Ausgabe 3/2013

Erfolge und Misserfolge des lexikalischen Purismus in Deutschland zur Zeit des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins und heute

Der dt. Sprachpurismus des Zweiten Kaiserreichs und der Weimarer Republik bestand nicht nur aus den Aktivitäten des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Vielmehr ist der Blick auch auf die breit angelegten Vorarbeiten von Behörden und Institutionen (Heereswesen, Post, Eisenbahn, Gesetzgebung und Justiz) zu richten. Eine herausragende Rolle bei der Umsetzung der Ziele des Vereins in die Sprachpraxis der Deutschen spielten die Schulen: Mit Blick auf die berufliche Struktur seiner Mitgliederschaft könnte man den Verein geradezu einen Lehrer- und Beamtenverein nennen. Betrachtet man den dt. Purismus des 19./20. Jh.s nicht nur aus national begrenzter germanistischer Perspektive, so erweist er sich als die dt. Realisationsform vergleichbarer Bemühungen um »Sprachreform« und »Sprachplanung« vom 18. bis ins 20. Jh., die sich als »actions humaines sur les langues« (Fodor/Hagège/Fishman) in vielen europäischen Sprachnationen vollzogen haben. Im Einzelnen werden Wirkungsmöglichkeiten und -grenzen des dt. Purismus erörtert, wobei der zeitgenössische »allgemeine Normal-Nationalismus« (Nipperdey) eine wesentliche Rahmenbedingung bildet.

The German language purism during the Second Empire and the Weimar Republic was not only manifest in the activities of the General German Language Society (»Allgemeiner Deutscher Sprachverein«). To assess the movement correctly, it has to be taken into a broader view that encompasses work done by public authorities and institutions (military, postal system, railway system, government legislation, and justice). Schools played an important role in the implementation of General German Language Society‘s goals. In fact, in regard to the professional structure of its members, the Society could be seen as a teachers’ and civil servants’ association. When considering the German purism of the 19th and 20th centuries from beyond a nationally defined perspective, it becomes obvious that the purism was a German part of overarching efforts for »language reform« and »language planning« which were carried out as »actions humaines sur les langues« (Fodor/Hagège/Fishman) in many European language nations from the 18th to the 20th centuries. Outcomes and limits of the effects of the German purism will be discussed in detail; the contemporary »general normal-nationalism« (Nipperdey) will be part of the essential framework for this discussion.

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Lassen Sie mich mit zwei anekdotischen Kindheitserinnerungen beginnen. Zu den allerersten Büchern, in denen ich mit knapp sechs Jahren aus eigenem Antrieb gelesen habe, gehört eine Auswahl aus Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums. Ich werde das Buch nicht von der ersten bis zur letzten Seite geschafft haben, aber deutlich habe ich bis heute das Kapitel von der Heimkehr des Odysseus vor Augen, nicht so sehr wegen seiner hochdramatischen Abrechnung mit den seine Frau Penelope frech bedrängenden Freiern, sondern vielmehr, weil zum Haushalt Penelopes auch eine betagte Frau gehörte, die im Rang über den Dienerinnen stand und im Text als Schaffnerin bezeichnet wurde. Eurynome hieß sie, wie ich bei Voß noch einmal nachgelesen habe. Was Schaffnerinnen sind, wusste ich gut, denn mein Elternhaus stand in der Nähe eines Straßenbahndepots, und da gingen Schaffnerinnen ein und aus. Im Frühjahr 1944, als ich Schwab las, waren die Schaffner männlichen Geschlechts im Krieg, und nun waren Frauen eingesprungen, Schaffnerinnen eben. Dass die Sache mit Penelope und der Schaffnerin in einer grauen Vorzeit spielen musste, in der es denn wohl doch noch keine Straßenbahnen gegeben haben mochte, ahnte ich als fast Sechsjähriger, und gerade deshalb blieb mir das Wort befremdlich.

Als ich etwa zehn war, oder zwölf, gerieten mir Ludwig Thomas Lausbubengeschichten in die Hände, ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen. Doch auch deren Sprache, ein leicht bairisch eingefärbtes Standarddeutsch, schien mir hier und da merkwürdig. Zur Illustration meiner Fremdheitserfahrung zitiere ich einige Zeilen aus dem Kapitel, in dem der Ich-Erzähler als etwa vierzehnjähriger Gymnasiast gemeinsam mit seinem Freund Fritz aus dem Münchner Pensionat mit der Bahn zu Beginn der »Ostervakanz« ins heimatliche Dorf zurückfährt. Sie haben sich auf Unterwegsbahnhöfen mit Bier versorgt und rauchen dicke Zigarren, bis ihnen schließlich speiübel wird und sie das Trittbett vor dem Abteilfenster mit Erbrochenem beschmutzen. Nun Thoma:

[…] wie der Zug in der Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: »Wer ist die Sau gewesen? Herrgottssakrament, Konduktör, was ist das für ein Saustall?« Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war die Sau?«. (Thoma 1905/1982: 37)

Es geht mir jetzt nicht um das mir damals auch recht merkwürdig erscheinende Perfekt statt des Präteritums als Erzähltempus – ein Resultat des oberdeutschen Präteritumsschwundes.2 Es geht mir um die Substantive. Dass Vakanz für Ferien stand und dass mit dem Konduktör der Schaffner gemeint war, habe ich mir damals aus dem Kontext erschlossen, Station statt Bahnhof kannte ich aus dem Mund älterer Leute, die bisweilen vom Stationsvorsteher sprachen, der für Thomas oberbayerischen pubertären Erzähler indessen ein Expeditor ist. Über dieses mir dunkle Wort Expeditor habe ich als Zehnjähriger wohl einfach hinweggelesen. Auf das Wortpaar Schaffnerin und Konduktör werde ich unten noch zurückkommen.

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Der »Allgemeine Deutsche Sprachverein« wurde im Spätsommer 1885 von dem Braunschweiger Kunsthistoriker und Museumsdirektor Herman Riegel (1834–1900) begründet. Bereits 1883 hatte Riegel in seiner programmatischen Schrift Ein Hauptstück von unserer Muttersprache. Mahnruf an alle national gesinnten Deutschen (Riegel 1883) zur Gründung eines Sprachvereins aufgefordert und überdies im August 1885 ein nochmals auf die Vereinsgründung drängendes Rundschreiben an bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verschickt. Im September 1885 dann rief in Dresden der Gymnasialprofessor Hermann Dunger (1843–1912) den ersten lokalen Zweigverein ins Leben.3 Dunger war einer der zwei wichtigsten Lexikographen des Sprachvereins: Schon 1882 war sein Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter (Dunger 1882) erschienen. Als Lexikograph des Vereins ist neben Dunger der in seinem Zivilberuf hochverdiente Eisenbahningenieur Otto Sarrazin (1842–1921) zu erwähnen, ein Urgroßonkel des Politikers und Skandalpublizisten Thilo Sarrazin. Otto Sarrazin ist u. a. der Schöpfer des Berliner S-Bahn-Rings sowie der Moselbahn.4 1886 hat er als Mitglied des Sprachvereins sein gleichfalls populär gewordenes, bis 1912 mehrfach neu aufgelegtes Verdeutschungswörterbuch (Sarrazin 1886/ 89) erstmals veröffentlicht. Neben Dungers und Sarrazins Büchern von nicht zu unterschätzender Breitenwirkung war außerdem eine thematisch spezifizierte Broschürenreihe des Vereins mit dem Sammeltitel Verdeutschungsbücher des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, in der von 1888 bis nach dem Ersten Weltkrieg ein rundes Dutzend Büchlein mit Titeln wie Die deutsche Speisekarte, Der Handel, Die Amtssprache, Sport und Spiel, Das deutsche Buchgewerbe erschien, viele davon gleichfalls in mehreren Auflagen.

In den deutschen Medien unserer Tage genießt der Sprachverein einen eher schlechten Ruf. Entweder amüsiert man sich in Journalistenkreisen über stets wieder dieselben nicht erfolgreich gewesenen Verdeutschungsvorschläge des Vereins, wobei dann das beim ersten Hören ja erheiternde Wort Rauchrolle statt Zigarre selten fehlt, oder aber man äußert sich meist sehr undifferenziert über den nationalistisch-deutschtümelnden Grundton der Publikationen des Vereins, dabei oft unterstellend, dass diese Art von Sprachnationalismus ein typisch deutsches Phänomen sei. Im Folgenden möchte ich auf beide Fehleinschätzungen eingehen – aber auch auf die Frage, weshalb der Purismus der Kaiserzeit immerhin doch einige Erfolge erzielt hat, während die Anglizismenkritik unserer Tage bislang nichts Vergleichbares vorweisen kann.

Beginnen wir bei der Rauchrolle. Offensichtlich ist es eine allgemeine Verhaltensmöglichkeit des Menschen, nie vorher Gesehenes oder Gehörtes amüsant zu finden und mit Heiterkeit darauf zu reagieren. Während meiner Studienzeit habe ich ein Schuljahr lang an einem französischen Lycée (als sog. assistant de langue allemande) Deutschunterricht erteilt. Nie werde ich das minutenlang andauernde, kaum zu bremsende Gelächter meiner elfjährigen Schüler über das Wort Glühbirne vergessen, als sie ihm in ihrem Deutsch-Lehrbuch erstmals begegneten. »Eine Birne, die glüht, une poire qui rougeoie, qui brûle!« Was das Deutsche doch für eine witzige Sprache ist! Glühbirne heißt auf frz. ampoule. Das Tertium comparationis von Rauchrolle und Glühbirne besteht darin, dass in beiden Fällen das neue, im goetheschen Sinne »unerhörte« Wort eine überraschende Metapher ist. Die vertrauten Wörter dt. Zigarre und frz. ampoule sind, weil Simplizia, nicht motiviert; für sie gilt uneingeschränkt Saussures Wort vom arbitraire du signe. Glühbirne und Rauchrolle dagegen sind als Komposita teilmotivierte Wörter; bei ihnen kann man sich etwas denken, auch etwas, das gar nicht gemeint ist. Wie wenig angebracht es daher ist, über Wörter wie Rauchrolle vorschnell zu lächeln oder sie gar als Kronzeugen für eine dann gern unterstellte Debilität der Männer vom Sprachverein zu bemühen, zeigt auch das Wort Briefumschlag, das, von Heinrich von Stephan 1874 eingeführt, das Wort Couvert ersetzen sollte und de facto ersetzt hat. In einer seiner gedruckten Plaudereien (Riegel 1898, Bd. 2: 161) erinnert Herman Riegel daran, dass dem Wort Briefumschlag anfangs von seinen höchst amüsierten Kritikern der alsbaldige Untergang prophezeit worden sei, wahrscheinlich, weil sie sich an medizinische feuchte Umschläge erinnert fühlten, die um die Briefblätter zu wickeln seien. Glühbirne, Rauchrolle und Briefumschlag gehören demselben Typus zunächst überraschender, metaphorisch-anschaulicher Neubildungen an.5 Vorsicht ist also geboten, bevor man Neologismen solcher Art für in sich schon lächerlich und deshalb für nicht zukunftsfähig erklärt und im selben Atemzug dann auch gleich den Sprachverein pauschal als eine nicht ernst zu nehmende Institution hinstellt.

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Unverkennbar ist dagegen, wie sehr der Sprachverein ein Kind des Nationalismus der wilhelminischen Epoche ist. Deutlich sichtbar wird dies insbesondere in den flammenden Äußerungen Riegels über die Notwendigkeit der Sprachreinigung und somit der Gründung eines Sprachvereins, nachzulesen besonders in seiner Programmschrift von 1883 (Ein Hauptstück von unserer Muttersprache; Riegel 1883), in seiner ungedruckt gebliebenen Schrift Meine Lebenserinnerungen (nach 1890; Riegel o. J.) sowie in seinen Reisefeuilletons (Riegel 1898). Nur einige wenige seiner Äußerungen seien hier angeführt. Riegels überbordender Frankreich- und Franzosenhass ist zu großen Teilen familiengeschichtlich begründet.6 Seine Familie stammte aus dem Breisgau, aus Oberrotweil am Westrand des Kaiserstuhls, dicht am Rhein gelegen.7 1793, im Zuge der Beschießung und fast völligen Zerstörung der unmittelbar benachbarten Stadt Breisach durch die französische Armee während des ersten Koalitionskriegs, wurde die großväterliche Familie von den Franzosen, »diesen menschenbeglückenden Freiheitshelden […], dreimal von Haus und Hof vertrieben und sozusagen bis aufs Hemd ausgeplündert« (Riegel o. J.: 3–4). In diesen Worten paart sich Riegels traumatisch verursachter Hass auf die Franzosen mit seiner Verachtung der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848. Die deutschen Revolutionäre von 1848, derer er in Berlin als 14-Jähriger »mit Entrüstung und Trauer« ansichtig wird, sind für ihn »Leute, die aus den dunkelsten Abgründen der Bevölkerung empor getaucht waren und die sich nun im Lichte der Freiheit rüpelhaft blähten« (Riegel o. J.: 14).

Sein Vater, Ferdinand Riegel, hatte 1824 in Potsdam (nach einer Lehre bei Herder in Freiburg) eine Verlagsbuchhandlung gegründet. Schwerpunkte seines Verlages waren Druckgraphik und Prachtbände, u. a. betreute er das graphische Werk Karl Friedrich Schinkels, über den engste Beziehungen zu Alexander von Humboldt erwuchsen, über diesen wiederum ergaben sich Kontakte zu König Friedrich Wilhelm IV. Herman Riegel wurde 1871 nach einem Studium der Kunst- und Architekturgeschichte samt Rostocker Promotion und Leipziger Habilitation zum Leiter des Herzoglichen Museums in Braunschweig (heute: Herzog-Anton-Ulrich-Museum) berufen und wurde zugleich Professor für Kunst- und Baugeschichte am Collegium Carolinum (der heutigen Technischen Universität). Riegels großes Verdienst um Braunschweig besteht darin, dass er der herzoglichen Regierung durch unentwegtes Lästigfallen den Bau einer modernen Galerie für die damals noch unsachgemäß aufbewahrte herzogliche Gemäldesammlung abgerungen und sie damit vor dem Untergang bewahrt hat. Als Architekten hatte er den Direktor und Erbauer des Städelschen Museums in Frankfurt am Main, Oskar Sommer, gewinnen können und ihn dazu überredet, in einer Relief-Reihe, die das Mezzaningeschoss des Braunschweiger Museumsgebäudes ziert und einige der wichtigsten Maler der europäischen Kunstgeschichte darstellt, zwar deutsche, niederländische, italienische und spanische Maler wie z. B. Dürer, Rembrandt, Leonardo, Velasquez abzubilden, aber keinen einzigen Franzosen. Claude Lorrain etwa, Boucher, Watteau – sie alle sind für Riegel nur Vertreter einer »Afterkunst« (Riegel 1876: 14), was sie geschaffen haben, ist bloße »Theaterdecoration« (ebd.), »Kunst in ihrer tiefsten Erniedrigung« (ebd.), »hohles und gespreiztes Pathos« (Riegel 1876: 16).

Im Zusammenhang mit dieser Frankreichfeindschaft sind Riegels sprachpuristische Bestrebungen zu sehen. In seinem Hauptstück von unserer Muttersprache lesen wir, dass er nichts anderes als den »Kampf gegen das Übermaß der Fremdwörter, namentlich der französischen« bezwecke (Riegel 1883: 4). Den fremden Wörtern, »diesem Schmarotzerpack«, habe er »Krieg und Feindschaft angesagt« (Riegel 1883: 6). Dabei gehe es ihm um die »Heilung einer schweren Seuche«, »um eine große nationale Sache. Nur von diesem nationalen Standpunkte aus spreche ich, nur in diesem Sinne ist meine Arbeit aufzufassen und zu verstehen« (ebd.).8 Riegels Purismus dient nach seinen eigenen Worten also nur mittelbar der Sprache, vielmehr primär seinen bellizistischen Zielen bzw. Wunschvorstellungen, denn: »Noch auch stehen im Osten und im Westen gewaltige Nachbarn bis an die Zähne gerüstet, lauernd und spähend an unseren Grenzen. Wir können über Nacht in den schwersten und fürchterlichsten aller Kriege gestürzt werden, und wie sollen wir bestehen ohne die höchste sittliche Kraft?« (Riegel 1883: 59) Man könnte diese Zeilen so verstehen, als ob es Riegel hier lediglich (mit dem historisierenden Pathos seiner Zeit gesagt) um »Schutz und Trutz« gegenüber einem Angriff von außen ginge. Jedoch wird er in seinen Lebenserinnerungen deutlicher: Dort spricht er, in den 1890er Jahren auf 1870/71 rückblickend, von der Sühne für die »tausend entsetzlichen Demütigungen und Drangsale, die Frankreich seit Jahrtausenden9 an uns gesündigt hatte. Eine Sühne ist erfolgt.« (Riegel o. J.: 65) Jedoch: »Für all diese Verbrechen und Untaten […] war die Sühne von 1871 zu klein.« (ebd.) – Mit anderen Worten: Riegel hält einen neuen deutsch-französischen Krieg nicht nur für unvermeidlich (dies damals die Befürchtung vieler), sondern sogar für erstrebenswert, und damit Deutschlands Krieger die dafür nötige »sittliche Kraft« erwerben können, muss vorher die deutsche Sprache vom »Schmarotzerpack« der Fremdwörter, zumal der französischen, befreit werden.10 Der Sprachverein: für Riegel nicht zuletzt ein Instrument der nationalen Wehrkraftertüchtigung.

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War Riegel im Sprachverein vor allem der Mann der lauten und groben Töne (aus heutiger Sicht ein »ugly German«), so wurde die eigentliche sprachreformerische und sprachplanerische Arbeit von Leuten wie Otto Sarrazin und Hermann Dunger geleistet, doch auch von den zahlreichen Vereinsmitgliedern, die daran mit Aufsätzen und Leserbriefen in der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins mitwirkten. Beide, Sarrazin und Dunger, haben ihren Wörterbüchern umfangreiche Einleitungen vorangestellt. Der sprachhistorisch gebildete Altphilologe und Germanist Dunger gibt auf mehr als 50 Seiten eine mit Beispielen reich versehene Darstellung der Geschichte des deutschen Lehnwortschatzes und der puristischen Abwehrversuche. Der Ingenieur Sarrazin dagegen geht die Dinge systematisch, d. h. synchronisch an. Sein Verdeutschungswörterbuch beginnt mit einer Benutzungsanleitung, die den Verwendungszweck eines solchen Buches im Gegensatz zu dem eines Fremdwörterbuchs erläutert. Dann aber zeigt Sarrazin an exemplarischen Fällen, dass den fremden Wörtern oft eine große Zahl semantischer Entsprechungen gegenübersteht: Das Wort System z. B. lässt sich im Dt. – je nach Bedeutungsvariante und Gebrauchskontext – mit Gesamtheit, Bau, Gefüge, Art, Gattung, Netz, Verband, Gebilde u. a. m. wiedergeben; insgesamt führt er 51 Möglichkeiten an. Die deutschen Wörter seien somit im konkreten Verwendungszusammenhang präziser als das pauschale Fremdwort System, und dies eben sei ihr Vorzug. Zwar ist Sarrazin hier, ohne es zu ahnen, dem linguistischen Prinzip der »systematischen Mehrdeutigkeit des Sprachzeichens« auf der Spur, doch sieht er leider davon ab, einmal die Gegenprobe zu machen, denn viele der von ihm angeführten dt. Wörter besäßen ja in einer anderen Sprache gleichfalls mehrere Übersetzungsäquivalente. Auch die dt. Wörter sind also nicht so eindeutig, wie Sarrazin, in seiner nationalen Perspektive befangen, es ihnen zuschreibt.

Wie jede Wörterbuchlektüre ist auch das Lesen in Dungers und Sarrazins Büchern unterhaltsam und darüber hinaus auch wortgeschichtlich lehrreich. Dies sei hier anhand weniger, beliebig ausgewählter Lemmata gezeigt, deren Semantik, Gebrauchsfrequenz oder aber sprachsozialer Ort während der mehr als 120 Jahre, die uns von Dunger und Sarrazin trennen, ganz unterschiedlichen, z. T. auch erstaunlichen Sprachwandelprozessen unterworfen gewesen sind.

Die folgenden Beobachtungen vermitteln ein nur impressionistisches, hier noch nicht systematisch konturiertes Bild. (1) Für das Wort Gasometer schlägt Sarrazin als deutsche Pendants sowohl Gasbehälter (was unserem heutigen Wortverständnis entspricht) als auch Gasuhr vor. Das Wort Gasuhr jedoch ist – wie auch sein jüngeres Synonym Gaszähler – für uns nicht mehr synonym mit Gasometer. Irgendwann nach 1890 muss sich eine Art semantischer »Entgleisung« ereignet haben, die bewirkt hat, dass das Wort Gasometer heutzutage nicht mehr in einer Reihe mit Messgerät-Bezeichnungen wie Barometer, Hygrometer, Kardiometer, Thermometer steht, wo der ihm etymologisch zukommende Platz11 ja eigentlich wäre. – (2) Dunger bucht das aus dem Frz. übernommene Adjektiv propre (von ihm noch frz. geschrieben) als ein zu seiner Zeit im Dt. geläufiges Wort; als dt. Ersatzwörter schlägt er reinlich, sauber, nett, ordentlich vor. Heute ist das Wort proper aus der dt. Standardsprache so gut wie ganz verschwunden; überlebt hat es jedoch in den norddt. Umgangssprachen und vielen nd. Dialekten als propper ›reinlich, sauber, nett, ordentlich‹,12 zusammen mit seinem seltener vorkommenden Antonym malpropper (< frz. malpropre) ›ungepflegt, schmuddelig, nicht ganz sauber‹ (z. B. von Wohnungen gesagt). – (3) Als Ersatz für Spelunke empfehlen beide Lexikographen erst an allerletzter Stelle Ausdrücke wie Schmutzwirtschaft (Sarrazin) oder unsaubere Wirtschaft (Dunger), die wir aus heutiger Sicht als Hauptbedeutung von Spelunke ansetzen würden. Vielmehr beginnen beide Autoren die Reihe ihrer Ersetzungsvorschläge mit Höhle, Loch, Nest, Raubnest, Schlupfwinkel. Als akademisch gebildete, lateinkundige Lexikographen bevorzugen Dunger und Sarrazin hier die bildungssprachlichen Teilbedeutungen von Spelunke, die sich semantisch damals sichtlich erst kaum von lat. spelunca ›Höhle, Grotte‹ entfernt hatten. Hingegen schätzen sie die zu ihrer Zeit längst etablierte umgangssprachliche Bedeutung von Spelunke ›übel beleumundetes Gasthaus‹, deren Entwicklung im 16. Jahrhundert begonnen hatte und die vom Grimm’schen Wörterbuch im Blick auf das Jahr 1893 sogar als die »heute in der volksmäszigen sprache ausschlieszlich überdauer[nde]« (DWb X, I, 1893: 2141–2142) bezeichnet wird, als weniger beachtenswert ein und notieren sie erst am Schluss ihrer Wörterbuchartikel. Schlaglichtartig zeigt sich an diesem Beispiel, dass Sarrazins und Dungers puristische Aufmerksamkeit vor allem der dt. Standardsprache und nur marginal den Varietäten des Substandards gilt.13 – (4) Für Egoismus schlägt Sarrazin nicht weniger als sieben von ihm als untereinander synonym betrachtete Ersatzmöglichkeiten vor: Selbstsucht, Eigensucht, Ichsucht, selbstischer Sinn, Eigennutz, Eigenliebe, Selbstigkeit.14 Keines dieser Wörter ist notabene ein zur Zeit des Sprachvereins gebildeter Neologismus, vielmehr begegnen sie nach Auskunft des Grimm’schen Wörterbuchs je für sich schon bei Autoren der Aufklärung und der Goethezeit (Kant, Voß, Wieland, Goethe, Campe, Jean Paul). Wie am Lemma Egoismus exemplarisch sichtbar wird, verstand sich der Sprachverein keineswegs nur als eine Neologismenfabrik, sondern warb nach Kräften dafür, beim Schreiben und Sprechen anstelle von Lehnwörtern – soweit irgend möglich – im Deutschen bereits vorhandene Erbwörter zu verwenden. Bisweilen werden (wie im vorliegenden Fall) auch in Vergessenheit geratene ältere Neubildungen empfohlen. Abgesehen von Wielands selbstischer Seele (bei Sarrazin: selbstischer Sinn) und Goethes Selbstigkeit begegnen die hier von Sarrazin aufs Neue präsentierten Wörter gelegentlich sogar noch in Texten unserer Gegenwart als Synonyme von Egoismus. Verdrängen allerdings konnten sie das (neogriechisch-)neulateinische, zunächst nur gelehrte, inzwischen aber längst zum aktiven Besitz breitester gesellschaftlicher Schichten gewordene Wort Egoismus nicht. Egoismus ist für uns die »eigentliche« Bezeichnung des charakterlichen Mangels, um den es geht, während wir die als Ersatzwörter gedachten Ausdrücke eher als stilistische Varianten empfinden. – (5) Das frz. Wort gastronome, von Sarrazin und Dunger als Gastronom verzeichnet und von beiden problematisch mit dt. Feinschmecker sowie Kunstkoch übersetzt, hat sich über diese Problematik15 hinaus inzwischen im Dt. semantisch von seiner frz. Vorlage (man möchte sagen) meilenweit entfernt, und zwar durch seinen volksetymologischen Anschluss an dt. Gast, Gastwirt, Gasthaus, wohingegen dem frz. Wort (das letztlich auf den antiken, vom Griech. ins Lat. übernommenen Begriff der gastronomia ›Kunst der magenfreundlichen, wohlschmeckenden Ernährung‹ zurückgeht) ja das griech. Wort gastήr ›Magen‹ zugrunde liegt: frz. gastronome ›Kenner und Freund der französischen Kunst zu speisen‹. Zu Sarrazins und Dungers Zeit, dem Fin de siècle, war die volksetymologische Entgleisung von dt. Gastronom entweder noch nicht geschehen, oder sie erschien ihnen wegen ihrer bloß umgangssprachlichen Semantik nicht erwähnenswert. Das frz. Wort gastronome hat seinen Ort im semantisch-pragmatischen »Frame« des traditionsreichen Repas gastronomique des Français, dem, was seinen Aufbau (Hors d’œuvre, mehrere Hauptgänge, Käse, Dessert, dazu die jeweils als passend geltenden Weine und Spirituosen) und seine hohen Qualitätsansprüche betrifft, überlieferten Regeln folgenden, gemeinschaftlich zelebrierten Festessen.16 Wer sich in diesen Regeln auskennt und solche Mahlzeiten liebt, darf sich als gastronome einschätzen. Während also in Frankreich das Wort gastronome nur im Zusammenhang mit außerordentlicher kulinarischer Kultur vorkommt, kann in Deutschland inzwischen jeder Betreiber einer Speisewirtschaft, sei ihr Niveau auch noch so niedrig, Gastronom genannt werden.17

Im Lemma Egoismus hatten die Sprachreformer Sarrazin und Dunger dem ratsuchenden Leser nicht nur ein einziges Ersatzwort, sondern eine Auswahl von Ersatzwörtern angeboten. Dies ist auch bei vielen anderen Lemmata der Fall. Dem Leser wird in solchen Fällen gleichsam ein Strauß von Vorschlägen offeriert, wie man den deutschen Wortschatz im Hinblick auf die Herkunft seiner Wörter homogenisieren könne. Er selbst soll sich entscheiden, und keineswegs wird durchgängig versucht, ihm anstelle des ungeliebten Lehnworts ein einziges deutsches Wort zu oktroyieren.18 An vielen Stellen wohnt den Verdeutschungswörterbüchern beider Autoren somit ein Anflug des Unentschlossenen-Tastenden, bisweilen gar Spielerischen inne. Sarrazin war sich des Experimentalcharakters, der in seinem Wörterbuch fortlaufend zutage tritt, durchaus bewusst, denn er fordert am Schluss seiner Einleitung die Benutzer ausdrücklich zu eigenbestimmtem Umgang mit den ihnen dargebotenen Verdeutschungsvorschlägen auf, und er tut dies mit einem Satz des von ihm verehrten Campe: »Vielleicht, daß den einen dieses, den anderen das andere Wort besser gefällt; man hat zu wählen.«19 Und er fährt dann fort:

Der Benutzer eines solchen Buches aber wird sich bei der Auswahl vorzusehen und überall gegenwärtig zu halten haben, daß eigentlich bei jedem Ausdruck – bei alten wie neuen – ein Warnungstäfelchen aufgepflanzt sein sollte mit der Inschrift: »Dieses Wort ist mit Vorsicht zu gebrauchen!« Jedenfalls muß die Auswahl immer von vollem Verständniß und sprachlichem Feingefühl geleitet sein.20

Wie Herman Riegel und so gut wie alle übrigen Mitstreiter im Sprachverein waren auch Dunger und Sarrazin vom zeitgenössischen Ungeist des Nationalismus geprägt. Dennoch liegen Welten zwischen der fast spielerischen Eleganz im Geschäft der Fremdwortverdeutschung, die Sarrazin hier anstrebt und die in den Spalten seines Wörterbuchs immer wieder durchschimmert, und Riegels wütender, in ihrem innersten Kern ja sogar sprachferner Franzosenfresserei.

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Im Hinblick auf die Bestrebungen des Sprachvereins habe ich oben die Worte »sprachreformerisch« und »sprachplanerisch« benutzt. Mit dieser Wortwahl beziehe ich mich auf das sechsbändige Sammelwerk, das von 1983 bis 1994 von dem Ungarn István Fodor und dem Franzosen Claude Hagège unter Mitarbeit des Amerikaners Joshua A. Fishman herausgegeben worden ist und den dreisprachigen Titel Language Reform, La réforme des langues, Sprachreform trägt.21

Das Handbuch stellt in seinen mehr als 200 Artikeln dar, wie seit dem Beginn der Neuzeit rund 200 Sprachen auf der ganzen Welt durch die Arbeit von Linguisten, Vereinigungen, Akademien, Kommissionen, Parlamenten standardisiert, ausgebaut, oft auch »purifiziert«, insgesamt: gezielt verändert worden sind, und dies nicht nur auf den Gebieten von Lexikon und Graphie, sondern auch z. B. in der Flexions- und der Wortbildungsmorphologie. Hagège fasst in einem einleitenden programmatischen Artikel alle diese Tätigkeiten in der Formulierung »action humaine sur les langues« zusammen.22 Diese vom Menschen vorsätzlich ins Werk gesetzte Form des Sprachwandels, deren Spuren auch in Europa fast alle Sprachen tragen, ist in Rudi Kellers Trampelpfad-Gleichnis23 ganz unberücksichtigt geblieben, obwohl doch z. B. Einar Haugens in dieser Hinsicht wegweisender Aufsatz The Scandinavian Languages as Cultural Artifacts schon seit 1968 vorlag.24

In welch starkem Maße gerade auch die europäische Sprachenwelt durch Sprachreform und Sprachplanung historisch mitgeformt worden ist, lässt sich hier nicht erschöpfend darstellen. Zu den europäischen Sprachen, in deren Schreibung und Lautung, Wortschatz, Wortbildung, Flexion, Satzbaumuster der Mensch insbesondere seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zielbewusst verändernd eingegriffen oder sie gar als neue Schriftsprachen erst konstituiert hat, gehören insbesondere Finnisch, das norwegische Bokmål und, noch weit mehr, das norwegische Nynorsk, weiterhin Isländisch, Färöisch, Litauisch, Lettisch, Estnisch, Tschechisch, Rätoromanisch (in seiner Schriftform des »Rumantsch Grischun«), Katalanisch. Diese Liste ist nicht vollständig, doch ließe sich in eine solche Aufzählung auch das vom Sprachverein angestrebte lexikalisch reformierte Deutsch einreihen, das, gemessen am erreichten Veränderungsvolumen, dort sogar nur einen relativ bescheidenen Fall darstellen würde. In vielen Sprachen betrafen bzw. betreffen die sprachreformerischen Maßnahmen nicht (wie im Falle des Sprachvereins) primär nur den Wortschatz, sondern mehrere sprachliche Gliederungsebenen gleichzeitig.

Nur wenige Beispiele: Nach dem Untergang des Zarenreichs 1918 ging es in den drei Sprachen des Baltikums darum, die bisher dominierenden Kultur- und Verwaltungssprachen Deutsch und Russisch (die das Gros der Esten, Letten und Litauer ja kaum oder gar nicht sprach) durch je eine neue, autochthone, landesweit gültige Schriftsprache zu ersetzen, die man aber erst einmal auf der Basis der unterschiedlichen im Lande gesprochenen Dialekte sprachplanend konstruieren musste – und da ging es dann nicht bloß um einen Verschnitt der dialektalen Wortschätze samt parallel dazu verlaufender Neologismenproduktion, sondern ebenso um die Standardisierung von Wortbildungs- und insbesondere Flexionsmorphemen sowie um die Konstituierung einer landesweit verbindlichen Orthographie. Besonders das heutige Standard-Estnisch, für das sogar neue Suffixe erfunden wurden, ist in hohem Maße ein (mit Haugen gesagt) »cultural artifact«.25

In Norwegen (um nur zwei Facetten der vielen dort seit 1814 diskutierten und praktizierten sprachreformerischen Maßnahmen herauszugreifen) hat im 20. Jahrhundert das Parlament unter anderem sowohl über die Schreibung und Lautung der Präteritalendungen der schwachen Verben26 als auch über die Reform der Zahlwörter von 21 bis 99 abgestimmt. Zählte man vorher nach dän. und dt. Muster en-og-tjue ›21‹, to-og-tjue ›22‹, tre-og-tjue ›23‹ usw., so hat es seit dieser Reform nach schwed. und engl. Vorbild tjue-en, tjue-to, tjue-tre etc. zu heißen.27 Anders wiederum auf den Färöern und in Graubünden. Die Grundsituation ist hier wie dort zwar ähnlich, doch nicht identisch. Färöisch existierte bis ins frühe 19. Jahrhundert im Wesentlichen nur in mehreren mündlichen, phonologisch stark voneinander divergierenden Varietäten, die je auf einem Teilbereich des Archipels gültig waren und es bis heute sind. Um der faktischen Alleinherrschaft der von den meisten Färingern nicht geliebten »kolonialen« Schrift- und damit Kultursprache Dänisch eine eigene, faröische Schreibkoine entgegensetzen und damit ein schwarz auf weiß sichtbares Zeichen nationalkultureller Identität vorweisen zu können, ist 1846 eine künstlich geschaffene gemeinfaröische Graphie eingeführt worden,28 die deshalb landesweit akzeptiert werden konnte, weil sie stark historisierend und mit ihrem artifiziell mittelalterlichen Gepräge weit genug entfernt war von jeder der verschiedenen modernen Insel-Lautungen, also keine von ihnen eigentlich abbildete, somit aber auch keine vor den anderen begünstigte.29

Auch das Rätoromanische, Muttersprache von ca. 42.000 Einwohnern Graubündens,30 existiert bis heute als gesprochene Sprache nur in Form von fünf (bzw. sechs) auf einzelne Alpentäler verteilten Varietäten, die sich insbesondere phonetisch in vielerlei Hinsicht so deutlich voneinander unterscheiden, dass das gegenseitige Verstehen nicht ausnahmslos gesichert ist. Diese arealen Varietäten sind – im Gegensatz zu den färöischen – allerdings jede für sich schon seit Beginn der Neuzeit nach und nach verschriftet worden. Nach der Erhebung des Rätoromanischen zur vierten Landessprache der Schweiz im 20. Jahrhundert (neben Deutsch, Französisch und Italienisch) erwies sich die Vielfalt der rätoromanischen Schreibvarietäten als eine Erschwernis für die Schreibpraxis insbesondere der Bundes- und Kantonsbehörden: Zwar besaß die Schweiz nun de iure eine vierte Sprache, diese aber verfügte weder über eine Lautungs-­ noch über eine Schreibnorm. Ob der (nicht nur deshalb, sondern auch um einem möglichen Untergang des dialektal zersplitterten Rätoromanisch31 entgegenzuwirken) in Graubünden seit den 1970er und 1980er Jahren vorbereitete, 1982 in die Tat umgesetzte Versuch von Erfolg gekrönt sein wird, mit der vom Zürcher Rätoromanisten Heinrich Schmid erarbeiteten, alle lokalen Varietäten überdachenden Schreibkoine namens »Rumantsch Grischun« (Graubündner Romanisch) das Problem zu lösen, muss sich erst noch zeigen. Während kantonale und eidgenössische Behörden sich der neuen Schreibsprache gern bedienen, weil für sie die Standardisierung eine immense Arbeitserleichterung im schriftlichen Umgang mit den Bürgern erbracht hat (Formulare, Gesetzes- und Verordnungstexte u. a. m.), artikuliert sich besonders in den Schulen mancher Kommunen nach wie vor Widerstand, weil viele Schülereltern und Schüler die Eigenart ihres jeweils lokalen Rätoromanisch in den Standardformen des Rumantsch Grischun zu wenig abgebildet sehen, wohingegen die überkommenen Schreibformen der lokalen Varietäten eben diese Nähe zum gesprochenen Wort ja besitzen. Hinzu kommt, dass viele den neu hinzugekommenen Schulunterricht im als fremd empfundenen Rumantsch Grischun als die Belastung mit einer zusätzlichen, in der ohnehin mehrsprachigen Schweiz einzig den Bündner Schulkindern aufgebürdeten Fremdsprache empfinden, noch dazu mit einer Sprache, die man bislang und auch wohl noch auf längere Zeit hin nur schreibt, aber nicht spricht.32

Die Ausweitung unseres Blickes auf die zahlreichen und vielgestaltigen Vorkommensformen staatlich bzw. institutionell ins Werk gesetzter »action humaine sur les langues« in vielen europäischen Sprachgemeinschaften der Neuzeit eröffnet uns die Möglichkeit, vor diesem größeren Hintergrund die Tätigkeit des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins nüchterner zu betrachten, d. h., weder unser Interesse einseitig auf die zweifellos vom Verein auch hervorgebrachten neologistischen Skurrilitäten zu konzentrieren, noch uns angesichts der überhaupt nicht zu leugnenden nationalchauvinistisch-bornierten Motive (s. auch u., Abschnitt 6) seiner wichtigsten Wortführer jede ernsthafte Beschäftigung mit den Resultaten seiner sprachreformerischen Bestrebungen versagen zu müssen.33

6

Dass der deutsche Sprachpurismus seine Erfolge gerade während des Zweiten Kaiserreichs hat erzielen können, hängt zweifellos zum guten Teil mit der nationalistischen Grundstimmung zusammen, die in Deutschland (und nicht nur dort) damals herrschte. Thomas Nipperdey hat mit Blick auf das wilhelminische Deutschland von einem »allgemeinen Normal-Nationalismus«34 gesprochen. Vor diesem Hintergrund waren Riegel und seine Mitstreiter nicht die Einzigen, die die von ihnen betriebene Sache – quasi als Mittel zum Zweck – in den Dienst von Größe, Ruhm und Ehre der Nation zu stellen bemüht waren. Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Was für Riegel die deutsche Sprache war, war für einen seiner Braunschweiger Mitbürger, den Gymnasialprofessor Dr. Konrad Koch, der Schulsport. Koch kommt gemeinsam mit seinem Schulkollegen August Hermann das Verdienst zu, das Fußballspiel in Deutschland eingeführt zu haben. Doch war Koch keineswegs bloß der fortschrittliche, womöglich gar leicht anglophile Fußballpionier, als der er 2011 in einem Kinofilm35 gezeichnet worden ist. Vielmehr spricht er in seiner Schrift Die Erziehung zum Mute durch Turnen, Spiel und Sport (1900) ganz klar davon, dass die Schulerziehung ihre Aufgabe »im Wettkampf der Nationen« zu erfüllen habe, und betont, wie wichtig bei alledem der »Reichsgedanke« sei. Die Schule müsse »bei dem Betriebe aller Leibesübungen darüber wachen, daß sie die Willenskraft in der richtigen Weise stählen, den Anforderungen der deutschen Zucht und Sitte entsprechen und das Nationalbewußtsein wecken und stärken«.36 Die Erziehung der Jugend zum »nationalen Gefühle« durch Turnen und Sport setzt er an anderer Stelle dem »erziehliche[n] Einfluß der allgemeinen Wehrpflicht« gleich.37 Für Koch kam dem Schulsport, vorzüglich dem ihm besonders am Herzen liegenden Fußballspiel, zumindest mittelbar auch die Aufgabe zu, die Wehrkraft der deutschen Jugend zu stärken.38

7

Der »allgemeine Normal-Nationalismus« bildete die ideologische Basis der Erfolge des Sprachvereins und machte große Gruppen vor allem (doch keineswegs ausschließlich) des Bildungsbürgertums den Zielen und Bestrebungen des Vereins von vornherein gewogen. Ungeachtet dieser günstigen Ausgangslage waren allerdings die Wirkungsmöglichkeiten des organisierten Sprachpurismus auch schon zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs durchaus nicht unbegrenzt. Zwar ist jedem der vom Sprachverein für überflüssig erklärten Lehnwörter wie auch jedem der stattdessen propagierten Neologismen letztlich sein eigenes Schicksal zuteil geworden, dennoch lassen sich durchaus einige allgemein gegebene Bedingungen erkennen, die sich für die vom Sprachverein angestrebte partielle Umgestaltung des deutschen Wortschatzes als förderlich oder aber als hinderlich erwiesen haben. Es gibt somit im heutigen Deutsch Sprachvarietäten und Wortschatzbereiche, die vom Purismus der wilhelminischen Epoche stärker geprägt sind, und andere, für die das kaum oder gar nicht zutrifft. Die Erfolge und Misserfolge der Arbeit des Sprachvereins innerhalb verschiedener Domänen des deutschen Wortschatzes lassen sich anhand der folgenden Parameter bündeln: (1) Wortschatz von Behörden und Institutionen, (2) Standardsprache vs. Umgangssprache, (3) Standardsprache vs. Dialekte, (4) geschriebene vs. gesprochene Sprache, (5) geographische Grenzen, (6) »Unhandlichkeit« mancher als Lehnwortersatz vorgeschlagener Ausdrücke. Dass diese Kategorien einander teilweise überlappen (z. B. gehören Umgangssprache und Dialekt fast ausschließlich der gesprochenen Sprache an), liegt in der Natur der Dinge und sei daher in Kauf genommen.

7.1

Die faktische Wirkung der Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins beruht in großem Maße darauf, dass er einerseits an puristische Vorleistungen anknüpfen konnte, die einige Behörden und Institutionen während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihr Fachvokabular bereits erbracht hatten, dass er andererseits diese Behörden und Institutionen aber auch als Multiplikatoren und Transmissionsmechanismen seiner Interessen einsetzen konnte. Puristische Vorarbeiten lagen bei der Vereinsgründung 1885 u. a. auf den folgenden Feldern bereits vor: 1874/75 hatte der »Reichspostmeister« Heinrich von Stephan für die neugegründete Deutsche Reichspost mehrere Hundert neue Termini eingeführt, die an die Stelle zuvor benutzter meist französischer Ausdrücke traten. Zu ihnen gehörten außer dem bereits genannten Briefumschlag auch Wörter wie Einschreiben (statt recommandé), Postkarte (Correspondenzkarte), postlagernd (poste restante), Nachnahme (remboursement) und Einlieferungsschein (récépissé).39 Dunger (1882) nennt auf dem Titelblatt seines Wörterbuchs außer dem »Postwesen« noch zwei weitere Institutionen, die dem Sprachverein vorgearbeitet hatten und von deren Verdeutschungen er viele in sein Buch aufgenommen hat: den preußischen »Großen Generalstab«40 und die 1882, als Dungers Wörterbuch erschien, teilweise schon im Entstehen begriffene »Reichsgesetzgebung«. Im militärischen Fachvokabular waren schon vor der Gründung des Sprachvereins zahlreiche französische Termini durch deutsche ersetzt worden. So waren etwa an die Stelle von Avancement und Charge die Wörter Beförderung und Dienstgrad getreten, und es wurde nicht mehr das Terrain recognoscirt, sondern das Gelände erkundet. Im Rechtswesen waren z. B. Original durch Urschrift, Mundum durch Reinschrift bzw. Ausfertigung, Copie durch Abschrift, Kontumazialerkenntnis durch Versäumnisurteil, Insinuationsdokument durch Zustellungsurkunde ersetzt worden. Dunger41 weist in diesem Zusammenhang auf die wesentlichen Vorarbeiten auf dem Gebiet der Rechts- und Justizterminologie hin, die von den »Autoren des Sächsischen Bürgerlichen Gesetzbuchs« (1863) erbracht worden waren und die zu großen Teilen von den »Vätern« der nach 1871 neu erarbeiteten Reichsgesetzgebung übernommen worden sind. Weiterhin zu erwähnen ist hier wiederum Sarrazin, der als hochrangiger Beamter im Reichsministerium für öffentliche Arbeiten, wo er in leitender Position für die Entwicklung des Eisenbahnwesens zuständig war, seit Beginn der 1880er Jahre Einfluss darauf nehmen konnte, dass die Eisenbahn-Terminologie nach den Vorstellungen des Sprachvereins reformiert wurde: Auf diese Weise sind Wörter wie Abteil (statt Coupé), Bahnsteig (Perron), Fahrkarte (Billet), Rückfahrkarte (Retourbillet), aber auch viele andere mehr in den amtlichen Wortschatz der Eisenbahnen übernommen worden.42

Der relativ große Erfolg von Neubildungen wie Einschreiben, Dienstgrad, Versäumnisurteil, Fahrkarte dürfte seine Ursache vor allem darin haben, dass der Sprachbenutzer im persönlichen Kontakt mit den Vertretern staatlicher Institutionen (hier: am Postschalter, als Rekrut, im Gerichtssaal als Partei im Zivilprozess, am Fahrkartenschalter) unmittelbar – und das bedeutet auch: von Amts wegen – mit den neuen Wörtern konfrontiert wurde und sich ihnen deshalb auf die Dauer nicht entziehen konnte. Viele der neuen Ausdrücke übten sich zudem durch regelmäßig wiederholtes Hören ein, dem man nolens volens ausgesetzt war.43 Das Plädoyer des Sprachvereins für diese neuen Wörter hatte in diesen Fällen eher nur sekundierende Funktion: Sie waren bereits in Gebrauch.

Wie wesentlich für den Erfolg oder Misserfolg von Verdeutschungsbemühungen der persönliche, sprechsprachliche Kontakt zwischen den Bediensteten von Behörden und Institutionen einerseits und den Sprachbenutzern andererseits gewesen ist, zeigt das Beispiel des Wortes Telephon (Dunger: Fernsprecher, Sarrazin: Fernsprecher, Sprechleitung).44 Der Neologismus Fernsprecher ist seit 1877 (Einführung des Telefons in Deutschland durch die Reichspost unter Heinrich von Stephan) im Sprachgebrauch der Postbehörden sowohl des Deutschen Reiches als auch später der Bundesrepublik Deutschland und der DDR der allein verbindliche gewesen. Dagegen hat die Post das in ganz Deutschland mündlich wie auch schriftlich fast genauso ausschließlich benutzte Wort Telephon/Telefon konsequent gemieden: Im amtlichen Sprachgebrauch kam es nicht vor. Erst 1995 zog mit der Übertragung der Telefondienste an die quasi-private Telekom-AG das Wort Telefon in deren offiziellen Sprachgebrauch ein, und der posteigene Ausdruck Fernsprecher wurde außer Dienst gestellt. Fast 120 Jahre lang herrschte in Deutschland in Telefonangelegenheiten also eine gespaltene Terminologie: Was die Post in ihren amtlichen Äußerungen Fernsprecher, fernmündlich,45 Fernsprechanschluss, Fernsprechnummer, Fernsprechrechnung, Fernsprechhäuschen, Fernsprechamt usw. nannte, hieß in der außerpostalischen Realität (also »im wirklichen Leben«) unerschüttert von der immensen terminologischen Prinzipientreue der Post Telefon,46 telefonisch, Telefonanschluss, Telefonnummer, Telefonrechnung, Telefonzelle, Fernamt (bzw. noch kürzer: Amt).47 Dass es den Postbehörden mehr als ein Jahrhundert lang nicht gelungen ist, den deutschen Telefonverkehrs-Teilnehmern die postalisch-offizielle Terminologie anzugewöhnen, dürfte zu einem nicht geringen Teil daran liegen, dass es keinerlei Kommunikation von Angesicht zu Angesicht zwischen Telefonkunden und Fernsprechamtsmitarbeitern gab – nur das wechselseitig von Mund zu Ohr geführte Gespräch mit dem anonym bleibenden »Fräulein vom Amt«. In diesen Mini-Gesprächen bot man (vielleicht) einander die Tageszeit und nannte seine Telefonnummer, teilte dann die Nummer mit, mit der man verbunden werden wollte, und schloss (vielleicht) mit einem Dankeschön. Termini kamen dort nicht vor. Sämtliche Alltagsgespräche, die einen oder mehrere der oben aufgeführten mit Telefon gebildeten Termini enthielten, wurden somit »hinter dem Rücken« der Fernmeldeämter geführt, denen deswegen jede mündliche Einflussnahme auf den Sprachgebrauch der Telefonierenden verwehrt blieb. Und auch die viele Jahrzehnte lang in jeder Telefonzelle an der Wand zu lesende Aufforderung »Fasse dich kurz am Fernsprecher« ist sprechsprachlich offenbar wirkungslos geblieben.

Von kaum zu überschätzender Bedeutung für die Verbreitung der Ziele des Sprachvereins (die im Vereinsmotto »Gedenke auch, wenn du die deutsche Sprache sprichst, daß du ein Deutscher bist« einprägsam formuliert waren) im Bewusstsein der Bevölkerung sind die Schulen gewesen. 1890 waren im Gesamtverein 19 % der Vereinsmitglieder Lehrer,48 im Darmstädter Zweigverein übten 1907 sogar fast ein Drittel der Mitglieder einen Lehrberuf aus (davon nur sehr wenige an Hochschulen);49 betrachtet man schließlich die Berufe der Vorstandsmitglieder sämtlicher Zweigvereine für den Zeitraum von 1886 bis 1915, so ergibt sich, dass im Durchschnitt nicht weniger als 53,7 % dieser Personen aus dem Bereich »Schule und Schulaufsicht« kamen, dem Beamtenstand insgesamt gehörten in diesem Zeitabschnitt sogar 73,9 % der Vorstandsmitglieder an.50 Von den Autoren, die in der Zeitschrift des Vereins das Wort ergriffen haben, waren 33,8 % Lehrer, 10,3 % sonstige Philologen und 19,0 % Juristen; diese drei Berufsgruppen machten zusammen mit 63,1 % fast zwei Drittel aus.51 Dagegen spielten Kleinbürgertum und Arbeiterschaft, die geringer gebildeten Bevölkerungsgruppen also, im Allgemeinen Deutschen Sprachverein keine erwähnenswerte Rolle.

Die Überrepräsentation des Lehrerberufs im Sprachverein, besonders in seinen Vorständen, dürfte in der Praxis bewirkt haben, dass die Bestrebungen und Zielsetzungen des Vereins in den Schulen, besonders wohl in den Gymnasien, auf mehreren Ebenen verbreitet worden sind, teils gezielt, teils durch Diffusion. Den Schülern konnte das Gedankengut des Vereins nicht nur im Unterrichtsgespräch vermittelt werden, sondern es konnte auch durch eine konsequent fremdwortkritische Korrektur ihrer schriftlichen Arbeiten bei den Schülern ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass solche Wörter zu vermeiden seien. Außerdem konnten dem Verein angehörende Lehrer dessen Gedankengut ihren Kollegen, die nicht Mitglied waren, mündlich nahebringen, in formellen wie auch informellen Gesprächssituationen. Daher ist anzunehmen, dass es über die im Rückblick statistisch erfassbaren Mitgliedschafts-Prozentzahlen hinaus noch eine erkleckliche Zahl von Lehrern gegeben hat, die der Ideenwelt des Sprachvereins durchaus aufgeschlossen gegenüberstanden, ohne selbst aber Mitglieder zu sein.

Es verwundert insofern nicht, dass der Purismus des Kaiserreichs seine Spuren auch im schulspezifischen Wortschatz hinterlassen hat: So sind z. B. Erdkunde, Bücherei, Fürwort, Reifeprüfung statt Geographie, Bibliothek, Pronomen, Abitur erfolgreich lanciert worden. Oft haben die neuen Wörter die alten allerdings nicht verdrängt, sondern sind neben sie getreten, häufig dann mit konnotativer, bisweilen sogar denotativer Differenz. Erdkunde ist zur Bezeichnung des Schulfachs geworden, Geographie ist der Name der Hochschuldisziplin geblieben. Bücherei hat sich im akademischen Bereich nicht durchsetzen können, sondern bezeichnet heute vor allem die kleinen Büchersammlungen in Schulen oder (für Patienten) in Krankenhäusern; Universitäten dagegen haben nach wie vor Bibliotheken. Die 1912 in Leipzig gegründete Deutsche Bücherei, die im Geiste des Sprachvereins auf diesen Namen getauft worden war, heißt seit kurzem (seit ihrer Vereinigung mit der Frankfurter Parallelinstitution) Deutsche Nationalbibliothek, und wir empfinden dies als angemessen. Ebenso betrachten sich Einrichtungen wie die Weimarer Anna Amalia Bibliothek oder die Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek nicht als Büchereien. Wörter wie rückbezügliches Fürwort, Tätigkeitswort/Zeitwort, noch deutlicher: Beistrich, Strichpunkt (statt Reflexivpronomen, Verb[um], Komma, Semikolon) sind nicht dauerhaft über die Sphäre von Schulunterricht und Klassenzimmer hinausgedrungen; man könnte sie geradezu als »Lehrerwörter« bezeichnen.

Zu den Institutionen, die im Sinne des Sprachvereins sprachgestalterisch tätig werden konnten, gehörten auch die Magistrate von Städten, insofern ihnen die Vergabe von Straßennamen oblag. Sie sind den Zielsetzungen des Vereins in unterschiedlichem Maße gefolgt. Im Zuge der Niederlegung der frühneuzeitlichen Fortifikationsanlagen am Beginn des 19. Jahrhunderts hat Braunschweig sich mit einem Kranz von Grünanlagen umgeben, deren Hauptwege offiziell als Promenaden bezeichnet wurden: Petritor-, Steintor-, Wilhelmitor-Promenade etc.52 Während der Blütezeit des Sprachvereins sind diese Straßen in Wall (Petritorwall etc.) umbenannt worden. In Göttingen hatte man die im 19. Jahrhundert nach französischem Vorbild als »Kunststraßen« technisch neugestalteten Ausfallstraßen der Stadt zunächst als Chausseen bezeichnet: z. B. Geismar, Groner, Weender etc. Chaussee. Seit 1923 tragen alle diese Straßen Namen, die auf Landstraße ausgehen: Weender Landstraße etc. In Bremen ist das Wort Chaussee in den während der napoleonischen Epoche entstandenen Straßennamen des Typus Gröpelinger, Lilienthaler, Waller Chaussee 1916 durch das Wort Heerstraße ersetzt worden (eine Wiederbelebung von mnd. hêresstrate, dessen Gebrauch in Bremen als Straßenname urkundlich bezeugt ist). In Bezug auf Chaussee nicht so rigoros ist man in Hamburg verfahren, wo die Namen Eimsbütteler Chaussee, Elbchaussee, Harburger Chaussee nach wie vor gelten und wo es sogar, als sprachliches Relikt der Stadtbefestigung, noch heute eine Straße namens Alsterglacis gibt. Allerdings besitzt auch Bremen in seinen Straßennamen späte Zeugnisse einstiger Fortifikationsanlagen: die Contrescarpe samt der Doventorscontrescarpe.53 Auch dort ist die Entfernung des Französischen aus der Straßennamen-Landschaft also keineswegs konsequent vollzogen worden.

7.2

Bereits am oben behandelten Beispiel des Lehnworts propre ›sauber, rein‹, das in der heutigen Standardsprache zu einer Seltenheit geworden ist,54 im Substandard und den Dialekten aber fortlebt, hat sich (s. o.) die in dieser Hinsicht begrenzte Reichweite der Überzeugungsarbeit des Sprachvereins ablesen lassen, und am Beispiel Spelunke hat sich erwiesen, dass das Interesse des Lexikographen Sarrazin an den standardsprachlichen (einschließlich der historischen) Teilbedeutungen dieses Wortes groß war, dass er dagegen die Bedeutung des Wortes in der Umgangssprache, wo bereits damals die eigentliche Domäne der Verwendung von Spelunke lag, eher nur beiläufig notierte.55 Einen ergiebigen Beleg für die begrenzten Erfolge der Arbeit des Sprachvereins in den Umgangssprachen bietet außerdem das Schicksal des seit dem 18. Jahrhundert im Deutschen florierenden, aus dem Frz. enlehnten Adjektivs egal.56

In diesem Fall brauchte es dem Sprachverein gar nicht darum zu gehen, einen Neologismus zu durchzusetzen, vielmehr genügte es, die Deutschen an die Existenz des dt. Wortes gleich zu erinnern,57 neben das sich seit ca. 1700 egal (< frz. égal als (Quasi-)Synonym geschoben hatte. Schulz/Basler (1913: 164) führen als Frühbeleg ein Lessing-Zitat von 1749 an: »ich wollte jedem zu seinem Rocke egales Futter geben.« Standardsprachlich ist der hier vorliegende attributive Gebrauch von egal inzwischen obsolet geworden; hier hat die vom Sprachverein ausgehende Bewusstseinsschärfung also dauerhaft Früchte getragen. Umgangssprachlich jedoch ist mir das attributive egal aus Kindertagen durchaus noch in Erinnerung, und zwar aus dem Mund meiner Großmutter (*1885), wenn sie mir um 1945 z. B. das Schwarze-Peter-Spiel erklärte, bei dem es jeweils zwei egale Karten abzulegen galt – eine Redeweise, die meinem eigenen Sprachgebrauch schon damals fremd war; ich hätte schon als Kind zwei gleiche gesagt. Ebenso sprach sie von zwei egalen Strümpfen (nach Farbe bzw. Muster zusammengehörenden, beim Wäschesortieren). Meine damaligen Beobachtungen bzw. heutigen Erinnerungen, die sicherlich die Verallgemeinerung zulassen, deuten darauf hin, dass das attributive egal sich umgangssprachlich zumindest deutlich länger hat halten können als in der Standardsprache.

Das prädikativ verwendete egal dagegen hat in den Umgangssprachen sogar bis heute überlebt, zumal in Sätzen wie Das ist mir (ihm, ihr, denen) egal oder in mit elliptischem Hauptsatz beginnenden Satzgefügen des Musters Egal, wie du dich entscheidest, […]. Als standardsprachliche Norm galt in entsprechender Position bis vor nicht allzu langer Zeit das Wort gleich. Wie ausschließlich das prädikative egal bis vor wenigen Jahrzehnten der Umgangssprache angehörte, lässt sich nämlich an emphatischen Komposita wie piepegal, schnurzegal, schnurzpiepegal, pottegal, scheißegal (sämtlich nur prädikativ vorkommend) ablesen, die ausnahmslos mit dem Grundwort egal gebildet sind, niemals jedoch mit dem standardsprachlichen (das heißt auch: dem stilistisch anspruchsvolleren, »feineren«) Synonym gleich. In jüngster Zeit jedoch ist diese Beschränkung der Verwendung des prädikativen egal auf die Umgangssprache ins Wanken geraten. Es begegnet mehr und mehr auch in geschriebener Standardsprache. Seit den 1980/90er Jahren sind mir Formulierungen wie Egal, ob […] in studentischen Arbeiten (auch von stilistisch sonst sicheren Autorinnen und Autoren) begegnet,58 und man liest sie inzwischen keineswegs selten auch in überregionalen Zeitungen, deren Redaktionen an sich durchaus auf sprachliche Sorgfalt bedacht sind. Das prädikative egal ist offensichtlich im Begriff, wieder in die Standardsprache einzudringen, aus der es vom Purismus des späten 19. Jahrhunderts verbannt worden war. Hier geht vor unseren Augen und Ohren dem Purismus ein Stück Terrain, das er um 1900 gewonnen hatte, um 2000 wieder verloren.

7.3

Noch weniger als die Umgangssprachen hatte der Allgemeine Deutsche Sprachverein im Rahmen seiner sprachreformerischen Bestrebungen die Dialekte im Visier. Einige wenige Beispiele aus dem mir am besten vertrauten ostfälischen Niederdeutsch59 mögen daher genügen. Sicherlich aber dürften weitere Beispiele aus allen deutschen Dialektregionen beizubringen sein.60 Die neben Polleziste geläufigere Bezeichnung des Polizisten (Sarrazin: des Schutzmanns) ist Schandarre, m. (< frz. gendarme, sg., älter gens d’armes, pl.). Dem hd. Wort Landstraße entspricht Schasee, f. (mit stimmhaftem [z]), dazu die Komposita Schaseegraben, m., ›Straßengraben‹ und Schaseewanze, f., ›Kleinwagen‹ (um 1950 noch z. B. Opel P4). Auf frz. méchant ›böse, bösartig‹ (chien méchant ›bissiger Hund‹) geht das nd. Adjektiv mischant in der festen Fügung einen mischant maken ›jemanden schlecht machen, ungünstig über jemanden reden‹ zurück. Der Klappzylinder (frz. chapeau claque) wird in volksetymologischer Umdeutung und in Anlehnung an Tschako (militärische Kopfbedeckung) im ostfäl. Nd. als Schackoklapp bezeichnet. Dunger möchte anstelle des aus frz. porrée (ehemalige Variante der heutigen frz. Standardform poireau) neuzeitlich entlehnten norddt. Wortes Porree das süddt. Wort Lauch verwendet wissen. Im ostfälischen Nd. Fallerslebens heißt die Pflanze Burro, m. (Erstsilbenbetonung). Zwar erweckt der Auslautvokal -o den Verdacht auf franzosenzeitliche Direktentlehnung ins Nd. auf der Basis von frz. poireau, doch ist die Fallersleber Form Burro in Wahrheit eine Kontinuante von asächs. porro (parallel dazu: ahd. phorro) vor, dem lat. porrum ›Porree‹ zugrunde liegt.61 Dungers Vorschlag Lauch jedoch hat während der Wirkungsepoche des Sprachvereins weder hd. Porree noch ostfäl. Burro ablösen können. Die gegenwärtig sich vollziehende Verdrängung von norddt. Porree durch süddt. Lauch hat erst vor wenigen Jahrzehnten begonnen und könnte ihre Ursache in den modischen, sprachlich eher süddeutsch dominierten Kochsendungen der Fernsehsender haben.

7.4

Dass der Purismus zur Zeit des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins stärker auf die geschriebene als auf die gesprochene Sprache hat einwirken können, ist an zahlreichen der oben behandelten Wortbeispiele bereits sichtbar geworden. Einerseits ist der Fachwortschatz von Behörden und Institutionen primär ein schriftlicher und wird erst in zweiter Linie auch mündlich verwendet. Ein illustratives Beispiel für den Misserfolg behördensprachlicher Neologismen im gesprochenen Deutsch war das Wortpaar Fernsprecher/Telefon. Andererseits sind Umgangssprachen und Dialekte in aller Regel gesprochene, selten geschriebene Varietäten. Wie schwierig es für den Purismus der Epoche des Sprachvereins gewesen ist, auch die gesprochene Umgangssprache zu erreichen (falls er dies denn überhaupt angestrebt haben sollte), hat z. B. die Konkurrenz von egal und gleich gezeigt. Bisweilen kann es auch Jahrzehnte dauern, bis bestimmte puristische Neuerungen aus der Welt der Schriftlichkeit völlig in der des gesprochenen Wortes ankommen. Noch in den 1960er Jahren hießen in Göttingen die Straßen des Namentyps Groner, Weender Landstraße (so die Straßenschilder) im Munde älterer Einwohner der Stadt nach altem Muster Groner, Weender etc. Chaussee.

Eine Wortschatzdomäne, an der sich besonders deutlich ablesen lässt, dass die sprachreformerisch-puristischen Erfolge des Sprachvereins weitgehend auf das beschriebene und bedruckte Papier beschränkt geblieben sind, aber nur wenig Eingang in die gesprochene Sprache gefunden haben, ist der Wortschatz der Speisen und der Speisekarten. Reiches Anschauungsmaterial hierzu bilden zwei Hefte aus der Reihe der »Verdeutschungsbücher des allgemeinen deutschen Sprachvereins«: Die Speisekarte (Dunger 1897) und Unsere Umgangssprache (Lohmeyer 1917).62 Die Tatsache, dass vor dem Hintergrund einer allgemeinen Wertschätzung französischer Kulturmuster auch die Speisekarten anspruchsvoller Restaurants großenteils französisch formuliert waren, war dem Sprachverein ein Dorn im Auge, und es mangelt in der Zeitschrift des Vereins nicht an Leserbriefen, in denen dies aufs Heftigste gerügt wird (oft bei Namensnennung des somit denunzierten Gasthauses). Der Mehrzahl der vom Sprachverein empfohlenen Ersatzwörter ist der Übergang vom Papier in die gesprochene Sprache nicht gelungen.63 Zwar begegnen Wörter wie Schweins- oder Schweinelendchen noch heute durchaus auf Speisekarten und in Kochbüchern, doch kauft man das betreffende Stück Fleisch im Schlachterladen (zumindest in Norddeutschland) in der Regel als Filet. Norddeutsch sind Frikadelle und (besonders in Berlin) Boulette nach wie vor die geläufigen mündlichen Bezeichnungen dessen, was auf Speisekarten dann und wann als Fleischklößchen oder Bratling erscheint. Geradezu ein Fiasko hat der Sprachverein mit dem Versuch erlebt, die Ausdrücke Roulade, Kotelett, Ragout und Fricassee durch deutsche Neubildungen zu ersetzen. Lohmeyer (1917: 163) schlägt Fleischröllchen, Röllchen, Rollfleisch für Roulade vor, Rippchen, Rippenschnitte (Lohmeyer 1917: 84) für Kotelett, Dunger (1897: 48) Würzfleisch, Mischgericht für Ragout und Schnitzfleisch, Weißeingemachtes für Fricassee (Dunger 1897: 41). Heute existieren Kotelett und Rippchen mit denotativer Differenz nebeneinander: Das eine bezeichnet das gebratene, das andere das gekochte Fleischstück. Ob Dungers Ersetzungsvorschlag saurer Ölguß (für Mayonnaise) jemals den Sprung aus seinem Verdeutschungsbuch von 1897 zumindest auf eine Speisekarte geschafft hat, darf man bezweifeln.64 Wie schwer es fiel, das vom Sprachverein propagierte Ersatzwort Tunke (seit dem 17. Jahrhundert dicht belegt; DWb 22: 1791–1794) statt frz. Sauce im gesprochenen Alltagsdeutsch einzubürgern, zeigen Hans Falladas (1893–1947) Kindheitserinnerungen Damals bei uns daheim (1941). Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen) war Sohn eines Richters (am Kammergericht Berlin, später am Reichsgericht Leipzig). In einer Szene, die von einer häuslichen Mittagsmahlzeit handelt, heißt es: »Doch wurde in einem Henkeltöpfchen dazu [zum Nachtisch; H. B.] Sauce gereicht, die wir zu Haus übrigens Tunke oder Beiguß zu nennen hatten. (Vater war Mitglied des Deutschen Sprachvereins.) […] Nun kam die Sauce (Tunke!) daran, […].«65 Lediglich »zu Haus« also galt für Fallada das ihm abverlangte Wort Tunke, außerhalb der väterlichen Sprachaufsicht offensichtlich das allgemein gebräuchliche Wort Sauce. In Else Urys Jungmädchenbuch Nesthäkchen und der Weltkrieg richtet die Titelheldin sogar eine Kasse ein (»die einen niedlichen feldgrauen Landwehrmann darstellte«), in die jedes Familienmitglied, das ein Fremdwort benutzte (Sauce und nicht Tunke, Portemonnaie statt Geldtasche, Serviette statt Mundtuch), fünf Pfennig (»einen Sechser«) einzulegen hatte.66

7.5

Die geographischen Grenzen der Wirkung des Sprachvereins waren politisch bedingt. Während sich in Österreich Zweigvereine gegründet hatten, bildete das Königreich Bay-ern nahezu eine Tabula rasa. Vor dem Hintergrund der schmerzlichen Erfahrungen von 1866 und 1871 betrachtete man den Allgemeinen Deutschen Sprachverein dort offensichtlich als eine preußische, ja wohl gar der Verpreußung nun auch noch Bayerns dienende Angelegenheit, bei der man nicht mittun wollte. Wohl deshalb hatten sich die Königlich Bayerischen Eisenbahnen in den frühen 1880er Jahren (als Thomas Lausbubengeschichten spielen) der norddeutschen Reform der Eisenbahnterminologie noch nicht angeschlossen, so dass Thoma vom Konduktör erzählt und nicht vom Schaffner. Frühneuzeitlich hatte das Wort Schaffner Bedeutungen wie ›Verwalter‹, ›Haushofmeister‹, ›Aufseher über Küche und Keller‹ inne,67 und in der letztgenannten Bedeutungsvariante begegnet uns das Wort Schaffnerin sowohl in Voß’ Odyssee-Übersetzung (1781) als auch noch in Schwabs Sagen des klassischen Altertums (1840). Diese alten Bedeutungen versinken jedoch um die Jahrhundertmitte, und Schaffner wird nun zur Bezeichnung bestimmter subalterner Berufe im Post- und Eisenbahndienst. Ein früher literarischer Beleg für den Schaffner als Bahnbediensteten findet sich 1850 in Hoffmanns von Fallersleben Paulskirchen-Satire Das Parlament zu Schnappel,68 wo kurz nacheinander zunächst vom Schaffner, doch dann, mit Bezug auf dieselbe Person, auch noch vom Conducteur die Rede ist. Wenig später, 1859, schreibt Wilhelm Raabe in seinem Roman Die Kinder von Finkenrode:69 »›Station Sauingen!‹ schrie der Schaffner, die Wagentür aufreißend.« Auch die Schaffner in Raabes Erzählung Meister Autor (1874) sind, da sie im Kontext eines Eisenbahnunglücks erwähnt werden,70 Eisenbahnschaffner. Im Werk Raabes, dessen Lebensspanne 1831 noch im Postkutschenzeitalter beginnt und 1910 in einem Deutschland mit dicht ausgebautem Eisenbahnnetz endet, dokumentiert sich deutlich der allmähliche Übergang des Wortes Schaffner vom Postkutschen- zum Eisenbahnwesen.71 Im Ort »Sauingen« in den Kindern von Finkenrode steigt der Ich-Erzähler nämlich in eine Postkutsche um, in der außer ihm noch ein Schaffner mitfährt (nicht identisch mit dem draußen auf dem Kutschbock sitzenden Postillion bzw. Schwager). Dieser Schaffner (namens Mönkemeyer) wird von Raabe wenige Zeilen zuvor als Kondukteur Mönkemeyer bezeichnet, Raabe benutzt die beiden Berufsbezeichnungen also (wie Hoffmann 1850) synonym. Dagegen scheint der Schaffner »auf dem Posthofe«,72 von dem im Roman Der Hungerpastor (1864) die Rede ist, ein ortsfest in der Posthalterei beschäftigter Bediensteter zu sein. Dieser Wortgebrauch entspricht bereits dem von Postschaffner in der Postbeamten-Hierarchie des späteren 19. und des 20. Jahrhunderts. Die Übertragung des Wortes Schaffner aus der Welt der Postkutschen in die der Eisenbahnen (und die terminologische Spezifizierung des Wortes Post-Schaffner) hatte sich im nördlichen Deutschland also bereits Jahrzehnte vor der Gründung des Sprachvereins ergeben. Sarrazin und Dunger übernehmen Schaffner als Verdeutschungsvorschlag für Conducteur in ihre Wörterbücher und damit quasi in das Programm des Sprachvereins. In Bayern jedoch bleibt man – in erkennbarer Distanz zum Sprachverein – noch jahrzehntelang bei dem en bloc im Zusammenhang des Eisenbahnwesens aus England übernommenen engl. Wort conductor ›Schaffner‹, dem man in phonetischer Hinsicht allerdings eine französische Gestalt hatte angedeihen lassen: conducteur.73

7.6

Dungers Neubildung saurer Ölguß (statt Mayonnaise) hatte sich (s. o.) in ästhetischer wie auch in referenzsemantischer Hinsicht als problematisch erwiesen. Zugleich bildet dieser Neologismus aber auch ein Beispiel für eine weitere Wirkungsgrenze der wortschatzreformerischen Bestrebungen des Sprachvereins – eine Grenze, die in den Verdeutschungswörterbüchern des Vereins an zahlreichen Stellen von deren Autoren selbst errichtet worden ist. Sie besteht in der dort an nicht selten anzutreffenden Unhandlichkeit von Verdeutschungsvorschlägen, die bei Sarrazin weitaus häufiger begegnet als bei Dunger. Anstelle von Archaismus empfiehlt Sarrazin alterthümlicher, veralteter od. alterthümelnder Ausdruck od. Sprachgebrauch, also sechs verschiedene Mehrwortausdrücke, aus Adjektiv plus Substantiv bestehend; für archäologisch möchte er Altertumskunde betreffend bzw. für die Altertumskunde od. -forschung wichtig verwendet wissen; für Masculinum schlägt er männliches (Haupt-)Wort und Wort männlichen Geschlechts vor. Bei Dunger finden sich z. B. als Ersatzvorschläge für kompromittieren (neben einfachem bloßstellen) auch (sich) eine Blöße geben, jemandes Ehre angreifen, ins Spiel ziehen, in eine Sache mit verwickeln. Deutsche Mehrwortausdrücke solcher Art, die nach dem Wunsch der Lexikographen an die Stelle wesentlich kürzerer Lehnwörter treten sollten, sind ihrem Wesen nach viel eher semantische Paraphrasen, die man in einem Bedeutungswörterbuch vermuten würde, als dass sie ein praktisch verwendbarer Lehnwortersatz wären. Die Unterscheidung zwischen einem Fremdwörterbuch und einem Verdeutschungswörterbuch, auf die Sarrazin in seinem Einführungskapitel so großen Wert legt, wird gerade von ihm selbst an erstaunlich vielen Stellen unbedacht überschritten, während Dunger offensichtlich bemüht ist, die Anzahl der Mehrwortausdrücke gering zu halten. Dass Verdeutschungsvorschläge, die dem Wörterbuchbenutzer nahelegen, künftig statt eines einzigen Wortes deren mehrere zu benutzen, nur geringe Chancen haben, in den Sprachgebrauch einzugehen, liegt auf der Hand.

8

Die gute Vertrautheit mit dem Französischen war für breitere Schichten des Bürgertums eine Errungenschaft erst des 19. Jahrhunderts. Seit dem 17. Jahrhundert hatte der deutsche Adel (zunächst der Hochadel) begonnen, kulturelle Muster Frankreichs (Architektur, Gartenanlagen, Kleidermode, Umgangsformen u. a. m.) zu übernehmen. Zu diesen Kulturmustern gehörte nicht zuletzt auch die Beherrschung der französischen Sprache, deren Kenntnis der Adel mithilfe von Sprachlehrern und Gouvernanten sowie durch Aufenthalte in Frankreich im Rahmen der sog. Kavalierstour erwarb. Das Großbürgertum eiferte dem im Rahmen seiner Möglichkeiten bereits seit dem 18. Jahrhundert nach.74 Einen literarischen Reflex bieten z. B. die Eingangszeilen von Thomas Manns (nicht nur in dieser Hinsicht akribisch recherchiertem) Roman Buddenbrooks (1901), in denen der Großkaufmann Johann Buddenbrook d. Ä., Senior der Familie, noch tief im 18. Jahrhundert geboren und Freigeist, seiner achtjährigen, ihm auf den Knien sitzenden Enkelin Tony die Kenntnis von Luthers Kleinem Katechismus abhört, den sie hat auswendig lernen müssen. Als sie bei einer der Was-ist-das-Fragen der Zehn Gebote festhakt, reagiert er darauf mit einem ironischen »Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!«75 Plattdeutsch und Französisch sind die Sprachen, die ihm am nächsten liegen. Anders als ein Großbürger vom Typus des alten Buddenbrook, der sein Französisch bereits sehr früh aus dem täglichen Umgang mit frankophonen Erzieherinnen gelernt haben dürfte, erwarb das Bildungsbürgertum seine französischen Sprachkenntnisse im 19. Jahrhundert überwiegend mithilfe von Schule und Lehrbuch. Um die Jahrhundertmitte beginnt in den deutschen Gymnasien das Französische als dritte Fremdsprache neben Latein und Griechisch etabliert zu werden, so dass in der Epoche des Zweiten Kaiserreichs eine Generation von Gymnasiumsabsolventen herangewachsen war, die gedrucktes Französisch zumindest verstehen und aussprechen konnten, die nicht selten aber auch über eine beachtliche Konversationsfähigkeit verfügten.

Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, in welchem Maße man es im deutschen Bürgertum der wilhelminischen Zeit nicht allein als elegant empfand, aus dem Französischen importierte Wörter in seine Ausdrucksweise einzuflechten (was der Sprachverein zu bekämpfen suchte), sondern wie sehr in der Oberschicht in bestimmten Bereichen des Lebens französische Kulturmuster als vorbildlich galten und wie man diese zu übernehmen bestrebt war. Insbesondere gilt dies sowohl für das Gebiet der Bekleidung und Mode (Bordure ›Besatz, Zierrand‹, Cul de Paris ›Sonderform des Reifrocks‹, Décolleté, Jabot ›Spitzenkragen‹, Crinoline ›Reifrock‹, Manchette, Pleureuse ›Federschmuck an Damenhüten‹, Plissé ›Fältelung‹, Robe ›Kleid, Amtstracht‹, Tournure ›Reifrock‹) einschließlich bestimmter Farbbezeichnungen (beige, chamois, écru, lila, orange) als auch für die Kultur des Essens und Trinkens. Das in Frankreich als Repas gastronomique (s. o., Kap. 4) geläufige Muster der Speisenfolge (Hors d’œuvre; mehrere Hauptgänge, davon der erste möglichst Fisch oder Schalentiere; Käse; Dessert; dazu die als passend geltenden Weine) wird nun bei festlichen Anlässen auch in Deutschland adaptiert. Die Grundformen dieses Musters schimmern nicht nur im Diner des Weihnachtskapitels (um 1865)76 der Buddenbrooks durch (Karpfen, Puter, Käse, dazu Weißbrot als ständige Beilage; Dessert), sondern sind auch aus den Namen der Speisen zu erschließen, an die vier Jahrzehnte später im Hause des Leipziger Reichsgerichtsrats Ditzen bei der Planung festlicher Abendessen gedacht wird, die man im Kollegenkreis einander schuldig war: »Haricots verts, Sauce Béarnaise, Sauce Cumberland, Soupe à la Reine, Cremor tartari, Aspik«, außerdem »Krebsnasen«77 und »Baumkuchen«. Die Krebsnasen sind ein Hinweis auf einen ersten Hauptgang mit Schalentieren, noch deutlicher lässt die Erwähnung des Baumkuchens erkennen, dass als Dessert nach französischer Sitte Kuchen bzw. Gebäck gereicht werden sollte.78 Am Tisch der Familie Ditzen, wo der Hausherr Mitglied des Sprachvereins ist, wo der Gebrauch des frz. Wortes Sauce als Sakrileg gilt, vielmehr der ausnahmslose Gebrauch des dt. Wortes Tunke gefordert wird, isst man somit bei herausgehobenen Anlässen à la française, und es werden Sauce béarnaise und Sauce Cumberland nicht nur gereicht, sondern auch bei ihrem Namen genannt. In diesem widersprüchlichen Verhalten wird das Dilemma sichtbar, in dem sich die bürgerliche Oberschicht der wilhelminischen Epoche, soweit sie sich die Ziele des Sprachvereins zu eigen gemacht hat, befindet: Bestimmte französische Kulturmuster akzeptiert man als vorbildhaft und imitiert sie nach Kräften (ungeachtet napoleonischer Okkupation, Rheinkrise sowie nationalistischen Siegestaumels nach 1871), man lernt sogar in wachsendem Maße Französisch, und dennoch erachtet man die nicht zuletzt dadurch ins Land geholten Fremdwörter als etwas, das es auszurotten gilt. Das im Französischen inzwischen versierte deutsche Bürgertum befindet sich hier in einer Zauberlehrlings-Rolle: Die Geister, die es gerufen hat, versucht es nun wieder loszuwerden.

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Fragt man nach den »Erfolgen und Misserfolgen des lexikalischen Purismus in Deutschland zur Zeit des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins und heute« (so die Überschrift dieses Aufsatzes), so zeigt sich schnell, wie sehr der Sprachverein sich auf die terminologischen Vorarbeiten wichtiger Behörden und Institutionen (Post, Eisenbahn, Gesetzgebung und Justiz, Heereswesen sowie Schule) stützen konnte und welch wichtige Rolle gerade die Schule bei der Verbreitung der Ideen des Sprachvereins spielte: Im Hinblick auf die Struktur seiner Mitgliederschaft könnte man den Sprachverein geradezu einen »Lehrerverein« nennen. Wenn Christopher J. Wells davon spricht, dass der Verein »keinen auffälligen Beitrag zum deutschen Wortschatz geleistet [habe]«,79 so hat er damit nur dann Recht, wenn man einzig die Anzahl der vom Sprachverein selbst erfolgreich entwickelten Neologismen betrachtet. Die eigentliche Bedeutung der Arbeit des Vereins für die Entwicklung des deutschen Wortschatzes liegt jedoch darin, dass er – als eine Art ideologischer Zentrale des deutschen Sprachpurismus seiner Epoche – in großen Teilen des gebildeten Bürgertums (und darüber hinaus) ein Bewusstsein dafür geschaffen hat, dass statt vieler modisch-aktueller, aber auch der zahlreichen seit dem Humanismus überkommenen Lehnwörter synonyme, aus deutschen lexikalischen Morphemen bestehende Wörter verwendet werden können, seien dies nun lebendige Gegenwartswörter, wiederbelebbare Archaismen80 oder Neologismen. Transportiert wurde dieses Bewusstsein vor allem durch die Schulen, und der fast ubiquitäre »allgemeine Normal-Nationalismus« der Zeit bot für seine Aufnahme in breiten Schichten der Bevölkerung beste Bedingungen.

Indem der Sprachverein die fremden Wörter in vielen Fällen jedoch nicht auszurotten vermochte, sondern Fremdwörter und deutsche Ersatzwörter nebeneinander stehen geblieben sind (oft mit bloß konnotativ-stilistischer Varianz: Filet/Lendenbraten, egal/gleich, bisweilen auch mit denotativer Differenz: Kotelett/Rippchen), hat er einen Beitrag zum Synonymenreichtum der deutschen Sprache geleistet, und er hat damit überdies (ohne es zu wollen) dazu beigetragen, dass das Deutsche bis heute an zwei lexikalischen Traditionslinien teilhat: der germanisch-deutschen und der griechisch-lateinisch-romanischen. Isländische Verhältnisse sind uns erspart geblieben. Indem wir beim Sprechen und Schreiben unablässig aus diesen beiden Quellen schöpfen können, je nachdem fortschrittlich oder progressiv, in Wirklichkeit oder realiter, zugespitzt oder pointiert, Gutachten oder Expertise, Vorgehensweise oder Procedere sagen können, bedienen wir uns aus einer Vielfalt des Vokabulars, an deren Zustandekommen Leute wie Riegel, Sarrazin und Dunger mitgearbeitet haben – Leute, deren blinden, ja mitunter boshaften Nationalismus wir verurteilen.

An den obenstehenden Darlegungen über den deutschen Purismus zur Zeit des Sprachvereins lässt sich, wie bei Betrachtung eines photographischen Negativs, erkennen, warum lexikalischer Purismus, aller aktuellen Anglizismenkritik zum Trotz, im öffentlichen Sprachgebrauch unserer Tage so gut wie wirkungslos bleibt. Der Nationalismus, im späten 19. Jahrhundert Nährboden des Purismus, später dann zu einer der Ursachen der großen Menschheits-Katastrophen des 20. Jahrhunderts geworden, ist zum Glück als ein allgemeines Grundgefühl nicht mehr vorhanden. Die großen Institutionen (Bahn, Post, Fernsprechwesen [heute: Telekom]) sind quasi-privatisiert und pflegen mehr oder weniger stark die Anglizismen. Jene Schullehrer, die die Ideologie des Sprachvereins missionarisch verbreiteten, leben längst nicht mehr. Und die Globalisierung bringt es mit sich, dass das Englische in manchen Konzernen zur Verkehrssprache der Chefetagen und in manchen Hochschulfächern zur Vorlesungssprache geworden ist, ganz zu schweigen von der Sprache der Werbung. Für Purismus ist da nirgends Platz. – Es ist mir aber wichtig, hier nicht unerwähnt zu lassen, dass es in unserer Zeit durchaus ein ganzes Bündel ehrenwerter, nicht nationalistischer Motive gibt, aus denen heraus man sein Missfallen an einem übermäßigen Gebrauch englischer Wörter und verkappt englischer Wendungen (z. B. um ehrlich zu sein [< to be honest] statt ehrlich gesagt; nicht wirklich [< not really] statt eigentlich nicht) äußern kann. Wenn jemand in solchen Zusammenhängen heute Sprachkritik übt, so ist es unfair, ihn kurzerhand als einen Herman Riegel redivivus zu denunzieren und ihm Nationalismus oder gar Nationalsozialismus zu unterstellen. Im Übrigen ist Robert A. Halls Devise »Leave your language alone«81 nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch das wäre ein neues, eigenes Thema.

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Fußnoten

1 Für den Druck überarbeitete Fassung eines Vortrages, der am 3. November 2012 im Rahmen des Symposions »Sprachpurismus einst und jetzt« gehalten wurde, mit dem der Zweig Braunschweig der Gesellschaft für deutsche Sprache eröffnet wurde. Bei der Revision des Textes ist der stilistische Ton gesprochener Sprache an zahlreichen Stellen bewusst beibehalten worden.

2 Siehe z. B. Ebert/Reichmann/Solms/Wegera (1993: 388–89); Zehetner (1985: 98–99).

3 Die Dresdner Zweigvereins-Gründung wird im historischen Rückblick oft als die Gründung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins überhaupt und Dunger dann als der Vereinsgründer gesehen. Dem steht entgegen, dass Riegel von Anfang an (bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt 1893) den Vorsitz des Vereins innehatte. Er selbst hat den Verein stets als seine höchst eigene Hervorbringung betrachtet. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er dazu: »So war mir das Heer zur Bekämpfung der Schäden unserer teuren Muttersprache nicht gegeben worden, ich musste es erst schaffen. Der Sprachverein war buchstäblich mein eigenes Werk.« (Riegel o. J.: 77) Wahrscheinlich wird man Riegel eher als den Spiritus rector und Inspirator, Dunger dagegen als den praktischen Organisator einzuschätzen haben, wie denn Riegel auch der Mann der feurigen, oft blindwütigen gegen Frankreich und alles Französische gerichteten Schmähungen war, Dunger jedoch eher der emsig tätige Lexikograph.

4 Die Moselbahn war der westlichste, von Koblenz über Trier und Diedenhofen (frz. Thionville) nach Metz verlaufende Teil einer von 1873 an einzig aus strategischen Gründen gebauten (im damaligen Volksmund deshalb »Kanonenbahn« genannten) Bahnstrecke zwischen Berlin und der lothringischen Festungsstadt.

5 Es gehört zum Wesen des Substantivkompositums, dass die semantische Relation zwischen Grund- und Bestimmungswort vom Hörer konjiziert werden muss. Dass wir im Alltagsleben dennoch z. B. verstehen, dass im Wort Kalbsschnitzel vom verarbeiteten Fleisch die Rede ist, im Wort Jägerschnitzel hingegen von der Zubereitungsart, wird durch unsere Welt- und Wortschatzkenntnis gesichert. Nur Spaßvögel unterstellen dann und wann, dass eine Speisekarte, auf der Jägerschnitzel angeboten werden, die Gäste zum Kannibalismus animiere. Dem Neologismus Briefumschlag ist der Weg in die Seriosität gelungen, der Neologismus Rauchrolle ist (soweit er denn noch bekannt ist) in die Welt der journalistischen Witzbolde abgerutscht.

6 Die folgenden familiengeschichtlichen und biographischen Angaben beruhen, soweit nicht anders vermerkt, auf Paul Zimmermanns Nachruf auf Herman Riegel (Zimmermann 1900).

7 Das badische Dorf Oberrotweil ist nicht identisch mit der württembergischen Stadt Rottweil am Neckar, die man bisweilen fälschlich als Herkunftsort von Riegels Vater angegeben findet.

8 Der letzte Halbsatz, hier kursiv, ist bei Riegel gesperrt gesetzt.

9 Riegel meint: Jahrhunderten.

10 Ausführlicher zu Riegels xenophoben, speziell frankreichfeindlichen Ausfällen, die sich, einem ceterum censeo gleich, durch den größten Teil seines kunstschriftstellerischen und belletristischen Werks ziehen: Blume (1998).

11 Dem Grundwort liegt griech. métron ›Maß‹ zugrunde.

12 Siehe z. B. Ludewig (1987: 90): propper ›reinlich,sauber‹; Hansen (1994: 157): propper ›sauber‹.

13 Zwar erhofft Sarrazin sich Benutzer seines Verdeutschungswörterbuchs ausdrücklich »in allen Schichten der Bevölkerung, in gebildeten und minder gebildeten Kreisen« (Sarrazin 1886/89: IX), doch räumt er wenig später ein, dass für »die erfolgreiche Benutzung eines Verdeutschungs-Wörterbuchs […] ein gewisses Maß von Bildung unerläßliche Vorbedingung« sei (ebd., S. X). Im Mittelpunkt seines puristischen Wirkungsinteresses stehen somit jene Gruppen des Bildungsbürgertums, die für einen patriotisch-normgerechten Gebrauch der Standardsprache sensibilisierbar sind, samt den Teilen des kleinen und mittleren Bürgertums, die am Beginn des Fin de Siècle bereits begonnen haben, in ihrem Sprachgebrauch den gymnasial und akademisch Gebildeten nachzueifern. Dass Sarrazins puristisches Wirken so gut wie ganz auf die (Schrift-)Sprache der Gebildeten, das Standarddeutsch, ausgerichtet ist, teilt er (1886/89: XIX) in einer Nebenbemerkung sogar ausdrücklich mit:

»Auch die der Schriftsprache nicht angehörenden Ausdrücke, wie kaput, schauderös, können in einem solchen Buche [sc. in Sarrazins eigenem Verdeutschungswörterbuch] keinen Platz beanspruchen.« – Einen gewissen Ausgleich des mangelnden Interesses des Sprachvereins an den Umgangssprachen sollten offenbar zwei 1890 und 1917 erschienene Hefte aus der Reihe der Verdeutschungsbücher schaffen (Titel siehe Anm. 62).

14 Als achte fügt er Rücksichtslosigkeit (Interesse) hinzu. Wegen seiner eigenen, komplexeren Bedeutungsstruktur kann dieses Wort hier außer Betracht bleiben.

15 Feinschmecker werden im Dt. Individuen genannt, die in kulinarischer Hinsicht einen besonders anspruchsvollen Geschmack entwickelt haben und diesem durchaus auch als individuelle Genießer, außerhalb geselliger Tafelrunden, folgen; dem Wort Feinschmecker haftet oft auch die Konnotation des Snobismus an. Als gastronome dagegen ist man in Frankreich stets in den gesellschaftlich-geselligen Rahmen des repas gastronomique (s. u.) eingebunden; der Vorwurf des Snobismus liegt dabei fern. – Einen Kunstkoch im Sinne Sarrazins (d. h. einen »Sternekoch« im Sinne eines heutigen Bocuse oder Haeberlin) würde man auf Frz. nicht einen gastronome nennen. Für freundliche Auskünfte zur aktuellen Semantik von frz. gastronome danke ich Bernard Clerc (Berlin/St.-Germain-en-Laye).

16 Das Repas gastronomique des Français ist 2010 in das »Unesco-Inventar des immateriellen Kulturerbes der Menschheit« aufgenommen worden. In einer offiziellen Publikation der Unesco wird es als eine zur Gewohnheit gewordene »pratique sociale« der Franzosen beschrieben, mit der die wichtigsten Augenblicke im Leben von Individuen oder Gruppen gemeinsam festlich begangen werden (ausführlicher: Unesco 2010). – Übrigens ist das Repas gastronomique keineswegs eine nur den Wohlhabenden vorbehaltene Institution, es ist vielmehr Kulturbesitz breiter Schichten des frz. Bürgertums, ebenso auch eines großen Teils der ländlichen Bevölkerung.

17 Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e. V. (DEHOGA) zählt ausdrücklich auch z. B. Frühstückshotels, darüber hinaus sogar die gesamte »Systemgastronomie« zur Gastronomie. Jeder Chef eines Fast-Food­-Restaurants (Typ McDonald‘s) ist für den DEHOGA somit ein Gastronom. Siehe: DEHOGA (2013).

18 Andererseits gehören durchaus nicht alle Lemmata, die eine Auswahl denkbarer Äquivalentwörter anbieten, diesem Typus an, so z. B. nicht das oben erwähnte Lemma System. Die unter Egoismus angeführten Möglichkeiten des Ersatzes sind gegenseitig synonym, deshalb hat der Wörterbuch-Benutzer dort die Freiheit der Wahl. Anders im Fall System. Je nachdem, ob es sich z. B. um ein philosophisches System, um Linnés System der Pflanzen, um ein System beim Schachspiel oder um das Wasserleitungssystem einer Großstadt handelt, wird ein anderes Ersatzwort geeignet sein. Die Wahl wird dort vom Kontext und Kotext der jeweiligen Äußerung bestimmt, nur in geringem Maße vom Belieben des Sprachbenutzers.

19 Sarrazin (1886/89: XXI).

20 Ebd.

21 Fodor/Hagège (Hgg.) (1983–1994).

22 Hagège (1983–1994).

23 Keller (2003).

24 Haugen (1968 a).

25 Siehe: Tauli (1983–1994).

26 Siehe: Haugen (1968 b: 205).

27 Nynorsk-Formen; die Bindestriche sind hier zur Verdeutlichung für nichtnorwegische Leser eingefügt. – Ebd.: bes. S. 151–154.

28 Entwickelt worden ist sie von dem färöischen Pastor Venceslaus Ulricus Hammershaimb (1819–1909). H.s weder färöisch noch dänisch klingender Name erklärt sich daraus, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert als Protestanten aus dem noch habsburgischen (katholischen) Schlesien ins lutherische Dänemark geflüchtet waren.

29 Graphie und Phonie des Färöischen sind damit etwa ebenso weit voneinander entfernt wie dies z. B. im Französischen, Englischen und Dänischen der Fall ist, nur hat sich dieser Abstand in den drei letztgenannten Sprachen seit dem Mittelalter peu à peu und ungeplant »ergeben«, während er auf den Färöern Resultat einer bewussten sprachplanerischen Setzung des 19. Jahrhunderts ist. – Zum Färöischen im Überblick z. B.: Haugen (1976: 33–35); Braunmüller (1991: 210–223); speziell zum 19. Jahrhundert: Blume (1989)

30 Bossong (2008: 181).

31 Die ca. 42.000 Graubündner, die Rätoromanisch sprechen, machen lediglich ca. 0,65 % der Schweizer Gesamtbevölkerung aus. Auch innerhalb des Kantons bilden diese 42.000 nur rund 16 % der Einwohner.

32 Siehe z. B. Liver (2010: 69–75), Bossong (2008: 178 f.).

33 Die nationalistische Voreingenommenheit Riegels und vieler seiner Mitstreiter ist auch nicht durch den Hinweis auf entsprechende Denkmuster in den Köpfen der Sprachpuristen anderer Länder, etwa Frankreichs, zu rechtfertigen. Dieser Versuchung ist Reinhard Olt in seiner Abhandlung über das Wirken des Sprachvereins in Hessen erlegen (Olt 1991).

34 Nipperdey (1998: 600).

35 Titel: Der ganz große Traum. Regie: Sebastian Grobler.

36 Koch (1900: 198).

37 Ebd. (196).

38 Zu den puristisch-neologistischen Aspekten von Kochs Arbeit für den Fußball- und Schulsport und seine erfolgreiche Begründung der deutschen Fußballsprache siehe Burkhardt (2006: 57 ff. und 2010: 4 ff.).

39 Der lat. Perfekt-Infinitiv recepisse ›empfangen zu haben‹ ist der schon im Mittelalter versteinerte Rest eines ins Frz. übernommenen lat. Accusativus cum infinitivo (etwa: Has litteras me recepisse cognosco).

40 Der Große Generalstab war seit 1821 in Preußen unmittelbar dem König unterstellt, der im Krieg von 1870/71 zum Feldherrn der deutschen Truppen wurde.

41 Dunger (1882: 54).

42 Sarrazins Verdeutschungswörterbuch enthält daher ein deutliches Überangebot an eisenbahntechnischem Fachvokabular, so z. B. unter dem Lemma Reserve die Sublemmata Reservedienst (der Locomotiven), Reservekette (an Eisenbahnwagen), Reservekupplung, Reservelocomotive, Reservewaggon samt ihren Verdeutschungen.

43 Etwa bei der stereotypen Aufforderung des Zugschaffners »Die Fahrkarten bitte!« oder der ewig gleichen Frage des Straßenbahnschaffners »Noch jemand ohne Fahrschein?« (beide Wörter statt Billet). – Wie weit von uns entfernt übrigens diese »Frames« sprachlicher Alltagskommunikation inzwischen liegen, zeigt eine fehlsynchronisierte Stelle im Film »Der Vorleser« (2008; nach dem gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink), an der die Straßenbahnschaffnerin fälschlicherweise die Bitte eines Eisenbahnschaffners stellt: »Die Fahrkarten bitte«. Die realen Bahnreisenden hatten ihre (Papp-)Fahrkarten bereits am Schalter gekauft, die Straßenbahnfahrgäste kauften ihre papierenen Fahrscheine erst im Wagen beim Schaffner (der notabene nicht zugleich Fahrer war).

44 Sarrazins Zweitvorschlag Sprechleitung ist offenbar auch behördlicherseits nicht auf Resonanz gestoßen und kann deshalb hier unberücksichtigt bleiben.

45 Wenn fernmündlich anstatt telefonisch gelegentlich auch in der Korrespondenz von Privatfirmen vorkam, so lässt das auf eine ideologische Nähe der Firmenleitung zu den Zielsetzungen des Sprachvereins schließen.

46 Auf Firmenstempeln, in gedruckten Briefköpfen von Firmen-Briefpapier, in Zeitungsannoncen und auf Reklameschildern fanden sich dann und wann sogar noch über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus statt Telefon die Ausdrücke Fernruf bzw. Ruf. Ursächlich auch dafür dürfte eher der in solchen Firmen noch wehende Geist des Sprachvereins als die terminologische Strenge der Post gewesen sein.

47 Fräulein vom Amt war (bis zur Einführung der Direktwahl von Ferngesprächen) die zunächst sicherlich freundlich-scherzhaft gemeinte, im Lauf der Zeit aber in der Umgangssprache ernsthaft gewordene Berufsbezeichnung der Telefonistinnen in den Fernsprechämtern. – »Ich hätte gern mal’n Amt« lautete, solange man in Firmen noch nicht von jedem Arbeitsplatz aus direkt das Fernamt (d. h. ein »Fräulein vom Amt«) anwählen konnte, die Bitte an die firmeneigene Telefonistin, sie möge eine Verbindung zum Fernamt herstellen.

48 Nach den statistischen Angaben in der »Zeitschrift des allgemeinen Deutschen Sprachvereins«, Jg. 1890, H. III.

49 Olt (1991: 133).

50 Blume (1998: 138) nach Fahlbusch (1990).

51 Hillen (1982).

52 Ricarda Huch (*1864) ist daher in einem Haus an der Petritorpromenade geboren.

53 Der frz. Terminus contre-escarpe, contrescarpe bezeichnete die gemauerte Böschung an der Außenseite des Wallgrabens. – In Paris gibt es eine Place de la Contrescarpe.

54 Eine späte Ausnahme (1960er Jahre) ist der deutsche Name Meister Proper des amerikanischen Putzmittels Mr. Clean.

55 In Dungers Wörterbuchartikel Spelunke liegen die Dinge nicht anders.

56 Die folgenden Ausführungen zu dt. egal (< frz. égal) teilweise nach: Blume (1998, 139 f.).

57 Dies geschieht u. a. bei Sarrazin (1886/1889: 63), Dunger (1882: 84), Lohmeyer (1917: 33).

58 Für mein (in diesem Punkt offensichtlich konservativeres) Stilempfinden waren dies stets Ausrutscher in die Umgangssprache.

59 Bezugsort Fallersleben, heute Ortsteil von Wolfsburg. Bezugszeit: um 1950. Kenntnis und Gebrauch des Niederdeutschen sind in Fallersleben, besonders infolge der Gründung der (zunächst nur benachbarten) Großstadt Wolfsburg, inzwischen dramatisch zurückgegangen.

60 Etwa bairisch Paraplui (< frz. parapluie) ›Regenschirm‹, Potschamperl (< frz. pot de chambre) ›Nachttopf‹.

61 Pfeifer (2004: s. v. Porree).

62 Lohmeyers Wörterbuch, das den Untertitel Verdeutschung der hauptsächlichsten im täglichen Leben und Verkehr gebrauchten Fremdwörter trägt, darf man als einen Korrekturversuch am grundsätzlichen umgangssprachlichen Desinteresse der frühen Wörterbücher von Sarrazin und Dunger einschätzen. Ihm vorausgegangen in der Reihe der kurzgefassten Verdeutschungsbücher war das Bändchen Das häusliche und gesellschaftliche Leben. Verdeutschung der hauptsächlichsten im täglichen Leben und Verkehr gebrauchten Fremdwörter. Braunschweig 1890.

63 Zum Folgenden ausführlicher Blume (1998: 140 f.).

64 Abgesehen davon, dass Dungers Neologismus nicht sehr appetitanregend klingt, ist er auch in der Sache unzutreffend: Die Mischung von Essig und Öl ergibt eine Vinaigrette, Mayonnaise besteht darüber hinaus zu wesentlichen Teilen aus Eigelb.

65 Hans Fallada (1955: 199).

66 Ury (1916: 5255). – Die mild-ironische Darstellung dieser Dinge lässt erkennen, dass die Verfasserin Nesthäkchens puristischen Eifer für ein Symptom irregeleiteten patriotischen Überschwangs hält, diesen Verdeutschungen also skeptisch gegenübersteht.

67 DWb (1854–1971, Bd. 14: 2035–2037).

68 Hoffmann von Fallersleben (1850: 207–208). – Hoffmann war von den Leistungen der Frankfurter Nationalversammlung tief enttäuscht. In seiner Parlaments-Parodie sind die Mitglieder eines Kleinstadt­-Stammtisches mit nichts anderem befasst, als in einer längeren Abfolge von »Sitzungen« einander Anekdoten zu erzählen.

69 Raabe (1859/1992: 16). – Hinter dem hier fiktiv gemeinten Namen Sauingen steht die reale Bahnstation Kreiensen (zwischen Göttingen und Hannover), nicht das reale Dorf Sauingen (Ortsteil von Salzgitter). Für die Mitteilung von Schaffner– und Conducteur-Belegen aus dem Werk Wilhelm Raabes danke ich Dr. Eberhard Rohse (Göttingen).

70 Raabe (1864/1973: 55–57).

71 Raabe (1859/1992: 23–27).

72 Raabe (1864/1966: 263).

73 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Englisch als Fremdsprache in Deutschland wenig verbreitet, das Französische dagegen war dem Adel und dem gebildeten Bürgertum relativ gut geläufig. Für die hieraus resultierende Fehlaussprache englischer Lehnwörter à la française ist conductor/conducteur nicht das einzige Beispiel. Auch in Wörtern wie z. B. Waggon, Jury, Budget hat sich die fälschlich französische Aussprache bis auf den heutigen Tag erhalten. Der Eisenbahnschaffner hieß und heißt auf französisch contrôleur, der Straßenbahn- und Busschaffner meist receveur; keines der beiden Wörter ist in den deutschen Bahnwortschatz eingegangen.

74 Eine soziologisch wie auch geographisch sehr differenzierte Darstellung der Französischkenntnisse des deutschen Adels und Bürgertums im 18. Jahrhundert gibt Hoinkes (2009).

75 Mann (1901/1930: 9).

76 Ebd. (520–524)

77 Rückenpanzer des Flusskrebses, gefüllt mit einer Farce auf Basis des ausgelösten Krebsfleisches.

78 Zwar ist Baumkuchen ein eher deutsches als französisches Gebäck, doch ist sein Verzehr als Komponente des Abendessens in Deutschland unüblich. In Frankreich dagegen ist die Spannweite dessen, was als Dessert gereicht werden kann, unübersehbar groß: Sie reicht vom einfachen Stück Obst (z. B. einem Apfel) über eine Vielfalt an Kompott, Cremes (z. B. Mousse au Chocolat), Pudding und Eis bis zu Gebäck verschiedenster Art.

79 Wells (1990: 428).

80 Wenn Herman Riegel im Titel seiner Programmschrift (Riegel 1883) anstelle des Wortes Kapitel das jedem evangelischen Christen aus Luthers Kleinem Katechismus vertraute Wort Hauptstück verwendet, so ist das der Versuch einer Revitalisierung eines in Vergessenheit geratenen Synonyms.

81 Hall (1950).

Dr. Dr. h. c. Herbert Blume
Blücherstraße 1
38102 Braunschweig