11. Juli 2018

20. Aufmerksamkeit – Die sprachlichen Köder der Livekommentatoren

CC-Lizenz

Wie schaffen es Livekommentatoren eigentlich, unser Interesse und unsere Aufmerksamkeit für das Spiel beizubehalten oder sogar zu stärken? Dazu gibt es verschiedene Strategien, die je nach Sprache unterschiedlich stark zum Ausdruck kommen.

Kerstin Jung (heute: Kerstin Tränkle-Jung) konnte herausfinden, dass hispanische Livekommentare wesentlich spielerischer und kreativer mit Sprache umgehen als deutsche. So erwähnt sie beispielsweise Lautmalereien, sogenannte Onomatopoetika, die in der hispanischen Liveberichterstattung öfter vorkommen und eine auflockernde, witzige Wirkung erzielen:

»Das Onomatopoetikon tiki-taka wurde von Andrés Montes, dem Kommentator des spanischen TV-Senders La Sexta, während der WM-Liveübertragungen kreiert und publik gemacht. Es malt den Klang des Fußballspiels nach, wenn die Fußballspieler mit nur einem Kontakt den Ball hin und her passen, und wird nunmehr als Begriff verwendet, um diesen präzisen und schönen Spielstil, den Mannschaften wie z. B. Brasilien an den Tag legen, lobend zu bezeichnen […]. Die Reporter verwenden auch des Öfteren Reime und Wortspiele, um ihre Kommentare abwechslungsreich zu gestalten und die Fußballshow im Fernsehen interessanter zu machen. Sportreporter verwenden solche stilistischen Elemente, um dem Gesagten mehr Ausdrucksstärke zu verleihen.« (Jung 2009: 154). »Der häufige Gebrauch von Superlativen ist ein weiteres Gestaltungselement, durch das sich die analysierten Livekommentare der WM 2006 auszeichnen. […] Der Superlativstil dramatisiert die Berichterstattung und verleiht den Kommentaren der Reporter Nachdruck. Es entsteht ein dynamischer und dramatischer Livekommentar, der die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf sich zieht.« (Ebd.: 155)

Gegenteilige Tendenzen ergibt die Analyse von deutschen Fußballkommentaren; nur bei der schriftlichen Berichterstattung zeigen die Deutschen wieder mehr sprachliche Kreativität:

»In den deutschen Fußball-Livekommentaren kommen Wortspiele oder Reime nur im Ausnahmefall vor. In Deutschland lassen sich ähnliche Wortspiele oder Reime in der Sportberichterstattung z. B. in der Bild-Zeitung finden: Vor dem WM-Spiel Deutschland – Ecuador am 20.06.2006, lautete die Titel-Schlagzeile der Bild ›Deutschland vor, volles Rohr/Poldi, mach dein Ecua-Tor!‹ […]. Während der Fußball-EM 2008 schrieb die Zeitung nach dem Spiel gegen Polen ›2:0/Podolski putzt die Polski‹ […], und vor der Partie gegen Kroatien ›Heute gegen Kroatien/Poldi, lass es KROAchen!‹.« (Jung 2009: 154–155; vgl. auch www.bild.de, Bild-Zeitung, 09.06.2008: 1, Bild-Zeitung, 12.06.2008: 1)

Die weiteren bislang veröffentlichten Beiträge finden Sie auf dieser Seite.


Quelle:

Jung, Kerstin (2009): Fußball als Medienereignis: die mediale und sprachliche Inszenierung von Fußballevents als Sportspektakel. In: Armin Burkhardt/Peter Schlobinski (Hgg.): Flickflack, Foul und Tsukahara. Der Sport und seine Sprache (= Duden, Thema Deutsch, Band 10). Dudenverlag, S. 143–159.