Ausgabe: Der Sprachdienst 2–3/2026

Warum heißt es Deutscher und nicht Deutschländer? – Bildung von Einwohnerbezeichnungen zu Staatennamen

[F] Neulich habe ich mich gefragt: Warum heißt es eigentlich Deutscher und nicht Deutschländer? Und dann stellte sich mir ganz grundsätzlich die Frage: Warum sind die Bezeichnungen für die Einwohner eines Landes so unterschiedlich – also Deutschland/Deutscher, Frankreich/ Franzose, Portugal/Portugiese und Senegal/Senegalese, aber England/ Engländer, Österreich/Österreicher?

[A] Die Antwort auf Ihre Frage(n) ist sehr komplex. Auch im internationalen Handbuch Namenforschung wird das Thema Wortbildung von Einwohnernamen zu Staatennamen nur angerissen. (Im Folgenden verzichten wir der Einfachheit halber auf die Differenzierung im grammatischen Geschlecht.)

Zum einen sind geografische Namen bzw. Ländernamen deutschsprachiger Herkunft unterschiedlich gebildet: mal mit -land (Finnland, Friesland, Holland, Griechenland usw.), mal gehen sie auf -ien aus (Belgien, Bulgarien, Großbritannien usw.), mal sind sie wieder anders strukturiert (Österreich, Schweiz). Die Bildung der dazugehörigen Personennamen unterliegt nun ihrerseits Schwankungen (Finne, Friese, Grieche, aber Holländer – usw.). Manchmal wird der Einwohnername vom Ländernamen abgeleitet (England Engländer), manchmal vom entsprechenden Adjektiv (französisch Franzose). Diese Unterschiede haben im Einzelnen historische, das heißt sprachgeschichtliche Gründe. So müsste man jedem Einzelfall nachgehen – ein aufwändiges Unterfangen. Zum anderen kommen diese Namen aus anderen Sprachen zu uns ins Deutsche. Und hier gilt entsprechend: eine Vielzahl von Sprachen – mit unterschiedlichen Regeln und Gepflogenheiten. Es kommt hinzu: Die Namen wurden zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen (manchmal über eine Drittsprache) ins Deutsche gebracht und dort – mehr oder weniger – integriert. Fremdsprachige Wortmuster erkennt man z. B. leicht in Ihren Beispielen Senegalese und Portugiese, die beide französisch bzw. romanisch vermittelt sind.

Deutscher ist übrigens, wie Franzose, ein substantiviertes Adjektiv, das heißt eine substantivische Form, der aber ein Adjektiv zugrunde liegt. Das Adjektiv deutsch, zu mittelhochdeutsch deut[i]sch bzw. tiu[t]sch und althochdeutsch diutisc sowie niederländisch duits[ch], geht auf das alte lateinische theodiscus ›zum Volk gehörig, volksgemäß‹ (und dieses wiederum auf das alte germanische Substantiv þeudō ›Volk‹) zurück und steht seit dem 10. Jahrhundert neben theodiscus; theodica lingua war die amtliche Bezeichnung der germanischen (altfränkischen) Sprache im Reich Karls des Großen. Im Duden-Herkunftswörterbuch heißt es ferner: »In der Geschichte des Wortes ›deutsch‹ spiegelt sich die Herausbildung des deutschen Sprach- und Volksbewusstseins gegenüber den romanischen und romanisierten Teilen der Bevölkerung im Frankenreich und gegenüber dem Lateinischen. In der Auseinandersetzung zwischen West und Ostfranken ist das Wort ›deutsch‹ zur Gesamtbezeichnung der Stammessprachen im Osten des Frankenreichs, dem späteren Deutschland geworden.« Der Ländername Deutschland kam somit erst im Nachhinein auf, und zwar im 15. Jahrhundert. Dass es sich hierbei um eine Zusammenrückung handelt, erkennt man noch mit Blick auf die mittelhochdeutschen Ausdrücke: daz diutsche land, in diutschen landen usw.

Quellen

Duden – Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 4., neu bearbeitete Auflage. Mannheim/Zürich 2007.

Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger und Ladislav Zgusta (Hgg.), Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. 2 Bände. Berlin/New York 1995/1996.

Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23., erweiterte Auflage, Berlin/New York 1995.