brauch. Der Artikel erfüllt hier keine Funktionen oder Konnotationen. Es wird angenommen, dass er hier grundsätzlich zur Kasuskennzeichnung verwendet wird, wie wir es in der Standardsprache im Falle des Genitivs sehen (die Leiden der Maria). Auch wird vermutet, dass die Markierung des Genus bzw. Sexus eine Rolle spielt.
Insgesamt handelt sich beim Setzen des definiten Artikels vor Vornamen um ein Phänomen der gesprochenen Umgangssprache, das sich wohl immer mehr nach Norden ausdehnt. Im Schriftsprachlichen gilt im Allgemeinen, genauer für bestimmte Textsorten, ein distanzsprachlicher Ton. Das betrifft beispielsweise wissenschaftliche Texte, aber auch Zeitungsartikel, wenn eine überregionale Leserschaft die Zielgruppe ist. Hier lässt man den Artikel grundsätzlich, auch im Süden, weg.
Quellen
Debus, Friedhelm: Namenkunde und Namengeschichte. Eine Einführung. Berlin 2012.
Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 9. Aufl., Berlin 2019.
Nübling, Damaris; Fahlbusch, Fabian; Heuser, Rita: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012.