Konjugation von anfechten

[F] In unserer Zeitung stand die Überschrift »… fechtet die Wahl an«, und ein Leser schrieb uns kritisch hierzu und mahnte die richtige Form ficht an, nicht fechtet. Was ist Ihre Meinung dazu? Hat die Redaktion einen Fehler gemacht?

[A] Manche Verben erleben im Laufe der Zeit eine Vereinfachung in der grammatischen Abwandlung, der Konjugation. Das Verb fechten unterliegt an sich traditionell dem sog. e/i-Wechsel, das heißt, man sagt ich gebe, wir geben, aber du gibst, er, sie, es gibt oder eben ich fechte, wir fechten, aber du fichtst, er, sie ficht, vgl. die Redensart Das ficht mich nicht an.

So wäre an sich die Version Er ficht die Wahl an formal korrekt. Es scheint aber, dass gerade bei dem Verb fechten bzw. mit Vorsilbe – anfechten – heute vielfach (vermutlich auch zunehmend) die Vokalabwandlung und die sog. starke Beugung nicht mehr vollzogen werden und die gegenwärtig als »nor­mal« empfundene sog. schwache Form gebraucht wird, so wie rechnenrech­net, bewegenbewegt usw.

In der Vergangenheit hat es dies auch schon öfter gegeben, und manche früher starken Formen mit e/i-Wechsel wurden aufgegeben, so z. B. bei melken, da heißt es heute allgemein er, sie melkt (nicht mehr milkst, milkt; diese Formen werden schon als entlegen und falsch verstanden, nur das starke Partizip gemolken hat sich gehalten).

Einige repräsentative Beispiele für den aktuellen, vereinfachten Gebrauch nach der großen Textdatenbank der Universität Leipzig (siehe www.wort­schatz.uni-leipzig.de), wobei ficht frei­lich noch ganz in der Mehrheit ist: »Zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Howard, der vor dem Tod seines Vaters enterbt worden war, fechtet er die Entscheidung des ersten Gerichts an« (Bild 2001). »Maron fechtet aber auch in eigener Sache« (literaturkritik.de). »Kirch fechtet aber gerichtlich die Wirksamkeit der Option an« (ZDF, heute). »Dagegen fechtet, neben London und Paris, vor allem der Europäer Kohl« (Berliner Zeitung 1996). »Mensurfechten stärke den Zusammenhalt der Truppe: Wer fechtet, ›zeigt, dass ihm die Gemeinschaft des Bundes mehr wert ist als abratende Stimmen aus der Umgebung‹« (Berliner Zeitung 2000). »Die Fünfkämpferin Sabine Krapf fechtet zusätzlich mit großem Erfolg für den Heidenheimer SB« (Frankfurter Rundschau 1993). »FDP fechtet Wahl in Bayern an« (taz 1992).

Man sieht, es sind doch alles ­re­s­pek­table Presseorgane – und Ihre Zei­tung ist somit in guter Gesellschaft. Es ist also eine Sache der Abwägung; man sollte, meine ich, nicht mehr strikt die traditionelle Form fordern, sondern auch die vereinfachte, die vielfach nicht als falsch empfunden wird, gelten lassen.

Die schwachen Formen sind übrigens so neu nicht; für frühere Zeiten finden sich Belege im großen Deutschen Wör­terbuch der Brüder Grimm, und zwar bei verschiedenen Stichwörtern; so heißt es z. B. einmal bei Winkelmann: »Marcus Coriolanus fechtet«; in einem Gedicht von Tscherning findet sich diese Zeile: »was fechtet dich so grosz ein armes kindlein an«. Die Neubearbeitung ent­hält u. a. diese Stelle (Band 9, 2001, Sp. 223): »in der nacht da fechtet des ritters hauszfraw in dem schlaff« (hier im Sinne von ›sich aufgeregt bewegen, fuchteln‹). Auch Trübners Deutsches Wör­terbuch (Band 2, 1940) vermerkt: »Neben den starken Formen des Präs[ens] du fichtst, er ficht er­scheinen mitunter auch die schwachen: du fech­test, er fechtet, fechte.« An­fangs lau­teten die Vergangenheitsformen übrigens a, also vaht, vahten (daneben auch vuhten), seit dem 17. Jahrhundert hat sich focht, fochten durchgesetzt. Sprachentwicklung also auch in dieser Hinsicht.

Analog wäre auf flechten zu ver­weisen. Auch hier begegnen statt der starken Formen du flichtst, er, sie flicht immer wieder die schwachen: du flechtest, er, sie flechtet. Wiederum zur Veranschaulichung einige wenige aktuelle Beispiele aus der Presse: »Das Bush-Team achtet darauf, dass Mi­no­ritäten prominent im Apparat vertreten sind, und Bush flechtet gerne spanische Wendungen in seine Auftritte ein« (Die Welt 2001). »Christa Schai­fers-Zachariae aus Langen flechtet lange an einem Stoffkranz« (Frankfurter Rundschau 1993). »Nach unsentimentalen rhythmischen Ansa­gen der ersten beiden Phasen flechtet Skywalker darauf zum Beispiel Soul-Sprengsel ein« (taz 1997). »Jeremie Blanc flechtet Strohmatten« (taz 1986).


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