Hitzedom

Der Sommer 2026 war geprägt von Beschreibungen einer außergewöhnlichen Hitze. Ein meteorologischer Ausdruck, der bis 2017 im deutschen Sprachgebrauch noch weitestgehend unbekannt ist, nimmt in den Medien ab 2018 rasant zu. In den deutschsprachigen Zeitungskorpora ist Hitzedom zwischen 2018 und 2025 insgesamt 147-mal belegt (DeReKo, W1–W4).[1] Die Westdeutsche Zeitung schreibt im Juli 2023: »Er sprach von einem Hitzedom – einem Hochdruckgebiet, das die Hitze wie unter einer Kuppel einschließt.« Zwei Jahre später, im Juli 2025, schreibt die Südwest Presse: »Als ›Weckruf‹-Ereignis betrachten die Experten den Hitzedom im kanadischen Vancouver 2021 mit Temperaturen bis zu 49 Grad und vielen Todesfällen.« Ähnlich schreibt der Reutlinger General-Anzeiger einen Monat später: »Was passiert, wenn ein sogenannter Hitzedom Stuttgart heimsucht?«
Mit Kluge[2] bedeutet Dom entweder ›Bischofskirche‹ oder ›gewölbeartige Struktur‹. Im ersten Sinn existiert das Wort bereits seit dem 8. Jahrhundert im Deutschen (althochdeutsch tuom). Im zweiten Sinne handelt es sich um einen deutlich jüngeren fachlichen Begriff zunächst aus der Baukunst, der erst im 18. Jahrhundert als französisch dôme ›Kuppel‹ ins Deutsche entlehnt wurde. Das Wort geht auf griechisch dõman ›Dach, Haus, Tempel‹ zurück. In Verbindungen wie Himmelsdom wird das Wort später auch metaphorisch verwendet.
Die Verbindung Hitzedom wiederum ist auf das Englische zurückzuführen. Heat dome ist dort bereits seit 1969 belegt.[3] Der erst deutlich später belegte Hitzedom ist als direkte Übersetzung hiervon zu betrachten. In anderen Sprachen existieren ähnliche Bezeichnungen: beispielsweise ilhas de calor (›Hitzeinseln‹) im brasilianischen Portugiesischen, domo de calor (›Hitzedom‹) oder cúpula de calor (›Hitzekuppel‹) im Spanischen, bolla di calore (›Hitzeball‹) im Italienischen oder hőkupola (›Hitzekuppel)‹ im Ungarischen. Hitzedom erscheint als moderner Ausdruck in Konkurrenz mit der Variante Hitzeglocke. Dieser Ausdruck ist hingegen schon seit 1959 im Sprachgebrauch verankert und hat ihren Höhepunkt im Jahr 1976 erreicht. Laut dem DWDS handelt es sich bei Hitzedom sowie Hitzeglocke um Synonyme, die wie folgt definiert werden: »meteorologisches Phänomen, bei dem sich ein langanhaltendes Hochdruckgebiet wie ein Deckel über eine Region legt, die heiße Luft darunter einschließt und komprimiert, was zu einem drastischen und gefährlichen Anstieg der Temperaturen führt«.[4] Weitere Varianten bilden Hitzedeckel, Hitzekuppe oder Hitzekuppel, da die Luftblockade in den mittleren Schichten der Atmosphäre an einen Deckel oder eine Kuppe(l) erinnert.
Die Entstehung eines Hitzedoms wird meteorologisch folgendermaßen beschrieben: »Unter Hochdruck sinkt die Luft in Richtung Erdoberfläche ab. Diese absinkende Luft wirkt wie ein Dom, der die Atmosphäre abdeckt. Dieser Deckel trägt dazu bei, Wärme einzuschließen, anstatt sie aufsteigen zu lassen. Ohne Aufwind gibt es […] kaum oder gar keine konvektiven Wolken (Cumuluswolken) mit minimaler Regenwahrscheinlichkeit. Das Endergebnis ist eine kontinuierliche Wärmeansammlung an der Oberfläche […].«[5] Diese blockierte Wetterlage wird von Meteorologinnen und Meteorologen als Omega-Lage bezeichnet, da ihre Form dem griechischen Buchstaben Omega (Ω) ähnlich ist.[6] Dieser Zustand der Lufttemperatur ist in urbanen Umgebungen ausgeprägter zu spüren, da diese aufgrund von versiegelten Oberflächen, weniger Schattenbäumen und eng stehenden (Beton-)Gebäuden mehr Hitze aufnehmen, die unterhalb der beschriebenen Kuppel nicht hochziehen kann bzw. eingesperrt bleibt.
Die statische Lage der heißen Temperaturen über einem Gebiet ist also Charakteristikum eines Hitzedoms. Bei einer Hitzewelle oder umgekehrt auch einer Kältewelle ist dagegen der Bewegungseffekt der Hitze bzw. der Kälte sichtbar. Ähnlich verhält es sich beim Ausdruck Kaltfront, der eine Luftdynamik aufgrund durchziehender Kaltluft bezeichnet. Kann wohl Kälte ebenso wie Hitze auf einem Gebiet gestaut bleiben bzw. gibt es ein sprachliches Gegenstück für Hitzedom? Im Februar 1997 schrieb die Süddeutsche Zeitung: »In den Wintermonaten hat der Föhn es oft schwer, die meist dicken und stabilen Kaltluftseen in den Tälern zu durchbrechen.« So auch Der Tagesspiegel im Dezember 2001: »Weil sich die kalte Luft in Tälern wie Wasser sammele, entstünden dort so genannte Kaltluftseen.« (DWDS) Der meteorologische Ausdruck Kaltluftsee, der eher selten, aber schon seit dem Jahr 1950 belegt ist, bezeichnet eine Ansammlung von Kaltluft in einer Geländevertiefung bzw. ein Frostloch (DWDS-Verlaufskurve und -Wörterbuch). So auch die Neue Zürchner Zeitung im November 2025: »Im Mittelland liegt dabei unverändert ein Kaltluftsee mit Nebel, während die Luft in der Höhe trocken und mild ist.« (DeReKo, W1). Das Wort ist im Zeitraum von 1993 bis 2025 281-mal in den deutschen Zeitungen belegt (ebd.). Ein Kaltluftsee hängt stark mit einer durch Täler oder Senken geprägten Topografie zusammen, die jedoch ebenso zu einer domartigen Wetterlage der kälteren Luft beitragen kann. Da es sich hier aber um eine ganz spezifische Situation handelt, die von Anfang an von natürlichen, topografischen Bedingungen abhängig ist, ist Kaltluftsee nur eingeschränkt in Opposition zu Hitzedom zu betrachten.
Der unkontrollierte Eingriff in die Natur kann in bestimmten Gebieten zu einer Abschwächung von Kaltluftseen, in anderen zu einer Verstärkung von Hitzedomen führen – dies sind im Grunde zwei Seiten derselben Medaille. Die Bewahrung von Gebieten, in denen sich im Winter auf natürliche Weise Kaltluftseen bilden, kann verhindern, dass neue ›Hitzeinseln‹ entstehen. Der Hitzedom an sich kann auch effektiv durch Kaltluftschneisen gebremst werden, die sich nachts im Umland bilden. »Solche Kaltluftschneisen können beispielsweise Grünstreifen sein oder auch Flüsse, Seen, Bahntrassen oder breite Straßen mit Begrünung.«[7] Das Wort und damit das Interesse an Kaltluftschneisen ist seit den 1990er- Jahren 156-mal in deutschsprachigen Zeitungen mit steigender Tendenz belegt (DeReKo, W1). Freie Wege zu errichten, die die Kaltluft von solchen Orten in aufgeheizte Städte strömen lassen, könnte neben der Schaffung neuer grüner Flächen eine nachhaltige Rolle bei der Reduzierung neuer oder bestehender Hitzedome spielen.
[1] DeReKo = Deutsches Referenzkorpus/Archiv der Korpora geschriebener Gegenwartssprache, Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, PID: 00-04B6-B898-AD1A-8101-4.
[2] Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. von Elmas Seebold, 25., erw. Auflage, Berlin/Boston 2011.
[3] Kieran M. R. Hunt, How weather got ist words: a history of meteorological English – part 2: the scientific age and beyond, in: Weather 9 9, 9 /2026, S . 1 –5, h ttps://rmets.online library.wiley.com/doi/epdf/10.1002/wea.70101.
[4] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Hitzeglocke, https://www.dwds.de/wb/ Hitzeglocke. (Vgl. auch die Einträge zu Hitzedom und Kaltluftsee.)
[5] National Oceanic and Atmospheric Administration, Heat Index, 15.05.2026, https://www.noaa.gov/jetstream/synoptic/heat-index (Stand: 14.08.2026), eigene Übersetzung.
[6] Vgl. Deutscher Wetterdienst/Christian Herold, Was ist ein »Heat Dome«?, 26. Mai 2026 (Rubrik: Thema des Tages), https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2026/5/26.
[7] Gero Rueter, Hitze in der Stadt: Wie helfen Kaltluftschneisen?, in: Deutsche Welle, 16.07.2024, https://www.dw.com/de/hitze-in-der-stadt-wie-helfen-kaltluftschneisen/a-69576616.
Angélica Prediger