Ausgabe: Der Sprachdienst 3/2022

Ist die Sommerfrische noch frisch?

Das fragte uns kürzlich ein Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (daher in dieser Rubrik). Und wollte damit wissen, ob das nach seiner Ansicht schöne Wort noch aktuell sei oder unter Umständen wieder werde. Sprache befindet sich stets im Wandel, besonders auffällig zeigt sich das im Lexikon. Neue Ausdrücke entstehen, alte vergehen: Wer heute noch Blaustrumpf, Stelldichein oder lustwandeln benutzt, wirkt bisweilen antiquiert. Doch nicht immer sind es nur die Wörter, die aus der Mode kommen. Manchmal verschwinden sie gemeinsam mit den Dingen, die sie bezeichnen, wie die Wählscheibe, der Bandsalat oder der Gehrock.

Auch das Wort Sommerfrische ist vielen Menschen nicht mehr geläufig. Gemeinhin wird damit der Urlaub im Sommer bezeichnet (oft in der Natur), manchmal auch der Urlaubsort. Diese Definition hält sich seit Längerem: Schon im Grimm’schen Wörterbuch war die Sommerfrische der »erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit«.1 Auch heute gibt es kaum Leute in Deutschland, die nicht mindestens einmal jährlich in den Urlaub fahren oder fliegen möchten. Dennoch listet der Duden das Wort als veraltend (Die deutsche Rechtschreibung, Berlin 2013). Auch davon abgeleitete Bezeichnungen wie Sommerfrischler sind nicht mehr aktuell.

Offenbar ist der »Alterungsprozess« des Wortes in vollem Gange – hie und da kann es aber durchaus verwendet werden.

Die Anfänge der Sommerfrische

Einen geregelten Urlaub, wie wir ihn heute verstehen, gibt es jedoch erst ungefähr seit den 1960ern. Woher kommt also der Name Sommerfrische, der schon seit Jahrhunderten bekannt ist?

Die Ursprünge lassen sich in Italien aufspüren: Der refrigerio oder die refrigerazione war die Erfrischung im Schatten; und in Venedig ging man nicht spazieren, sondern »nahm Kühlung« (it. prendere il fresco). Die frische aus dem Italienischen war in Bozen bereits im 17. Jahrhundert bekannt und in der summerfrist (Grimm’sches Wörterbuch), wie es dort auch hieß, wanderten die Menschen aus dem heißen Tal in die kühleren Sommerwohnungen im Mittelgebirge, zum Beispiel nach St. Konstantin bei Völs am Schlern, etwa 15 km östlich von Bozen. Manche Quellen berichten auch, dass Sommerfrische eigentlich ein Hirtenwort für die Weidezeit auf der Alm war, die vermutlich höher gelegen und dadurch kühler war (vgl. Grimm’sches Wörterbuch). Verbreitung fand der Ausdruck im deutschsprachigen Raum erst durch den Schriftsteller Ludwig Steub, der die Gebräuche Tirols in seinen Büchern beschrieb und dort auch das Wort Sommerfrische einfließen ließ.

Ging es in den Anfängen noch um einen Temperaturwechsel, wie die Frische andeutet, wandelte sich die Bedeutung der Sommerfrische bis hin zum Urlaub, bei dessen Wortbestandteil Laub einem eher der Herbst durch den Kopf schießt. Dabei meint diese Bezeichnung (ahd. urloub) nach Wolfgang Pfeifers Etymologischen Wörterbuch des Deutschen (Berlin 1993) eigentlich die »Erlaubnis, sich zu entfernen«. Der Sommer, der heute als typische Urlaubszeit gilt, war im Altertum jedoch deren Gegenteil. In dieser Zeit beaufsichtigte der Adel auf dem Land die Agrararbeit und kehrte erst zum Winter in die Stadt zurück. Während der Adel im Mittelalter häufiger seine Wohnstätte änderte, kehrte die Aristokratie in der Neuzeit wieder zum alten Modell zurück: Im Sommer ging e s auf den Landsitz – diesmal jedoch zur Erholung. Im 19. Jahrhundert übernahm auch das Bürgertum diesen Brauch. Der Trend wurde kurz darauf durch die Eisenbahn unterstützt, die eine komfortablere Reise versprach, und das Wort Sommerfrische fand zunehmend Verbreitung. Es entstanden zahlreiche Sommervillen im ländlichen »Heimatstil«, die oft unbeheizt waren und damit wieder Kühlung verschafften.2

Beliebte Sommerfrischen

Der neue Tourismus führte zur Entdeckung zahlloser Ferienorte. Rund um Leipzig beispielsweise wurde das Erzgebirge, das sächsische Muldental und der Thüringer Wald zur Sommerfrische besucht. In Österreich war das Salzkammergut, der Wörthersee oder auch der Wienerwald beliebt. Ob in den Bergen, am Meer oder auf dem Land: Auch aus medizinischen Gründen wurden sogenannte Luftkuren verordnet. Doch nicht nur Landhäuser dienten als Rückzugsort, sondern auch Kurbäder, die eher auf eine urbane Umgebung hindeuten. Vor allem im Bürgertum bot auch die Bildungsreise als Urlaubsform eine Möglichkeit, fremde Orte kennenzulernen.

Wer einmal in der Literatur nach Sommerfrische Ausschau hält, dem begegnet sie unter anderem bei Gottfried Keller (1900):

zwei fremde Männer, wohl bestellt,
die friedsam wandernd sich gesellt,
die sommerfrische zu begeh’n.

(Grimm’sches Wörterbuch)

Joachim Ringelnatz hat der Sommerfrische 1933 sogar ein ganzes Gedicht gewidmet. Doch auch in heutigen Texten läuft sie einem ab und an über den Weg. So titelte am 09.07.2021 der Wiesbadener Kurier: »Die Sommerfrische des Sultans«. Gemeint war ein teures Sommerpalais an der Ägäis für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die Wahl fi el wohl nicht nur wegen der Alliteration, sondern auch wegen des herrschaftlichen Anklangs auf die Sommerfrische. Im Sommer an der Ägäis kann von Kühlung allerdings kaum mehr die Rede sein.

Sollte die Bezeichnung revitalisiert werden?

In der heutigen Zeit fahren die Menschen nicht mehr nur ins Kühle, sondern eher ins Warme. Ein Urlaub ist heute also weniger körperliche als geistige Erfrischung: »Raus aus dem Alltagstrott « lautet das Mott o. Doch auch damals ging es wohl darum, mit einem Ortswechsel den Kopf zu erfrischen und das Treiben der Stadt hinter sich zu lassen. So wird sie »landläufig« mit einem Aufenthalt in der Natur assoziiert. Das mag dazu beitragen, dass die Bezeichnung mittlerweile altmodisch wirkt. Seit einigen Jahren ist in Österreich der ländliche Kurzurlaub jedoch wieder modern geworden. Zeitgleich hat die Werbung die Sommerfrische für sich entdeckt. Manche Wörter finden also von allein den Weg zurück in den Sprachgebrauch.


1 »Sommerfrische«, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21). https://www.woerterbuchnetz.de/DWB.

2 Nadia Oehling, Ein Kurbad im Isartal. Schwellenräume und Naturbezug der Kurarchitektur der Sommerfrische, Diplomarbeit, Technische Universität Wien 2021.