Ausgabe: Der Sprachdienst 3-4/2019

Algorithmus

Thymian-Aprikosen-Algorithmus (CC-Lizenz; Collage: GfdS; Rezept: brigitte.de)

»Google spielt mir immer genau die Er­gebnisse aus, die ich wirklich brauche.« – »In meiner Filter-Blase sehe ich nur für mich interessante Beiträge.« – »In meinem Feed werden mir nicht mehr alle Posts ausgespielt.« – »Unheimlich: Die Werbung im Internet scheint ge­nau auf mich abgestimmt.« – Ist das dieser Algorithmus, von dem man jetzt immer öfter hört? Gute Frage, kurze Antwort: Ja. Nächste Frage: Was ist das denn überhaupt, so ein Algorithmus? Es heißt immer, Algorithmen beein­flussten zunehmend unseren Alltag – höchste Zeit, sie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Um eines gleich zu klären: Nein, der Algorithmus hat nichts mit dem Rhyth­mus (u. a. ›Gleichmaß, wiederkehrende Bewegung, Gliederung‹) zu tun. Die­ses Wort wurde über das Lateinische aus dem Griechischen (dort: rhythmós zu rheĩn ›fließen‹) entlehnt. Die Be­zeichnung Algorithmus hingegen geht ursprünglich auf den Namen eines frühen persischen Rechenmeisters und Astronomen zurück: Muhammad Ibn-Mūsā al-H̱wārizmī. Aus dem Namens­bestandteil, der auf seine Herkunft verweist – al-Chwarizmi ›der Chores­mier‹ –, entstand in lateinischer Über­setzung Algorismi, ins Mittelhochdeut­sche wurde algorismus, alchorismus oder algoarismus übersetzt. Bis ca. 1600 war Algorismus die Bezeichnung für Lehr­bücher u. a. für das schriftliche Rech­nen. In der Überlieferung geriet das Wissen um den Namensursprung mit der Zeit in Vergessenheit, so dass man schließlich eine Zusammensetzung aus dem Personennamen Algus mit einem aus dem griechischen entlehnten Wort­bestandteil –rismus ›Zahl‹ annahm. Die­se Volksetymologie verbreitete sich so sehr, dass schließlich ein (nicht nachge­wiesener) Meister Algus als mutmaßli­cher Erfinder des Algorithmus verehrt und mitunter in einem Atemzug mit großen antiken Denkern genannt wur­de. Auf dieser Herleitung basiert die noch heute gebräuchliche Wortform Algorithmus.

Was ist nun ein Algorithmus ge­nau und welche Bedeutung kommt ihm heutzutage zu? Wenngleich vie­le – vielleicht allein aufgrund des fremdsprachlichen Ausdrucks und der Assoziation mit Mathematik – Kom­pliziertes dahinter vermuten, stellt die Duden-Definition es recht einfach dar: Ein Algorithmus ist ganz allge­mein ein »Rechenvorgang, der nach einem bestimmten [sich wiederholen­den] Schema abläuft«, spezieller: der mathematischen Logik entstammend ein »Verfahren zur schrittweisen Um­formung von Zeichenreihen« und, veraltet, eine »Rechenart mit Dezimal­zahlen«. Ziemlich Mathematik-lastig, diese Definition. Und tatsächlich: Das Konzept des Algorithmus trat erstmals im Bereich der Mathematik und Logik, aber auch der Philosophie ins Bewusst­sein der Menschen, inzwischen er­streckt es sich jedoch nicht länger nur darauf, sondern ist in allen Bereichen des Lebens zu finden: Ein Algorithmus ist nichts anderes als eine Handlungs­anweisung oder auch eine Folge von Anweisungen, durch deren Ausfüh­rung ein bestimmtes Problem gelöst werden kann. Das heißt, auch etwas so Simples wie ein Kochrezept, eine Be­dienungsanleitung zur Inbetriebnah­me eines Telefons, eine Aufbauanlei­tung für ein Regal oder die Anleitung zu einem Gesellschaftsspiel sind Algo­rithmen, sogar jede Ampelschaltung basiert auf einem Algorithmus.

Als der Computer erfunden wurde, fütterte man ihn mit nichts anderem als mit Algorithmen: Handlungsan­weisungen zur Lösung von Problemen, die durch die begrenzten Fähigkeiten des Menschen nicht oder nur unzu­reichend gelöst werden können. Und auch heute noch basiert jegliche Tä­tigkeit eines Computers auf Algorith­men. Wo früher also etwa der Mensch ausrechnete, welche Strecke zwischen zwei Punkten A und B die kürzeste ist, hilft heute ein Navigationsgerät wei­ter und bedient sich dabei der ihm zur Verfügung stehenden Algorithmen. Der Algorithmus, der beispielsweise der Suchmaschine Google zugrunde liegt, basiert auf der Auszählung, wie viele Links auf eine bestimmte Seite verweisen; je mehr solcher Verweise eine bestimmte Webseite besitzt, umso wichtiger, meint Google, muss sie sein und umso öfter wird sie als »bestes« Ergebnis ausgespielt. Darüber hin­aus beeinflussen bestimmte Kriterien, welche Ergebnisse die Google-Suche liefert, und so werden für jeden Nut­zer bei gleicher Sucheingabe unter­schiedliche Treffer angezeigt – abhän­gig zum Beispiel vom Aufenthaltsort des Nutzers, vom verwendeten Browser, von vorherigen Suchanfragen, der Uhrzeit usw. Ähnliches liegt anderen Netzdiensten wie Dating-Portalen oder sozialen Netzwerken zugrunde. Doch nicht nur im Internet werden Algorithmen verwendet, auch in Krankenhäusern bei der Diagnosefindung, in Polizeistationen bei der Gesichtserkennung oder in Banken zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit eines potenziellen Kreditnehmers kommen sie zum Einsatz. Und genau dies ist etwas, was von vielen Menschen kritisiert wird: die zunehmende »Vermessung«, Durchleuchtung und Beeinflussung des Privatlebens auf Grundlage von mathematischen Berechnungen, die Analyse der persönlichen Daten zur Feststellung von Mustern und Zusammenhängen im größeren Kontext. Tatsächlich wurde aber in einer europaweit angelegten Studie herausgefunden, dass nur eine Minderheit der Bevölkerung weiß, was Algorithmen eigentlich sind, wozu sie dienen, was ihre Vor- und Nachteile sind. Zugegeben, der Gedanke, dass eine Maschine darüber entscheidet, was wir im Internet (als Erstes) zu sehen bekommen, ob wir kreditwürdig sind oder nicht, ob ein bestimmter Mensch besser zu uns passt als ein anderer, löst Unbehagen aus, zumal häufig nicht klar ist, auf welcher Datengrundlage »unser« Algorithmus auf uns zugeschnittene Ergebnisse liefert. An diese Informationen ist vielfach nicht heranzukommen, bilden doch ihre Algorithmen das »Kerngeschäft« von Google, Facebook und Konsorten. Umso wichtiger ist es, dass über die Hintergründe von Algorithmen, über ihre Existenz und ihre Anwendungsbereiche, über ihre Chancen und Risiken informiert wird, um auch dann, wenn die Algorithmen selbst nicht bekannt sind, so weit wie möglich offenzulegen, wo sie zur Anwendung kommen und welche Daten sie sich zunutze machen.

Daher sei jedem an dieser Stelle ans Herz gelegt: Informieren Sie sich über die hier vorliegende minimale Zusammenfassung hinaus darüber, was Algorithmen sind, wo sie eingesetzt werden, welche Rolle Ihre persönlichen Daten dabei spielen und welche Konsequenzen es hat, wenn Sie diese preisgeben. So behalten Sie ein Mindestmaß an Kontrolle über den Einfluss von Algorithmen auf Ihr Leben.

Gern empfehlen wir Ihnen untenstehend zwei Podcasts zum Thema Algorithmus; eine Google-Recherche führen Sie jedoch am besten selbst durch, dann werden – wie wir jetzt wissen – die Ergebnisse genau auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt sein.

Frauke Rüdebusch