3. März 2025
Kleines Lexikon Krieg und Sprache: Israel–Palästina
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Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist mit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 in ein weiteres Stadium der Auseinandersetzung gegangen. An ihm zeigt sich, dass der Sprachraum Krieg weiter die weltweiten und öffentlichen Diskussionen mitbestimmt. Eine besondere Qualität erhält der Nahostkonflikt durch die Tatsache, dass nicht nur Kriegs- und Konfliktwörter auftauchen (»Irregulärer Kämpfer«), sondern auch Begriffe aus der Umgangssprache (»Abi-Party«) bzw. des alltäglichen politischen Diskurses (»Fördergeld-Affäre«) an diesen Sprachraum heranrücken. Die GfdS will in diesem Zusammenhang erneut einen konstruktiven Beitrag zur Dokumentation und Information in diesem Bereich beitragen.
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A
Abi-Party, die:
1. Im Anschluss an alle erfolgreich abgelegten Abiturprüfungen erfolgende Feier, die das Erlangen der bestandenen Allgemeinen Hochschulreife dokumentiert. Diese wird oftmals mit dem Lehrkörper wie auch weiteren Familienmitgliedern – unter Begehung diverser Abi-Streiche – begangen.
2. Das Gymnasium Tiergarten in Berlin sagte die für den 05.07. geplanten Abiturfeierlichkeiten für 2024 ab. Grund hierfür waren etwa 50 Schülerinnen und Schüler, die sich per WhatsApp zusammengeschlossen hatten, um am Tag der Feier eine massive propalästinensische Protestaktion auszuführen, bei der auch Ausschreitungen »nicht ausgeschlossen« werden könnten.[1]
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Abrahamitische Religionen, die:
1. Bezeichnung für die drei monotheistischen Religionen, die sich in ihrer Genealogie auf Abraham (Judentum, Christentum) bzw. Ibrahim (Islam) als Stammvater berufen.
2. Vertreter aller drei Abrahamitischen Religionen sind unter historischer Perspektive eine beteiligte Partei in dem Multikonflikt (insbes. b) Mandatsunterteilung Palästinas) der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina, die sich in dem widersprüchlichen Verhalten Großbritanniens nach dem Ersten Weltkrieg ausdrückt (Balfour-Deklaration, Hussein-McMahon-Korrespondenz, Sykes-Picot-Abkommen).
3. Über die Frage nach der einen und wahren monotheistischen Religion ist in der Zeit- und Kulturgeschichte kontrovers gerungen worden. Eine mögliche Interpretation aus literarisch-philosophischer Perspektive bietet die Ringparabel des Dichters Gotthold Ephraim Lessing.
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Adidas:
Sportartikelhersteller aus Deutschland mit internationaler Präsenz, der das Sneaker-Modell »SL 72« auf den Markt brachte, das von seinem Design an die Olympischen Sommerspiele von 1972 in München erinnern soll. Diese waren überschattet von einem Attentat der palästinensischen Terrororganisation »Schwarzer September« auf die israelische Mannschaft, von der elf Teilnehmer getötet wurden. Der Schuh wird zudem u. a. von dem Model Bella Hadid beworben. Die israelische Botschaft verweist in einem Post auf X auf Israel-kritische Aktivitäten Hadids und fragt nach einer diesbezüglichen Kommentierung durch den Sportartikelhersteller.
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Advisory Opinion:
Das Gutachten eines Gerichts, wie etwa des Internationalen Gerichtshofes (IGH), welches juristische Rechtsfragen klären und kommentieren soll, um in der Folge Empfehlungen auszusprechen. Diese sind jedoch für keine Partei bindend. Im Falle der A. des IGH genießen diese allerdings eine hohe internationale Wertschätzung.
Affront, der:
1. Eine (willentlich und wissentlich) durch Worte oder Taten herbeigeführte öffentliche Beleidigung/Kränkung einer Person, einer Gruppe, eines Landes o. Ä.
2. Der israelische Minister für öffentliche Sicherheit des Regierungskabinetts VI von Benjamin Netanjahu, Itamar Ben-Gvir, hat am 18.07.2024 mit einem Gebet auf dem Tempelberg in Jerusalem für einen A. gesorgt. Dieser resultiert aus zwei Argumenten. Zunächst ist Ben-Gvir a) Vorsitzender der rechtsextremen und nationalistischen Partei Otzma Yehudit. In seiner Regierungsfunktion drohte Ben-Gvir mehrfach mit seinem Austritt, sofern Ministerpräsident Netanjahu einem Abkommen mit der Hamas zum Zweck der Geiselbefreiung zustimmen würde, die wiederum den Krieg beenden könnte. Ferner ist b) der Tempelberg sowohl für Muslime (al-Aqsā-Moschee, Felsendom) als auch für Juden (zwei ehem. Jerusalemer Tempel) ein heiliger Ort. Dabei gilt die Vereinbarung, dass Juden den Ort besuchen, nicht jedoch dort beten dürfen. Dies verstärkt die Brisanz des A. von Ben-Gvir, da dieser in einem auf X veröffentlichten Video für die Rückkehr der Geiseln bete, »ohne einen leichtsinnigen Deal, ohne Kapitulation«.[2]
3. Einen mutmaßlich versehentlichen A. beginn die Firma > Adidas mit der Marketingkampagne eines Sneakers, der an die Olympischen Sommerspiele 1972 erinnern sollte.
Armageddon, das:
1. Biblischer Ort (Offenbarung des Johannes, 1,1) im Neuen Testament, an dem die alles entscheidende Schlacht zwischen Gut und Böse entschieden wird.
2. Umschreibung für die Gefahr, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina zu einem unkontrollierbaren, ggf. auch atomaren Krieg mit dem Iran und seinen Proxies ausweitet. Dabei wird befürchtet, dass im Gefolge einer solchen Auseinandersetzung eine unvermeidbare Sogwirkung (Russland und China als Partner Irans vs. die USA als Partner Israels) für eine Weltkrise (Gefährdung globaler Ölversorgung, Störung des Welthandels) entsteht, die schlimmstenfalls einen apokalyptischen Weltkrieg heraufbeschwört.
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Aid Worker Security Database (kurz: AWSD):
1. Internationale und forschungsbasierte Sammlungs- und Publikationsplattform (https://www.aidworkersecurity.org/) von Informationen über gravierende Sicherheitsvorfälle in Krisen- und Kriegsgebieten, die durch vorsätzliche Gewalt gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen gekennzeichnet sind. Laut New York Times gilt die AWSD als globale Referenz für a) die Dokumentation quantitativer Nachweise zur Bewertung der Sicherheitslage in spezifischen Gebieten. Sie bietet b) die Grundlage der Beurteilung von Trends bei spezifischen Sicherheitsbedrohungen. Ihre Daten sind regelmäßig das argumentative Fundament in politischen Debatten und offiziellen Erklärungen (z. B. Vereinte Nationen).
2. So dokumentiert die A. seit dem 7. Oktober 2023 für den Israel-Palästina-Konflikt: »338 Helfer seien Opfer der IDF-Angriffe geworden […]. 259 Helfer starben während der Arbeit – oft in Gebieten, die dem UN-Nothilfebüro OCHA zufolge nicht als Hochrisikogebiet gelten«.[3]
Amicus-Curiae-Brief, der:
1. (lat. Freund des Gerichts) Bezeichnung eines Schreibens, dass im Rahmen einer anhängigen juristischen Frage dem entscheidenden Gericht unverbindlich relevante Informationen oder Sachverhaltsinterpretationen zu dessen Entscheidungsfindung zur Verfügung stellt. A. sind (z. B. zu gerichtlich bestellten Gutachtern) nicht auf die zu verhandelnde Sache beschränkt und müssen nicht unparteiisch sein.
2. Am 26.07.2024 wurde nach übereinstimmenden Medienberichten bekannt, dass Deutschland ein Amicus-Curiae-Schreiben versandt hat. Dieses erging an den Internationalen Strafgerichtshof vor dem Hintergrund des gegen Benjamin Netanjahu beantragten Haftbefehls. Die Richterinnen und Richter in Den Haag haben darüber zu entscheiden, ob dieser Haftbefehl tatsächlich erlassen wird. Auch wenn der konkrete Inhalt des Briefes geheim ist, sickerte durch, dass nach Meinung der Bundesregierung der Internationale Strafgerichtshof juristisch gar nicht zuständig für Benjamin Netanjahu sei. Berlin argumentiert, »dass schon die innerstaatliche israelische Justiz so gut arbeite, dass für den Internationalen Strafgerichtshof gar keine Arbeit mehr übrig bleibe.«[4] Insgesamt haben 20 Staaten Amicus-Curiae-Briefe an den IStGH in dieser Causa versendet; die letzte Frist für eine Einsendung endet am 06.08.2024.
[1] https://www.spiegel.de/panorama/bildung/berlin-gymnasium-sagt-abitur-feier-ab-wegen-pro-palaestina-protests-a-036a9d25-ae0f-4c86-8962-1dd0c4527c50
[2] https://www.spiegel.de/ausland/israel-polizeiminister-itamar-ben-gvir-empoert-erneut-mit-tempelberg-besuch-a-8c65828b-7f76-48a4-ab4c-b60ed6204b50.
[3] Heubl, Ben, Léonard Kahn und Dunja Ramadan (2024). »Helfer im Fadenkreuz«. In: Süddeutsche Zeitung 160 v. 13./14.07., S. 9.
[4] Steinke, Ronen (2024). »Ein gutes Wort für einen guten Freund«. In: Süddeutsche Zeitung 171 v. 26.07., S. 2.
B
Balfour-Deklaration, die:
Namensgeber der am 02.11.1917 abgegebenen Erklärung ist Arthur James Balfour (25.07.1848–19.03.1930), der von 1902 bis 1905 britischer Außenminister war. Darin sichert Großbritannien dem jüdischen Volk zu, der Gründung einer »nationale Heimstätte« für sie aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Unklar blieb darin jedoch, wo diese geografisch verortet sein soll.
Bauernopfer, das:
1. Bestandteil einer metaphorischen, aus dem Schachspiel genährten Redensart, bei der i. d. R. eine strategisch minderwertigere Spielfigur zugunsten einer höherrangigen geopfert wird.
2. Am 16.06.2024 versetzte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger ihre Staatssekretärin Sabine Döring (hier: das Bauernopfer [Ministern vs. Staatssekretärin]), weil diese in der sog. Fördergeld-Affäre mutmaßlich die Prüfung des Entzugs öffentlicher Forschungsgelder initiiert haben soll.
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Berlinale, die:
Die 74. Internationalen Filmfestspiele Berlin (kurz: Berlinale) fanden vom 15.02.–25.02.2024 statt. Hier kam es zu Beginn und am Ende der Veranstaltung am 24.02. zu diversen Vorkommnissen, die im Zusammenhang mit dem aktuellen Israel-Palästina-Konflikt stehen. So trugen verschiedene Gäste zu Beginn der Veranstaltung auf dem Roten Teppich Kufiyas. Verschiedene Preisträger schlossen sich während der Preisverleihung in unterschiedlichen Formen einseitig der Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung an. Kritisiert wurde in der Folge, dass »eine der wichtigsten Kulturveranstaltungen in Deutschland für ideologische Hetze gegen Israel und Juden missbraucht«[5] werde. Die Kritik betraf dabei auch die mutmaßlich unkritische Berichterstattung der ARD sowie die Frage, »warum niemand den Rednern auf der Bühne widersprochen hat, als Begriffe wie ›Apartheid‹ und ›Genozid‹ fielen«[6] – insbesondere auch von der Hausherrin der Veranstaltung, Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Diese formulierte ihre Missbilligung der Einseitigkeit der Stellungnahmen erst nachträglich, obwohl sie selbst Teilnehmerin der Filmfestspiele war.
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»Brennt Gaza, brennt Berlin«:
Ein in Berlin verwendeter Slogan der Gewaltandrohung in Form einer Wenn-dann-Logik. Dieser stand u. a. an der Schulwand des Gymnasiums Tiergarten in Berlin; jener Schule, welche ihre geplante > Abi-Party absagte, da Schülerinnen und Schüler eine propalästinensische Protestaktion ankündigten. Ebenso wurde der Slogan bereits im Mai 2024 »an der Fassade des Rathauses Tiergarten entdeckt; einen Monat später schrieben ihn bisher unbekannte Täter an eine Außenwand der Parteizentrale der SPD in Kreuzberg«.[7]
Büchsenspanner, der:
1. Beruf, bei dem der B. einem Jäger/Schützen eine schussbereite Waffe (Jagdgewehr) reicht, um dessen Schussfrequenz zu erhöhen. Der B. ging aus dem Beruf des Armbrustspanners hervor.
2. Häufig im politischen Kontext übertragene Bedeutung eines willfährigen (ggf. ideologisch verhärteten) Helfers/Handlangers.
3. Das Regierungskabinett des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu gilt als das am meisten religiös geprägte und politisch rechtsstehende in der Geschichte Israels. Rechtsextreme und ultraorthodoxe Regierungsmitglieder versuchen wiederholt, oppositionelle Meinungen zu diskreditieren: »Netanjahu und seine Büchsenspanner werden Gantz mit dem Vorwurf jagen, Verrat begangen und mitten im Krieg das Land gespalten zu haben.«[8]
[5] Blazekovic, Aurelle von, Laura Hertreiter, Marlene Knobloch und Susan Vahabzadeh (2024). »Habt ihr gut geschlafen?« In: Süddeutsche Zeitung 48 v. 27.02., S. 9.
[6] Häntzschel, Jörg (2024). »Na, bravo«. In: Süddeutsche Zeitung 49 v. 28.02., S. 9.
[7] Heidtmann, Jan (2024). »Brennt Gaza, brennt die Schule«. In: Süddeutsche Zeitung 163 v. 17.07., S. 6.
[8] Münch, Peter (2024): »Ein Mann und sein Wort«. In: Süddeutsche Zeitung 131 v. 10.06., S. 4.