Durchschuss und Laufweite, Zeilen- und Zeichenabstand

Die Optik eines Textes wird nicht nur durch die ausgewählte Schrift, durch die Anordnung des Textes auf der Seite oder durch den Satz (also die Ausrichtung von Text in einem Layout)[1] maßgeblich bestimmt, sondern auch dadurch, in welchem Verhältnis die einzelnen Buchstaben und Zeilen zueinander stehen. Beides schauen wir uns im Detail an, denn sowohl der Zeilenabstand als auch der Zeichenabstand beeinflussen, ob wir einen Text als luftig oder gedrängt, als hell oder dunkel wahrnehmen.
Zeilenabstand und Durchschuss

Der Durchschuss im engeren Sinne ist nicht gleichzusetzen mit dem Zeilenabstand. Letzterer bezeichnet den Abstand zweier Zeilen von Grundlinie zu Grundlinie, also jeweils der (gedachten) Linie, auf der die Buchstaben platziert sind. Der Durchschuss hingegen stellt den »Leerraum« zwischen zwei Zeilen dar. Bei einer Schriftgröße von 10 Punkt und einem Zeilenabstand von 12 Punkt beträgt der Durchschuss also 2 Punkt (zur Schriftgröße s. übernächstes Heft 4–5/2026).
Wie so oft im gestalterischen Bereich gibt es auch für den idealen Abstand zwischen zwei Zeilen eine Faustregel: Sie besagt, dass der Zeilenabstand 120 % des Schriftgrades betragen sollte. Betrachtet man allerdings zwei Variablen, die ebenfalls zur Optik beitragen – die gewählte Schriftart und die Satzbreite, also die Breite des Textblocks –, so ist hinzuzufügen: mindestens 120 %. Denn Schriftgrad ist nicht gleich Schriftgrad: Je ›größer‹ und wuchtiger eine Schrift wirkt, desto größer sollte der Zeilenabstand sein. Gleiches gilt für die Satzbreite: Je mehr Text in einer Zeile untergebracht wird, desto größer sollte der Zeilenabstand sein – nicht nur, damit die Zeilen nicht zusammengepresst wirken, sondern auch, damit das Auge den langen Zeilen gut folgen und den Anfang der nächsten Zeile leicht wiederfinden kann. Gleichzeitig darf der Zeilenabstand nicht zu groß sein, damit die Zeilen optisch nicht auseinanderfallen und ihr Zusammenhang verloren geht. Insofern ist die genannte Faustregel leicht anzupassen: Der ideale Zeilenabstand sollte im Printbereich etwa 120 bis 150 % der Schriftgröße betragen. Für Bildschirmdarstellungen oder barrierefreies Lesen wird sogar ein Zeilenabstand von 140 bis 160 % empfohlen.
Laufweite und Kerning
Die Laufweite einer Schrift wird bereits vom Schriftdesigner festgelegt und ist der Schrift inhärent. Dennoch ist es manchmal notwendig oder optisch sinnvoll, den Buchstabenabstand manuell zu verändern, also zu erweitern oder zu reduzieren, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Auch hier spielt die Schriftgröße eine Rolle: Bei den meisten Schriftarten ist die Laufweite so angelegt, dass sie bei einer mittleren Schriftgröße – etwa um 10 bis 12 Punkt – ausgewogen wirkt. Ist die Schrift kleiner, wirkt auch der Buchstabenabstand optisch geringer. Je kleiner die Schriftgröße, desto eher sollte die Laufweite also vergrößert werden. Doch Achtung: Bei der Veränderung der Laufweite bewegen wir uns in einem sehr kleinen Radius: Ist der Abstand zu groß, fallen die Buchstaben auseinander, im schlimmsten Fall wirken sie gesperrt (also hervorgehoben); ist der Abstand zu gering, wirken die Buchstaben gedrängt, im schlimmsten Fall berühren sie sich. Hier lautet also die Faustregel: Je geringer der Schriftgrad, desto mehr sollte die Laufweite vergrößert werden. Je weiter die Schriftgröße 12 Punkt übersteigt, desto geringer kann die Laufweite sein. Besonders bei Überschriften gilt: Je größer der Schriftgrad, desto enger kann der Buchstabenabstand sein, damit die Buchstaben optisch nicht auseinanderfallen.
Eine Reduzierung der Laufweite ist übrigens nicht gleichzusetzen mit dem sogenannten Kerning, dem Unterschneiden (s. Abbildung oben). Bei einer Änderung der Laufweite wird der Abstand aller Buchstaben zueinander gleichmäßig verändert. Beim Kerning hingegen überlappen sich die Weißräume zweier Buchstaben, ohne dass sich diese tatsächlich berühren. Dies ist z. B. der Fall bei Kombinationen wie AV oder To.

Grundsätzlich gilt: Gibt es für den zu setzenden Text nur wenig Platz, so sollten weder Zeilenabstand noch Laufweite verkleinert werden – dies geht zulasten der Leserlichkeit. In solchen Fällen wäre es sinnvoll, zunächst die Schriftgröße ein wenig zu verringern. Letztlich ist aber stets die Gestaltungsund Wirkungsabsicht des Textes zu berücksichtigen, und hierfür geben sowohl Zeilenabstand als auch Laufweite viel Spielraum.
[1] Vgl. unseren Typografie-Tipp »Satzarten« in: Der Sprachdienst 3/2025.
Frauke Rüdebusch