Ausgabe: Der Sprachdienst 1/2026

Resilienz

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Nach Trigger und toxisch behandelt unser neues Zeit-Wort Resilienz einen weiteren medizinisch-psychologischen Fachausdruck, der Einzug in den (gehobenen) Alltagswortschatz gehalten hat. Seit einigen Jahren vernimmt man das Wort nicht nur vermehrt, sondern kann sich ihm beinahe unmöglich entziehen, hat doch seine Gebrauchshäufigkeit sprunghaft zugenommen. Hier steht insbesondere die Coronakrise im Verdacht, ihren Beitrag zur auf fälligen Worthäufung geleistet zu haben. Und auch der Verwendungskontext hat sich ausgedehnt, nicht nur im Hinblick auf Fach- und Allgemeinwortschatz, sondern auch in Bezug auf die Bereiche, in denen der Ausdruck heutzutage anzutreffen ist. Aber beginnen wir ganz vorn.

Bei Resilienz handelt es sich u m einen Begriff aus der Psychologie, mit dem einerseits die psychische Widerstandskraft beschrieben wird, also die Fähigkeit eines Menschen, schwierige Lebenssituationen zu meistern oder körperliche bzw. psychische Belastungen auszuhalten und sich davon zu erholen, ohne dauerhafte Beeinträchtigungen davonzutragen. Andererseits ist Resilienz als Anpassungsfähigkeit zu verstehen, also als Fähigkeit, auf Probleme und Veränderungen mit der Anpassung des eigenen Verhaltens zu reagieren. Das zum Substantiv gehörige Adjektiv lautet resilient; als verwandte Ausdrücke finden wir in unserem Wortschatz Ausdauer, Durchhaltevermögen, Robustheit, Zähigkeit oder Widerstandsfähigkeit.

Das Wort Resilienz geht zurück auf das lateinische Verb resilire mit der Bedeutung ›zurückspringen, abprallen, nicht haften bleiben‹: Zugrunde liegen re- ›zurück‹ und salire › springen, hüpfen‹. Damit ist es entfernt verwandt mit Wörtern, die ebenfalls auf das Verb salire zurückzuführen sind, etwa Salienz – ein weiterer Ausdruck aus der Psychologie mit der Bedeutung ›Hervortreten, Herausstechen eines Reizes; Auffälligkeit eines Ereignisses, einer Sache oder Person‹ – und Salto, eigentlich ›Sprung, Kopfsprung‹.

Wurde Resilienz zunächst nur im oben beschriebenen medizinischpsychologischen Kontext in Bezug auf die Eigenschaften eines Menschen verwendet, so begegnet es uns zunehmend auch in anderen Zusammenhängen. Das Wahrig-Wörterbuch etwa nennt unter dem Ausdruck auch die allgemeine Bedeutung ›Widerstandskraft eines Systems gegenüber inneren oder äußeren Störungen‹ sowie das in der Ökologie vorherrschende Verständnis ›Toleranz eines Ökosystems gegenüber Schäden, ohne zu einem Zusammenbruch des Systems zu führen‹. So finden wir Beispiele, wo eine Stadt als resilient bezeichnet wird, wenn sie ihre Schwachstellen erkennt und sich vor Katastrophen schützt, dem Schienenverkehr wird Resilienz abgesprochen, wenn schon »Schäden an wenigen Knotenpunkten genügen, um das ganze System zum Stillstand zu bringen«, und auch Mutter Erde wird im Hinblick auf die Erdgeschichte und überstandene ›Krisen‹ wie Eiszeit oder Meteoriteneinschlag als grundsätzlich resilient eingeschätzt.[1]

Geprägt wurde der Begriff der Resilienz in den 1950er-Jahren von dem Psychologen Jack Block; zusammen mit seiner Frau stellte er durch eine Langzeitstudie einen Zusammenhang zwischen Resilienz im Kleinkindalter und späteren liberalen politischen Einstellungen fest sowie gleichzeitig zwischen dem Gegenteil von Resilienz – der sogenannten Vulnerabilität ›Verwundbarkeit, Verletzbarkeit‹ – und konservativen Werteansichten. Doch erst in den 1970er-Jahren setzte sich der Begriff durch, als die Forscherinnen Emmy Werner und Ruth Smith aufgrund einer Studie schlussfolgerten, dass Resilienz erlernbar sei. Diese Erkenntnis stellt eine wesentliche Grundlage für die Bedeutung von Resilienz in unserer heutigen Gesellschaft dar: So wird sie zunehmend als maßgebliche Fähigkeit für einen gesunden Umgang mit den Auswirkungen unserer krisengeschüttelten Zeit betrachtet, die nicht allein als angeborene menschliche Eigenschaft, sondern als Prozess der Kultivierung dieser Eigenschaft zu verstehen ist. Demnach ist es möglich, Resilienz zu erlernen, indem man sich darin übt, Grenzen zu setzen und nicht jede Belastung zu nah an sich heranzulassen, indem man eine optimistische Denkweise trainiert und das Selbstvertrauen stärkt. Auch ein unterstützendes soziales Umfeld hat Einfluss auf den Umgang mit Krisen. So wird Resilienz heute zunehmend als Ergebnis von Anpassungsprozessen verstanden, die auf dem Erlernen von Methoden und Strategien zur Krisenbewältigung basieren.

Mit dieser Bedeutungsausweitung des Wortes und seiner beinahe schon inflationären Verwendung geht aber auch eine Gefahr einher: Je mehr Resilienz als Modewort wahrgenommen wird, je mehr der Fokus auf Selbstoptimierung gelegt wird, desto stärker wird das bislang eher positiv besetzte Konzept der Resilienz mit Erwartungs- und Leistungsdruck assoziiert – also dem Gegenteil dessen, was Resilienz für unsere Psyche bewirken soll – oder verschwindet durch die Überbetonung letztlich in der Bedeutungslosigkeit.

Für Sie als sprachlich interessierte Leserschaft ist es womöglich besonders wissenswert, dass sich die eigene Resilienz auch auf sprachlich-kommunikativer Ebene fördern lässt, nämlich durch bewusste Wortwahl und bestimmte Kommunikationsstrategien. Dadurch soll unter anderem die Aufmerksamkeit auf die eigenen Wahrnehmungen und Gefühle gerichtet werden, wodurch eine innere positive Grundeinstellung und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und Konflikte leichter gelöst werden können. So wird Sprache selbst zu einem Werkzeug der Resilienz.

Achten Sie doch in Zukunft einmal selbst darauf, wie Sie Sprache verwenden, und trainieren Sie Folgendes:

  • Vermeiden Sie Schwarz-Weiß-Darstellungen: Sprechen Sie weniger in absoluten Kategorien wie immer oder nie und verwenden Sie stattdessen lieber Wörter wie oft und manchmal.
  • Öffnen Sie Lösungswege, indem Sie blockierende Ausdrücke wie Problem, Schuld und Schwäche durch lösungsorientierte Wörter wie Herausforderung, Verantwortung und Entwicklungspotenzial ersetzen.
  • Setzen Sie Grenzen und übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Entscheidungen, indem Sie Formulierungen wie »Ich entscheide mich dagegen« oder »Ich möchte das nicht« verwenden und Abstand nehmen von »Ich kann nicht«.
  • Bleiben Sie offen für Alternativen und sagen Sie nicht von vornherein »geht nicht«, sondern fragen Sie sich »Was ist machbar?«.

Doch wie auch immer wir uns im Angesicht von Krieg, Krisen und den Herausforderungen unserer Zeit verhalten, wie nah wir die tägliche Dosis schlechter Nachrichten an uns heranlassen und wie wir uns für das wappnen, was noch kommen mag: Bleiben wir offen für unsere Mitmenschen und geben wir uns gegenseitig Halt – auch dies macht uns resilient.


[1] Alle Beispiele nach dwds.de.

Frauke Rüdebusch