Ausgabe: Der Sprachdienst 5/2021

Nachhaltig

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Mit zunehmender Dringlichkeit der Diskussion um den Klimawandel und seine Folgen sowie die Eindämmung der Auswirkungen, aber auch in Bezug auf den fairen Umgang mit Menschen und Tieren ist schon vor einigen Jahren ein Wort auffallend häufig verwendet worden: das Adjektiv nachhaltig. Doch wer nun glaubt, es handle sich um ein relativ neues Wort, liegt falsch: Erstens wurde das Wort schon zu Goethes Zeiten verwendet, zweitens wird mittlerweile seit Jahrzehnten vor einer Klimakrise gewarnt, sodass sich nachhaltig inzwischen zu einem Schlagwort in der Klimadiskussion entwickelt hat.1

Das Adjektiv nachhaltig geht zurück auf das Verb nachhalten, das in seiner ursprünglichen Bedeutung zu verstehen ist als ›für eine längere Zeit anhalten, andauern, bleiben‹. So auch nachhaltig: Etwas wirkt sich auf längere Zeit, auf längere Dauer aus. Wenn man zum Beispiel einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, so wirkt dieser Eindruck auch über die Begegnung hinaus lange nach, er dauert an, ist auch nach längerer Zeit noch spürbar. Mit dieser Bedeutung hat das Wort seinen Ursprung im 18. Jahrhundert, wenngleich es schon seit dem 16. Jahrhundert mit der ähnlichen Bedeutung ›nachfolgen, nachstellen, nachträglich vorhalten‹ zu belegen ist. Dementsprechend findet sich nachhaltig – ebenso wie das dazugehörige Substantiv Nachhaltigkeit – bereits im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, auch dort in der Bedeutung ›auf längere Zeit anhaltend und wirkend‹.

Im Bereich der Ökologie und auch der Forstwirtschaft hat sich darüber hinaus jedoch eine weitere Bedeutung entwickelt: Hier ist die Rede von Nachhaltigkeit, wenn etwas »nur in dem Maße [verwendet oder erzeugt wird], wie die Natur es verträgt«, wenn etwas »nur so groß, viel [ist], dass zukünftige Entwicklungen nicht gefährdet sind« (Duden, Die Deutsche Rechtschreibung, Berlin 2020); das Duden Universalwörterbuch (Berlin 2019) präzisiert, bei Nachhaltigkeit handele es sich um das »Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann«. Als Synonym hört man heute dann und wann das Adjektiv enkelgerecht; in diesem Wort klingt deutlich und greifbar an, worum es beim Prinzip der Nachhaltigkeit geht: den Kindern und Kindeskindern eine Welt zu hinterlassen, in der auch sie noch gut leben können.

Anders als die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nachhaltig ist das oben genannte Prinzip der Nachhaltigkeit, der Nachhaltigkeitsgedanke, eher in der näheren Vergangenheit zu verorten, nämlich mit zunehmender Dringlichkeit der Klimadebatte und somit in einer Zeit, in der erkannt worden ist, dass die natürlichen Ressourcen der Erde endlich sind, also in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und doch findet sich für das Adjektiv mit seiner aktuellen Bedeutung bereits ein Beleg im frühen 18. Jahrhundert, als Hans Carl von Carlowitz 1713 in seinem Werk Silvicultura oeconomica das Prinzip der Nachhaltigkeit formulierte: »wie eine sothane [solche] Conservation und Anbau des Holzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weil es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag«.

Zwar ist das Wort Nachhaltigkeit auch im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts mit der Bedeutung eines schonenden Umgangs mit Ressourcen nachzuweisen, doch durchgesetzt hat es sich erst in neuerer Zeit. Tatsächlich weist das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de) einen exponentiellen Zuwachs der Wortverwendung auf; auch im Online-Pressearchiv Genios spiegelt sich dies wider: Zeitungsbelege für das Wort finden sich vor 1940 innerhalb eines zehnjährigen Zeitraums lediglich im zweistelligen Bereich, während allein der diesjährige Monat Juli schon knapp 35.000 Nachweise liefert.

Dies zeigt: Das Wort nachhaltig ist heutzutage nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich omnipräsent. Es wird im Hinblick auf unzählige Konzepte und Produkte verwendet, wenn darauf hingewiesen werden soll, dass sie – angeblich oder tatsächlich – ökologischen Prinzipien folgen und daher in Bezug auf das Klima unbedenklich sind. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer: Das Wort selbst ist nicht geschützt, es gibt nicht einmal eine klare Definition, was tatsächlich unter das Prinzip der Nachhaltigkeit fällt und was nicht. So kann im Einzelfall gar nicht nachvollzogen werden,2 inwiefern von ökologischer Unbedenklichkeit gesprochen werden kann und ob das Prinzip der Nachhaltigkeit – dass eben nur so viele Ressourcen verbraucht werden, wie sich regenerieren können – wirklich Anwendung findet. Wer seine Produkte, Konzepte, Dienstleistungen als »nachhaltig« bewirbt, kann also vielleicht wirklich etwas Lobenswertes vorweisen – oder aber er baut im Windschatten dieses Wortes eine Erwartungshaltung auf, die unter Umständen gar nicht erfüllt wird. Damit dies überprüfbar wird, ist eine Zertifizierung dieser Produkte in verschiedenen Bereichen (z. B. ökologisch, biodynamisch, fair) im Gespräch (vgl. www.firstclimate.com). Denn: Mode, Reisen, Verpackungen, Geldanlage, Vereinskultur – was soll heutzutage nicht alles »nachhaltig« sein und wer behält da noch den Überblick …?

Nachhaltigkeit als Trend? Ja, sehr gern, verspricht es doch Klimabewusstsein und insofern einen wünschenswerten Schutz unseres Planeten und des Klimas – doch bitte nicht nur als Mode- oder gar Blendwort, sondern mit Substanz: Dann darf die Wortverwendung gern noch weiter zunehmen.

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1 Vgl. hierzu den zweiteiligen Beitrag von Vincent Balnat: »Klima als Schlüsselwort in deutschsprachigen Medien: Frequenz, Bedeutungsentwicklung, diskursiver Kontext «, in: Muttersprache 131, 1/2021, S. 21– 39, sowie 2/2021, S. 97–116. Beide Teile sind bei uns im Shop erhältlich: https://doi.org/10.53371/60190 und https://doi.org/10.53371/60202

2 Erste Ansätze einer »Fußabdruck«-Berechnung bietet etwa https://www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/wwf-klimarechner/.

Frauke Rüdebusch