Ausgabe: Der Sprachdienst 2/2012

Hallo und Tschüs

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Guten Tag, sehr geehrte Leserinnen und Leser. Mit einer solchen Begrüßung kann man nichts falsch machen, ob man sie nun im hohen Norden oder im tiefen Süden Deutschlands verwendet. Guten Tag gehört ebenso wie auf Wiedersehen zur Standardsprache, beides gilt als förmliche und höfliche Art des Grußes. Neben diesen Formen gibt es natürlich – standard- wie umgangssprachlich – unzählige weitere, einige von ihnen regional, andere überregional verbreitet und gebräuchlich. Zu Letzterem zählen schon seit einiger Zeit die Formeln hallo und tschüs. Beides, so las man kürzlich in der Zeitung, ist nun in einer bayerischen Schule verboten, diese zu einer »Hallo-und-Tschüs-freien Zone« erklärt worden: Nicht nur seien diese Formen des Grußes zu vertraulich und dementsprechend im Umfeld der Schule zu unhöflich, auch sei tschüs ein norddeutsch geprägtes Wort, das unter Einheimischen in Bayern eher unbeliebt sei (Stern, 05.02.2012). Diese Tatsache ist nichts Neues: Bereits 2006 wurde dieser Abschiedsgruß aus dem bayerischen Dorf Gotzing im Landkreis Miesbach regelrecht verbannt: Ein Dialektpfleger und Wirt des örtlichen Gasthauses brachte Verbotsschilder an den Ortseingängen an, die Einheimische strikt, Nichteinheimische zumindest in einer Übergangszeit weniger strikt zu beachten hätten (FAZ, 24.02.2006). Dass sich, wie von der Aktion erhofft, weitere Ortschaften einem entsprechenden Verbot angeschlossen hätten, ist uns nicht bekannt.

Als Ausdruck ist tschüs deutlich jünger als hallo und hat sich vor allem in Norddeutschland herausgebildet. Zugrunde liegt das lateinische ad deum, ›zu Gott, Gott befohlen‹, bekannt als kurzes adé. Das gleichbedeutende französische adieu wandelte sich in ein rheinländisches atschö; unter Seeleuten und somit im Norden Deutschlands war vor allem die spanische Entsprechung adiós beliebt, die sich über die Form adjüs und eine Erweichung des j zu atschüs entwickelte, bis schließlich das anlautende a wegfiel. Es lässt sich nicht genau feststellen, über welchen Zeitraum sich diese Entwicklung vollzog, doch ist eine Entwicklungsphase vom 18. bis zum 20. Jahrhundert anzunehmen. In Norddeutschland sagt man seither tschüs, im Rheinland eher tschö. Im Gegensatz zu tschö wurde tschüs jedoch in den Duden aufgenommen, erstmals in die 16. Auflage von 1967, wohlgemerkt ohne den Hinweis, es handle sich um ein ursprünglich norddeutsches Wort. Somit ist tschüs seither als überregionale, wenngleich umgangssprachlich-familiäre Grußformel zu erachten, die dennoch für einige nach wie vor einen regionalen Charakter zu besitzen scheint. Denn offenbar hat man sich in Bayern seit jeher einer »Verkrautung durch ein Nord-Wort«, nämlich des Gebrauchs von tschüs, erwehrt (Süddeutsche Zeitung vom 11./12.04.1981), der Bayerische Rundfunk berief sich in den 80ern gar auf das (heute noch geltende) Bayerische Rundfunkgesetz Art. 4 (1), um die Verwendung dieses Abschiedsgrußes zu untersagen, denn die dortigen Sendungen sollen »der Eigenart Bayerns gerecht werden«. So seien stattdessen, wie auch in erwähnter bayerischer Schule, grüß Gott und servus zu verwenden, mindestens aber, um der Höflichkeit willen, guten Tag und auf Wiedersehen.

Der Ausdruck hallo ist im Vergleich zu tschüs älteren Datums. Er entwickelte sich bereits im 15. Jahrhundert als Imperativ zu ahd. hal?n, hol?n ›holen‹ und wurde vermutlich ursprünglich als Zuruf hol über an den Fährmann am anderen Ufer gerichtet. Als ein solcher Zuruf, um jemandes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ist hallo auch in der deutschen Standardsprache bekannt. Als Grußformel ist der Ausdruck bei uns erst seit dem 20. Jahrhundert gebräuchlich, vermutlich unter Einfluss des englischen hallo/hello, das in den anglophonen Ländern schon länger als Gruß gebraucht worden war, und fand über die Jugendsprache Eingang in die allgemeine Umgangssprache.

Obwohl beide Grußformeln, hallo wie tschüs, mittlerweile nicht mehr als regionale bzw. gruppensprachliche Ausdrücke zu werten sind, ist doch nachvollziehbar, dass sie an besagter Schule zumindest als den Lehrkörpern gegenüber zu umgangssprachlich, zu unhöflich, zu wenig distanziert empfunden werden, bedenkt man, dass im Vergleich hallo und tschüs doch eher zwischen guten Bekannten und Freunden ausgetauscht werden, guten Tag und auf Wiedersehen hingegen ebenso höflich wie distanziert wirken. Unserer Beobachtung nach verbreiten sich jedoch hallo wie tschüs vermehrt auch als Grußformeln zwischen Personen unterschiedlichen Alters und hierarchischen Rangs und so ist nicht auszuschließen, dass sie schlussendlich in nicht allzu ferner Zeit in die Standardsprache übernommen werden. Über den in Bayern kritisch betrachteten norddeutschen Charakter von tschüs lässt sich indes noch streiten.

Frauke Rüdebusch