Warum ist Armleuchter ein Schimpfwort?
[F] Das Wort Armleuchter höre ich fast nur als Beleidigung, aber eigentlich ist doch nur ein Leuchter gemeint. Warum nutzt man den Ausdruck als Schimpfwort?
[A] Diese Frage ist sehr interessant; sie fällt in die Bereiche des Sprachwandels sowie der Pragmatik. Semantisch bezeichnet Armleuchter lediglich einen ›Leuchter mit mehreren Armen‹. Wie kam es also zu der Verwendung des Wortes als Beleidigung?
Die Pragmatik ist der Fachbereich, der sich mit der kontextbezogenen Bedeutung von Wörtern beschäftigt, während die Semantik den kontextunabhängigen Inhalt untersucht. Warum das Wort Armleuchter als Beleidigung genutzt wird, ist somit eine pragmatische Frage, da sich dieser Sinngehalt erst durch den Kontext ergibt. Im 18. Jahrhundert existierte der Ausdruck als Schimpfwort noch nicht. So sind im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nur die Bedeutungen ›gearmter Leuchter‹ und ›die Chara, eine Wasserpflanze, deren Stängel einem Armleuchter gleichen‹ verzeichnet. Letztere ist heute jedoch nicht mehr verbreitet. Vermutlich entwickelte sich die Verwendung als Beleidigung erst im frühen 20. Jahrhundert. So finden sich erste Belege für diese pragmatische Nutzung in den Jahren 1917 und 1928.
Als Beleidigung geht Armleuchter auf den Ausdruck Armloch zurück, der ebenfalls einen pejorativen Inhalt verhüllen sollte. Armloch hat einen ähnlichen pragmatischen Wandel durchlaufen wie Armleuchter. Während ein Beleg aus dem Jahr 1859 noch die Semantik ›Öffnung für den Arm in Kleidungsstücken‹ trägt, kann schon für das Jahr 1879 ein beleidigender Gebrauch nachgewiesen werden. Dieser entstand, da man mit dem Ausdruck das Schimpfwort Arschloch verhüllen wollte. Dieses Wort geht zurück auf das althochdeutsche arsloh, das zunächst als Synonym für After genutzt wurde. Schon im 14. Jahrhundert entwickelte sich die abschätzige Komponente durch die Übertragung der ursprünglichen Bedeutung auf Personen, um Ablehnung auszudrücken. Dies entwickelte sich schnell zur Hauptverwendung des Wortes; besonders seit dem 20. Jahrhundert wird es vorwiegend beleidigend genutzt. So war eine neue subtile Beleidigung nötig, um die verächtliche Komponente zu verbergen, und der Inhalt wurde auf den zuvor neutralen Ausdruck Armloch übertragen. Vermutlich etablierte sich der Gebrauch des Wortes als Beleidigung ebenfalls schnell, und so fand durch die Sinnübertragung auf das Wort Armleuchter eine neuerliche Verhüllung statt.
Somit wurde aus dem Ausdruck Armleuchter ›mehrarmiger Leuchter‹ im frühen 20. Jahrhundert eine Beleidigung für Menschen, die man ablehnt. Durch die Verhüllung der ursprünglichen Bedeutung ›Arschloch‹ wird das Schimpfwort Armleuchter zumeist als nicht so drastisch angesehen wie die Beleidigung Arschloch.
Quellen
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/.
Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 9. Auflage, Berlin 2019.
Goethe-Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23. https://www.woerterbuchnetz .de/ GWB/.
Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache. Stuttgart 1982.
Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Neubearbeitung (A–F), digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23. https://www.woerterbuchnetz. de/DWB2/.
Johann Christoph Adelung, Grammatisch- Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801), digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23. https:// www.woerterbuchnetz .de/Adelung/.