Der kleine Prinz in deutschen Mundarten

Buchinfo
Antoine de Saint-Exupéry
Der kleine Prinz in deutschen Mundarten
Hg. von Walter Sauer
kartoniert, 97 Seiten
ISBN: 978-3-98651-055-8
Edition Tintenfaß
Mit der vorliegenden Jubiläumsausgabe »Der kleine Prinz in deutschen Mundarten« legt die Edition Tintenfaß die 200. Kleine-Prinz- Ausgabe in Fremdsprachen der Welt und in zahlreichen (nicht nur deutschen) Dialekten vor. Den insgesamt 29 Kapiteln des »Kleinen Prinzen« (einschließlich der Widmung und einem Epilog) wird jeweils eine unterschiedliche deutsche Varietät gewidmet; angefangen mit der hochdeutschen Fassung der Widmung (»Für Léon Werth«) und dann je Kapitel fortschreitend ausgewählte niederdeutsche, mitteldeutsche und oberdeutsche Mundarten. Berücksichtigt sind dabei auch deutsche Dialekte, die außerhalb Deutschlands gesprochen werden, in Frankreich (Elsass), der Schweiz, Belgien, Österreich, Italien (Südtirol), Brasilien und den Vereinigten Staaten.
Der kleine Prinz (Originaltitel: Le Petit Prince) von Antoine de Saint-Exupéry gehört zur Weltliteratur – und das zu Recht: eine bewegende Geschichte über einen kleinen Prinzen, der durch das Universum reist und dabei auf unterschiedliche Persönlichkeiten trifft – darunter ein notgelandeter Pilot (Erzähler der Geschichte) und ein Fuchs, mit denen er tiefgehende Freundschaften schließt und neugewonnene Erkenntnisse austauscht. Seit es 1943 erschienen ist, wurde das Werk in 618 verschiedene Sprachen und Dialekte übersetzt und begeistert noch heute – über 80 Jahre später – junge und alte Menschen auf der ganzen Welt. Eine zeitlose Erzählung also, die durch Tiefsinn und Herzlichkeit überzeugt. In dieser Ausgabe nun wird sie den Lesenden kapitelweise in unterschiedlichen deutschen Dialekten nahegebracht.
Dem Quellenverzeichnis kann entnommen werden, dass es für jeden Dialekt, dem in dieser Jubiläumsausgabe ein Kapitel gewidmet wird, bereits eine von der Edition Tintenfaß eigens veröffentlichte Ausgabe gibt. Das Inhaltsverzeichnis verrät sodann, welcher Dialekt wann in der Erzählung in Erscheinung tritt, und hilft somit bei der Orientierung. Zu Beginn des Buchs findet man zusätzlich eine Deutschlandkarte, auf der markiert ist, welches Kapitel in welchem Dialekt wiedergegeben wird und wo in Deutschland – oder darüber hinaus auch in Frankreich, der Schweiz, Italien etc. – er gesprochen wird. Die Anordnung der Dialekte in den Kapiteln ist mit Bedacht gewählt; beginnend mit dem ersten Kapitel im Nordwesten Deutschlands knüpft jedes weitere Kapitel nämlich mit einem Dialekt an, der dem vorherigen räumlich nah und sprachlich ähnlich ist. Ausgenommen sind dabei die Mundarten außerhalb Deutschlands. Trotz einzelner dialektaler Unterschiede schafft es der Herausgeber, einen flüssigen Über- gang zwischen den Kapiteln zu generieren. Natürlich ist aber auch festzustellen, dass diejenigen Dialekte, die mit dem im Hochdeutschen bekannten Buchstabeninventar gebildet werden, einfacher zu verstehen sind als solche, die Buchstaben mit für das Deutsche ungewohnten diakritischen Zeichen verwenden (so etwa Mittelhessisch, Eupener Platt, Stroßbùrjerisch oder Hunsrik, mit Buchstaben wie z. B. ë, å und á/à). Diese stellen beim Lesen eine Herausforderung dar, weil man bei den unbekannten Zeichen bloß vermuten kann, wie der jeweilige Buchstabe oder das gesamte Wort letztlich auszusprechen sind. So fällt das Lesen der folgenden Beispielsätze zunächst recht schwer: »Åwer däi Blomme häi, däi wåår oo emm eezije Dååg gekaimt, aus emm Suume, voo deem niemed wosst, wuuhäär e kuum« (Mittelhessisch, Kap. VIII) und »Ti khameraate woo ich pekeechënt hon wii ich tsurik khom sin, waare froo këp wii se mich kesunt un kerët kesiin hon« (Hunsrik, Kap. XXVII). Auf der anderen Seite gibt es aber auch Dialekte in dem Buch, die zu lesen leichterfällt, wenn sie mit der eigenen Sprachbiografie vereinbar sind. So gelingen das Lesen und Verstehen schneller, wenn man sich spezifisch mit einem oder mehreren Dialekten auskennt oder gar aus der jeweiligen Region stammt, in der sie gesprochen werden.
Zu loben ist, dass diese Ausgabe nicht bloß Wort für Wort aus dem Hochdeutschen in die jeweilige Mundart übersetzt, sondern auch dialektspezifische Eigenarten berücksichtigt und Ausdrücke integriert, die so nur in dem entsprechenden Dialekt vorkommen. Beispiele dafür liefern die Interjektion »Ei!« oder die Grußformel »Guden Dach!« aus dem Hessischen (Kap. XI). Aus sprachwissenschaftlicher Sicht interessant sind zudem Partizipbildungen wie »ausgefiggert« (von engl. [to] figure out) und »gepliest« (von engl. [to] please), die hier im Pennsylfaanisch Deitsch (Kap. XXV) auftreten.
Insgesamt gelingt es dem Herausgeber gut, die Geschichte fließend zu vermitteln. Die einzelnen Mundarten werden mit Detail und Witz dargestellt, was allerdings die Gefahr birgt, dass die Tiefgründigkeit und auch Ernsthaftigkeit der Geschichte des kleinen Prinzen eventuell nicht mehr so deutlich zum Tragen kommen, da manche Ausdrücke doch sehr zum Schmunzeln anregen. Andererseits trägt die Übersetzung in so viele Sprachen und auch Dialekte wie möglich dazu bei, dass diese brillante Geschichte nur noch mehr Menschen – oder Herzen – erreicht. Denn wie lehrt es uns der Fuchs so schön: »Me siht numme mit em Herz guet. Was wichtig isch, siht me mit de Auge nit.« (Alemannisch, Kap. XXI)
Amalie Groß