Meinung


Anmerkung
Wie immer nähern wir uns den Ausdrücken über die sprachliche Seite, lassen dabei aber die inhaltliche Seite und den aktuellen Verwendungskontext nicht außer Betracht. Als Begriff ist Meinung jedoch äußerst kontrovers, er beinhaltet eine (gesellschafts-)philosophische Komponente und ist politisch inzwischen so aufgeladen, dass wir ihn im Rahmen dieses Zeit-Worts nicht annähernd von allen Seiten beleuchten können. Um die wesentlichen Hintergründe und Zusammenhänge möglichst sachlich darlegen zu können, werden wir daher einige Aspekte nicht tiefergehend ausführen, sondern sie nur anreißen.
Seit einigen Jahren wird ein Wort mit eigentlich unzweifelhafter Bedeutung immer wieder infrage gestellt, verschrien, gar missbraucht oder – im Gegenteil – beschworen, und inzwischen scheint sich niemand mehr so sicher zu sein, was es eigentlich impliziert: das Wort Meinung, mit ihm zusammen viel zitiert das Wort Meinungsfreiheit. Dort, wo von Meinung die Rede ist, dürfen weitere Ausdrücke nicht unerwähnt bleiben, so Behauptung, Tatsache/Fakt, Wissen, aber auch Glauben. Sie alle verfilzen zunehmend zu einem zauseligen Teppich, und es wird immer schwieriger, die Begriffe klar voneinander abzugrenzen. Doch genau dies ist so wichtig – nicht nur im Hinblick auf die Möglichkeit, immer mehr und immer brisantere Nachrichten und Meldungen richtig einordnen und mit ihnen umgehen zu können, sondern damit einhergehend auch, um unsere demokratische Ordnung, die Rechte jeder und jedes Einzelnen zu wahren.
Bei einer Meinung handelt es sich nach aktuellem Verständnis um eine persönliche Ansicht, Überzeugung oder Einstellung, eine individuelle Sichtweise, durch die ein Urteil über jemanden oder etwas gebildet werden kann. Etwas weitergefasst, als öffentliche Meinung, kann es sich auch um eine in der Gesellschaft diskutierte und vorherrschende Auffassung handeln, vorwiegend in Bezug auf politische Sachverhalte. Das Wort existierte bereits im Althochdeutschen in der Form meinunga (zugrunde liegt germanisch *maino) und hat im Laufe der Jahrhunderte einen gewissen Bedeutungswandel durch- laufen. Als Substantiv geht es zurück auf das Verb meinen im Sinne von ›eine bestimmte Ansicht haben, annehmen, denken‹ zu althochdeutsch meinan ›sinnen, (nach)denken, (feindlich oder freundlich) gesinnt sein, einem etwas angenehm machen, seine Gedanken auf etwas richten‹. Letztere Bedeutung entwickelte sich im Mittelhochdeutschen weiter zu ›lieben‹, ist jedoch inzwischen wieder verloren gegangen. Zunächst stand das Wort Meinung für den Sinn, die Bedeutung einer Aussage oder eines sprachlichen Zeichens; im Deutschen nicht mehr erkennbar, hat sich diese Lesart im englischen meaning ›Bedeutung‹ bis heute erhalten. Im 18. Jahrhundert noch recht verbreitet war die Lehrmeinung als eine ›innerhalb einer Wissenschaft allgemein anerkannte Meinung‹, das heißt, sie gründete nicht auf persönlicher Ansicht, sondern auf Wissen und auf Wissen beruhenden Einschätzungen. Bei Kant wird dann schon das heutige Verständnis des Ausdrucks deutlich: Ihm zufolge steckt hinter dem Verb meinen »ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten«.1
Wie Meinung selbst unterliegen auch weitere Wörter in dessen Bedeutungsspektrum – wenngleich sicher graduierbar – stets der subjektiven Wahrnehmung, darunter Ahnung, Ansicht, Auffassung, Vermutung, Vorstellung, Überzeugung. Sie alle beruhen auf persönlicher Einstellung, individuellen Wertvorstellungen und subjektiver Wahrheit – nicht notwendiger- (aber durchaus möglicher-)weise auf Wissen. So kann eine Meinung auch (objektiv) einen Irrtum beinhalten oder darauf beruhen. Demgegenüber stützt sich Wissen zunächst einmal auf Fakten bzw. Tatsachen; hierbei handelt es sich um einen wirklichen, gegebenen, nachzuweisenden oder schon nachgewiesenen Umstand – eine objektive Wahrheit. Auch dafür gibt es jedoch Einschränkungen, denn diese Fakten haben nur so lange Anspruch auf Allgemeingültigkeit, wie sie nicht widerlegt werden; auch Wissen kann sich somit als falsch herausstellen. Eine Meinung unterscheidet sich darüber hinaus auch von Glauben, denn wer etwas glaubt, hält dies für wahr und gibt es mitunter als Tatsache bzw. Wissen wieder, wenngleich er dieses nicht objektiv begründen kann. Gerade letztere Unterscheidung – jene zwischen glauben und meinen – verschwimmt allerdings sprachlich so häufig, dass beides oft nicht sauber voneinander abgegrenzt werden kann (vgl. z. B.: »Ist das so?« – »Ich glaube ja« vs. »Ich meine ja«).
Die Grenze zwischen Meinung und Wissen beginnt dort zu verwischen, wo etwas als Tatsache hingestellt wird, das jedoch nicht mit Beweisen untermauert werden kann; hier finden wir auch mit dem Ausdruck Meinung sinnverwandte Wörter wie Spekulation, Verdacht, Behauptung oder Unterstellung, die sich dem Bedeutungsumfang der Tatsache annähern, jedoch nicht damit gleichzusetzen sind (auch wenn es sich so verhalten kann). Problematisch ist dabei, dass selbst diese »Grauzone« zwischen Meinung und Wissen im Verschwinden begriffen zu sein scheint. Stattdessen werden die Etikettierungen von Meinung und Tatsache häufig unverblümt und ohne Scham in beide Richtungen vertauscht: Meinungen werden zu Tatsachen erklärt, ob objektiv begründbar oder nicht; Fakten, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, werden hingegen als Meinungen abgetan. Beispiele hierfür finden sich erschreckenderweise zuhauf, man denke nur an die Corona- oder Klimadebatte. Indem erwiesene Fakten zu Meinungen erklärt werden, erhalten Zweifel an eben diesen Fakten eine Berechtigung. Andersherum werden Meinungen und unbelegte Behauptungen dadurch potenziell unangreifbar gemacht, dass sie als Tatsachen präsentiert werden. Eine Diskussion, die auf einem Austausch von begründeten Argumenten beruht, wird dadurch im Keim erstickt, denn es gibt keine gemeinsame Basis, keine übereinstimmende Definition von Meinung und Tatsache, viel weniger noch übereinstimmende Quellen, aus denen sich Meinungen und Tatsachen speisen.
Die Möglichkeit, sich eine Meinung zu bilden, basiert auf Information. Je informierter man ist, je mehr Wissen man über einen Sachverhalt hat, desto fundierter und begründeter gestaltet sich die Meinung. Doch auch uninformiert oder gar falsch informiert lässt sich eine Meinung formen, und auch diese darf selbstverständlich vertreten werden, dafür sorgt das Recht auf freie Meinungsäußerung (Art. 5 Abs. 1 des Grundgesetzes), kurz Meinungsfreiheit. Jeder hat somit ein Anrecht auf eine eigene Meinung und darauf, sie öffentlich zu äußern, worauf sie auch gegründet sein mag. Doch niemand hat ein Anrecht darauf, dass seine Meinung von anderen respektiert oder gar übernommen wird, auch dann nicht, wenn er versucht, seine Meinung als Tatsache darzustellen und/oder diese »Tatsache« jeder Evidenz entbehrt. Exakt dies ist von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt: wenn Meinungen als Fakten verkauft werden, gerade wenn sie sich objektiv als Lügen entpuppen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de) verzeichnet seit ca. 2013 einen Anstieg der Gebrauchshäufigkeit von Meinungsfreiheit: Es ist zu vermuten, dass sich nicht nur vermehrt darauf berufen wird, dass »man ja sagen darf, was man will«, sondern auch, dass inzwischen allzu oft über die Möglichkeiten und Grenzen des Rechts auf freie Meinungsäußerung diskutiert wird – und aus genannten Gründen diskutiert werden muss.
Die Grenzen zwischen subjektiver Meinung und objektivem Wissen nicht nur zu verwischen, sondern gänzlich aufzuheben, scheint inzwischen Methode zu haben. Schon im Jahr 2016 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das Adjektiv postfaktisch zum »Wort des Jahres« gewählt, mit der Begründung, dass es »in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen ›die da oben‹ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ›gefühlten Wahrheit‹ führt […] zum Erfolg.«
Anfang des Jahres hat Meta nun die sogenannten Faktenchecks bei Facebook und Instagram für die USA abgeschafft und überlässt die Identifikation von Falschmeldungen fortan den Nutzerinnen und Nutzern. Durch die Faktenchecks wurde das Ziel verfolgt, Falschmeldungen und diskriminierende Inhalte zu identifizieren und entsprechend zu löschen, um dafür Sorge zu tragen, dass Postings und Kommentare nicht nur durch Emotionen geprägt sind, sondern auf Tatsachen beruhen und somit (mehr oder minder objektiv) wahr sind. Als Begründung für die Abschaffung führt Meta die Meinungsfreiheit ins Feld: Faktenchecker seien politisch voreingenommen, was das Vertrauen in die Richtigkeit von Meldungen eher zerstöre als verstärke; das Fehlen einer Tatsachenüberprüfung solle die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung fördern. Das Problem dabei: Durch die Abschaffung dieser Überprüfung können sich nun Behauptungen und Meinungen, die als Fakten präsentiert werden, insofern mitunter sogar Lügen erst recht ungehindert verbreiten – und sie werden auf Resonanz stoßen. Desinformationen (Fake-News), Verschwörungstheorien und Populismus wird somit kein Einhalt mehr geboten, und wir haben eine Ahnung, wo all dies hinführen könnte. Das zu diskutieren und Lösungen zu finden, ist Aufgabe von Regierungen, Gesellschaften, klugen (demokratischen) Köpfen – der Rahmen dieses Zeit-Worts ist dafür um einiges zu eng.
Quellen
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de.
Duden. Das große deutsche Wörterbuch. Mannheim 2012.
Gensing, Patrick: »Faktum = Meinung?« In: Aus Politik und Zeitgeschehen, 13.03.2020, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/306450/faktum-meinung/.
https://gfds.de/wort-des-jahres-2016/.
1 Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, 1781.
Frauke Rüdebusch