KI: künstliche oder Künstliche Intelligenz?
Bei einem Themenheft zu KI darf an dieser Stelle die Frage nach ihrer korrekten Schreibung nicht fehlen. Sie betrifft allerdings recht viele Wörter bzw. Wortgruppen und ist von grundsätzlicher Natur, und ob Künstliche Intelligenz nun richtig geschrieben ist oder künstliche Intelligenz, ist im Grunde falsch gestellt bzw. kaum beantwortbar. Denn korrekt ist beides und was sich durchsetzt – wenn sich denn überhaupt etwas je durchsetzt –, ist eine Gemeinschaftsfrage. Wird 2030 fast nur noch großgeschrieben, ist das auch die ›Norm‹. Warum die Frage so oft unentscheidbar ist, liegt daran, dass das klein- oder großgeschriebene Adjektiv vielfach gleichbedeutend ist. Um nur einige Beispiele ins Spiel zu bringen: Der Erste Weltkrieg ist mehr oder minder auch der erste Weltkrieg, der Indische Ozean ist auch ein indischer Ozean und der Große Bär ist eindeutig groß. Allerdings gibt es die Tatzentiere in vielen Größen, was jedoch kein Problem darstellt, da der Große Bär kein Tier, sondern ein Sternbild bezeichnet. Auch bei Ludwig XIV. handelt es sich nur in gewissem Sinn um den vierzehnten Menschen namens Ludwig: den vierzehnten Regenten mit dem Namen Ludwig in Frankreich; zudem werden Zählungen nur selten als Numerale ausgeschrieben (aber: Karl der Weise, Friedrich der Große etc.).
Unterschieden werden hier also bestimmte Menschen: Regenten von Nichtregenten. Bei der immer schwieriger werdenden Bezeichnung für Menschen mit dunkler(er) Hautfarbe geht es sogar um eine tiefgreifende Differenzierung durch die Schreibung: So sollen schwarze Menschen, wenn sie denn überhaupt noch so bezeichnet werden sollen, seit einigen Jahren von Schwarzen Menschen unterschieden werden, die rassistische Erfahrungen erfahren haben – hier steht die Großschreibung also für Leid. Ob man dem folgen möchte, ist eine individuelle Frage.
Anders verhält es sich bei Eigennamen, von denen sich schon einige unter den besprochenen Beispielen befunden haben. Hier wird so geschrieben, wie der Eigenname gewählt worden ist. Anders als die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (großes I) hat sich etwa die Gesellschaft für deutsche Sprache dafür entschieden, das enthaltene Adjektiv kleinzuschreiben. Dieser Name ist auch im Vereinsregister eingetragen und muss so verwendet werden: Eine Gesellschaft für Deutsche Sprache mag es geben, aber zur Bezeichnung der GfdS in Wiesbaden wäre es eine inkorrekte Schreibweise. Der Eigenname ist die Ursache dafür, dass sich (selbst Universitäten!) normwidrig schreiben lassen dürfen: Leibniz Universität Hannover etwa oder aus der Wirtschaft E.ON, BioNTech, ExxonMobil. Nicht um einen Eigennamen handelt es sich bei Künstliche Intelligenz. Wer dies als besondere (meist fachsprachliche) Form von Intelligenz kennzeichnen möchte, wählt für das Adjektiv die Großschreibung – korrekt ist aber auch künstliche. Beim Kurzwort allerdings gibt es keine Alternative zu KI.
Torsten Siever