Spanisch als inklusive Sprache

Von Carsten Sinner

Gekürzte Fassung

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzfassung des gleichnamigen Beitrags im Sprachdienst 1–2/2020, einem Themenheft zur Problematik der geschlechtergerechten Sprache. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis.

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Die politischen und gesellschaftlichen Traditionen und Entwicklungen in den über 25 spanischsprachigen Ländern sind sehr unterschiedlich, warum auch die Debatten um soziale Belange, Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft usw. sehr divergieren. Dies spiegelt sich in der verwendeten Sprache ebenso wider wie in der Art, in der über Diskriminierung durch Sprache in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Einige spanischsprachige Länder – wie Argentinien – gehören zu den ersten weltweit, die Antidiskriminierungsgesetze, eingetragene Partnerschaften oder gleichgeschlechtliche Ehe und Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einführten sowie Leihmutterschaften legalisierten und in denen es auch in den Medien eine offene Auseinandersetzung zu Fragen nach Sprache und Gleichstellung gibt. In anderen spanischsprachigen Ländern dagegen – etwa in Chile – haben solche Fragestellungen bis heute wenig Präsenz im gesellschaftspolitischen Diskurs und in den Massenmedien; im öffentlichen Diskurs werden sie vielfach abgelehnt.

Die Debatten darüber, ob und wie Sprache gesellschaftliche Realität widerspiegelt oder ob durch Veränderung von Sprache auch soziale Gegebenheiten beeinflusst werden können, sind im Kern dieselben, die in anderen Sprachräumen geführt werden. Die Rahmenbedingungen sind dabei insgesamt gesehen trotz aller Unterschiede aufgrund einer gemeinsamen Kolonialerfahrung, der Dominanz der Kirche, einer vielfach sehr starken Präsenz konservativer, ultrakonservativer oder autoritärer Regierungen und einer in vielen Fällen sehr weitreichenden Marginalisierung der indigenen Bevölkerung ähnlich geprägt.

Der Umstand, dass im 20. Jahrhundert in vielen spanischsprachigen Ländern zumindest zeitweise Diktaturen die Herrschaftsform waren, hat vielerorts zu einer Stärkung der katholischen Kirche und einem Siegeszug der evangelikalen Freikirchen geführt. Dadurch wurden traditionelle Geschlechterrollen und Familienbilder verfestigt und die Benachteiligung der Frauen (und sexueller Minderheiten) in der Gesellschaft weiter verstärkt und auch legitimiert.

Die im internationalen Vergleich oft späte Verbesserung von Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und die späte Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt implizieren in vielen Ländern ein langes Festhalten an vermeintlich traditionellen Familienbildern und dadurch eine Zementierung der Geschlechterrollen.

In den Debatten über Geschlechterrollen lässt sich eine ablehnende Haltung der politisch konservativen Kräfte hinsichtlich der Regulierung der Sprache und der Förderung inklusiver Sprache feststellen. Mehrheitlich wird der Wunsch nach inklusiver Sprache von traditionell als politisch links angesehenen Teilen der Bevölkerung geäußert, die insbesondere Veränderung der Geschlechterrollen durch bewusst veränderten Sprachgebrauch fordern oder selbst auch praktizieren. Deshalb werden in einigen Ländern bestimmte Sprachverwendungen mit politischer Haltung bzw. Ideologie assoziiert. In Argentinien etwa tendierten Befürworter der damals amtierenden Präsidentin Christina Kirchner und ihrer Partei dazu, wie sie selbst die Bezeichnung la presidenta ›die Präsidentin‹ mit der Endung -a (zum Ausdruck weiblichen Geschlechts) zu gebrauchen. Die politische Opposition gebrauchte weiter die traditionelle Form la presidente mit einem nicht geschlechtsspezifischen -e. In Spanien führt der extreme gesellschaftliche Rechtsruck nicht nur zu mehr Intoleranz gegenüber Minderheiten, sondern auch zu Forderungen nach einem Ende der vermeintlichen »Manipulation« der Sprache: politisch korrekte Sprache und nicht diskriminierende Sprache wird von rechten und rechtsradikalen Politikern verhöhnt und reaktionäre, antidemokratische Kräfte, die spätestens seit der Krise um die versuchte Abspaltung Kataloniens in Spanien deutlich im Aufschwung sind, werfen denjenigen, die sich für die Gleichstellung von Frauen und sexuellen Minderheiten einsetzen, vor, sie hätten »den Spieß umgedreht« und diskriminierten und verfolgten jetzt die Männer.

Somit lassen sich in manchen spanischsprachigen Ländern, allen voran Spanien, in Politik und Gesellschaft mit Forderungen nach der Abschaffung von sexueller Aufklärung in Schulen, nach einem Ende der vermeintlichen verbalen Verfolgung von Männern und nach der Wiederherstellung der »traditionellen Familie« ähnliche rhetorische Tendenzen beobachten, wie sie auch in Deutschland zu beobachten sind.

Die Bildung der Plurale ist eines der sprachlichen Streitthemen: Bei rein männlichen Gruppen und Gruppen mit Mitgliedern beider Geschlechter – wie los argentinos ›die Argentinier‹ oder ›die Argentinier und Argentinierinnen‹ steht der Norm folgend die maskuline Pluralform, in welcher die weiblichen Mitglieder der Gruppe eingeschlossen sind; nur rein weibliche Gruppen können auch grammatisch durch eine weibliche Pluralform markiert werden.

Bemerkenswert ist die Haltung der königlichen spanischen Akademie – die maßgebliche Institution für die Pflege der spanischen Sprache –, die immer wieder für ihre personelle Zusammensetzung aus vorwiegend betagten Männern ohne linguistische Expertise kritisiert wurde und der man vorwarf, der sprachlichen Aktualität hinterherzuhinken. Die Akademie vertritt die Auffassung, dass niemand durch das generische Maskulinum diskriminiert würde. Das Argument ist die Position, dass das generische Maskulinum Frauen ja einschließe, was jene, die sprachliche Veränderungen fordern, kritisieren. Auch haben Untersuchungen gezeigt, dass viele Sprecher und Sprecherinnen von den männlichen Endungen auch eher auf männliche Personen schließen. Dennoch vertreten die Gegner von Veränderung auf die Tradition – es sei schon immer so gewesen – und halten es für sinnlos, Sprache »gewaltsam« zu verbiegen, wie es in einem von Akademiemitglied Ignacio Bosque veröffentlichten Bericht der Akademie heißt. Die Akademie kritisiert Universitäten, Provinz- und Regionalregierungen, Gewerkschaften und Organisationen, die Leitfäden für einen nicht sexistischen Sprachgebrauch erarbeitet und veröffentlicht haben und in ihrem Zuständigkeitsbereich umsetzen.