Souveränität

Für viele von uns war Souveränität lange Zeit nicht viel mehr als die Substantivbildung zum Adjektiv souverän. Und darunter haben wir in erster Linie ein selbstbewusstes Verhalten verstanden: wissen, was man tut, wie man es tut, nicht an sich selbst zweifeln. Dass das nicht alles ist, worum es bei diesem Wort geht, war nie ein Geheimnis – doch die Kenntnis weiterer Bedeutungen war schon länger nicht mehr allzu verbreitet. Dabei ist es genau dieses über die Alltagsbedeutung hinausgehende Verständnis des Wortes, das wieder mehr und mehr in unsere Alltagssphäre dringt: Es ist also nicht das Bedeutungsspektrum des Wortes selbst, das sich erweitert, sondern unsere Wahrnehmung des Ausdrucks.
Wer in den letzten Monaten das Weltgeschehen verfolgt hat, ist um dieses Wort nicht herumgekommen: Souveränität. Es steht im Zusammenhang mit Fragen staatlicher Unabhängigkeit und der nicht selten unfriedlichen Erlangung von Autonomie. Zwar hat es kriegerische Auseinandersetzungen und damit einhergehend Bedrohungen unterschiedlichen Ausmaßes für Länder und Völker schon immer gegeben, doch nicht immer war Europa, war Deutschland davon so unmittelbar betroffen wie seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 und nachfolgenden Konflikten im Nahen Osten. Die westliche Welt ist seither nicht mehr nur Beobachter, Unterstützer und/oder Mediator, sondern selbst – so im Fall der USA – politisch, militärisch und strategisch aktiv in Kriegshandlungen involviert. Dies macht die Frage nach der Sicherheit für die europäische und die deutsche Bevölkerung so dringlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr – und bringt uns damit wieder zurück zum Wort Souveränität und seiner (wörtlichen wie übertragenen) Bedeutung.
Der Ausdruck Souveränität geht zurück auf das französische souveraineté, das zum Adjektiv souverain ›souverän‹ gebildet wurde. Es hat verschiedene polyseme, also miteinander in Verbindung stehende Bedeutungen; so ist es einerseits im Sinne von Souveränsein als ›Überlegenheit, Sicherheit‹ zu verstehen; andererseits bezeichnet das Wort die Macht und das Recht, frei und nach eigenem Ermessen zu entscheiden, spezieller die Oberhoheit eines Staates über seine inneren und auswärtigen Angelegenheiten und, damit verbunden, die Unabhängigkeit eines Staates vom Einfluss anderer Staaten, sein Recht auf Selbstbestimmung. Dementsprechend handelt es sich bei einem Souverän in ursprünglicher Bedeutung um den Fürsten eines Landes, um einen unumschränkten Herrscher – in der heutigen Zeit ist in demokratischen Staatssystemen jedoch das Volk der Souverän, von ihm geht alle staatliche Gewalt aus. Das gleichlautende Adjektiv souverän trägt zwar ebenfalls die Bedeutungskomponente ›unumschränkt (staatliche Hoheitsrechte ausüben), selbstständig, überlegen‹; gleichzeitig gibt es das in unserem Alltag viel präsentere Verständnis: ›einer besonderen Lage oder Aufgabe jederzeit gewachsen; überlegen‹. Zugrunde liegt das mittel lateinische Wort superanus ›darüber befindlich, überlegen‹ zu lateinisch super › oben, auf, (dar)über‹. Als davon abgeleitetes Substantiv ist zwar auch Souveränität entsprechend zu deuten, jedoch nehmen wir hier – aufgrund der Verwendung des Wortes in entsprechenden Kontexten – die politische Komponente des Bedeutungsspektrums weit stärker wahr. Das Adjektiv hingegen hat seinen Anwendungsspielraum kaum erweitert und begegnet uns heute vorwiegend ohne politische Markierung.
Geprägt wurde der Begriff der Souveränität schon im 16. Jahrhundert von dem französischen Rechtswissenschaftler Jean Bodin, der Souveränität als höchste und letzte Entscheidungsbefugnis im Staat definierte und diese als Prinzip eines absolutistischen Herrschaftssystems der Person des Königs zuschrieb. Völkerrechtlich unterscheidet man heute zwischen Souveränität nach außen – die Unabhängigkeit eines Staates von anderen Staaten – und Souveränität nach innen, Fragen der staatlichen Selbstbestimmung betreffend. In der Theorie ist Souveränität frei von äußeren Beschränkungen, in der Realität gibt es jedoch Grenzen durch politische und wirtschaftliche Verflechtungen einzelner Länder oder durch verschiedenartige Abhängigkeiten schwächerer von stärkeren Staaten.
Unsere Zeit-Wörter zeichnen sich oft dadurch aus, dass ihre Verbreitung im Laufe der Zeit zunimmt oder gar sprunghaft steigt. Für Souveränität lässt sich in dieser Hinsicht keine größere Auffälligkeit für die letzten Jahre nachweisen – im Gegenteil: Schauen wir uns die Verlaufskurve der Wortfrequenz (abrufbar über das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, dwds.de) genauer an, sehen wir sofort, dass das Wort (seit 1946) nie seltener Verwendung fand als in den vergangenen dreißig Jahren. Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung schien es immer wieder Debatten um staatliche Souveränität zu geben, und es sind einige stärkere Ausschläge in der Verlaufskurve zu verzeichnen. Einen sehr starken Ausschlag in der Gebrauchshäufigkeit gab es 1954 im Zuge der Pariser Verträge: Hiermit wurde das Ende des Besatzungsstatus der westlichen Alliierten in Westdeutschland ausgehandelt, die BRD erlangte weitgehend ihre Souveränität zurück und trat der NATO bei. Nach der Wiedervereinigung 1990 schien das Thema Souveränität abgearbeitet zu sein: Mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag zwischen BRD und DDR sowie den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland außenpolitisch wieder souverän und unterlag keinen rechtlichen Einschränkungen durch andere Staaten mehr. Die volle Souveränität war erreicht, das Thema konnte ad acta gelegt werden – und damit auch das Wort.
Und heute? Die oben schon angerissenen Geschehnisse der Weltpolitik bringen das Wort zurück in die öffentliche Wahrnehmung. Nach einem im Verhältnis zu den Kurvenausschlägen des 20. Jahrhunderts kleinen Anstieg der Wortfrequenz im Jahr 2022 – der russische Angriff auf die Ukraine ließ die Debatte um staatliche und territoriale Souveränität kurzfristig wieder aufleben – ist das Wort in anderen Zusammenhängen wieder häufiger zu vernehmen, und wir erkennen einen erneuten Anstieg. Allerdings: Der Kontext seiner Verwendung hat sich erweitert, und Souveränität wird nicht mehr nur mit politischer Souveränität im Sinne der Entscheidungsgewalt eines Landes über seine eigenen Geschicke in Verbindung gebracht. Auffällig, aber sicherlich nicht verwunderlich ist, welche Rolle die USA bei der erneuten Zunahme des Wortgebrauchs spielen. So war schon im letzten Jahr vermehrt von digitaler Souveränität und Datensouveränität zu lesen: Viele große und auch für Europa wichtige Tech-Unternehmen sind amerikanisch ( Google, Microsoft, Apple, …); doch angesichts der politischen Entwicklungen und des Gebarens der Mächtigen in den Vereinigten Staaten wird es für Deutschland und ganz Europa immer wichtiger, Stabilität, Sicherheit und auch Innovationsstärke in digitalen Belangen zu erreichen bzw. auszubauen, sich damit von amerikanischen Tech- Firmen unabhängig zu machen und die Kontrolle über Daten und Infrastruktur zu behalten.
Nicht erst seit 2025 wird wiederholt die Forderung nach europäischer Souveränität laut. Die Beziehung der Bündnispartner innerhalb der NATO, namentlich der europäischen Staaten zu den USA, ist seit dem zweiten Amtsantritt Trumps zunehmend belastet: Mehr oder weniger offene Drohungen, die USA könnten sich aus dem Bündnis zurückziehen, machen deutlich, dass wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen nicht vom Verhältnis zu den USA abhängig sein dürfen. Die Debatte um eine europäische Souveränität hat sich durch verschiedene politische Ereignisse und den wachsenden Zweifel am Zusammenhalt der westlichen Welt verschärft. Auf der diesjährigen Münchener Sicherheitskonferenz im Februar wurde nun umso selbstbewusster darauf gedrungen, den USA zu vermitteln, dass eine Partnerschaft nur auf Augenhöhe statt finden kann und darf. Zugleich wurde betont, dass Europa in der Lage bleiben muss, eigenständig zu entscheiden und zu handeln, in diesem Sinne souverän zu sein.
Auch im Hinblick auf die Energieversorgung wird Souveränität zunehmend relevant. Sowohl der Ukraine- Krieg als auch der Iran-Krieg haben bewiesen, wie sehr Deutschland auch heute noch von russischen bzw. arabischen Energielieferungen abhängig ist. In diesem Zusammenhang ist immer wieder der Ausdruck Energiesouveränität zu vernehmen: Während das Ziel der Klimaneutralität in dieser Hinsicht fast randständig wirkt, geht es hierbei vor allem darum, die benötigte Energie im eigenen Land erzeugen und nutz en zu können, ohne auf Fremdlieferungen angewiesen zu sein.
Der gemeinsame Nenner der aktuell debattierten Souveränität ist die Bedeutung ›Unabhängigkeit‹: Es geht um Selbstständigkeit, Selbstbehauptung und Selbstbestimmung, um politisches und gesellschaftliches Agieren ohne Fremdbestimmung und enges Korsett. Gewandelt hat sich also nicht die Bedeutung von Souveränität – wohl aber hat sich der Verwendungskontext erweitert und haben sowohl unsere Wahrnehmung des Wortes als auch unser Bewusstsein für seine Tragweite neues Gewicht erhalten.
Frauke Rüdebusch