Ausgabe: Der Sprachdienst 4–5/2026

Schriftgrad

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Wenn wir heutzutage unser Schreibprogramm auf dem Computer öffnen, ist in der Regel nicht nur eine Standardschrift voreingestellt, sondern auch eine Standard-Schriftgröße. Für computergedruckte Texte wie Briefe, Notizen, längere Fließtexte etc. ist das nicht selten die Schriftgröße 12, manchmal auch 11. Wer nun die Schriftart ändert, nicht aber die Schriftgröße, stellt schnell fest: Unterschiedliche Schriften scheinen trotz der gleichen Schriftgröße unterschiedlich groß zu sein. Das wirft die Frage auf, der wir uns im Folgenden widmen: Wie wird Schriftgröße – auch Schriftgrad genannt – eigentlich definiert? Ist sie denn nicht normiert?

Die Schriftgröße wird in der Maßeinheit »Punkt« (abgekürzt pt) gemessen. Diese wurde eingeführt, um die Größe von Buchstaben und anderen typografischen Elementen zu standardisieren. 1 Punkt entspricht 1/72 Zoll bzw. etwa 0,3528 mm. Somit gibt es natürlich auch bei dieser Maßangabe genau wie bei Meter, Liter oder Kilogramm eine Normierung; 1 Punkt ist also immer gleich hoch, ebenso haben 12 Punkt stets die gleiche Höhe. Aber: Die Angabe der Schriftgröße als 12 Punkt bezieht sich nicht etwa auf die Höhe der Großbuchstaben, wie man annehmen könnte, also nicht auf die Höhe des tatsächlich gedruckten bzw. digital dargestellten Buchstabens; 12 Punkt verweist auf die Höhe des sogenannten Kegels, also des Buchstabens inklusive des Platzes darüber und darunter.

Um das zu verstehen, blicken wir zurück in die Bleisatzzeit: Damals wurden Texte mit beweglichen Lettern gedruckt, das heißt, die Buchstaben standen spiegelverkehrt und erhaben auf Bleiquadern, die zu Wörtern bzw. zu Texten zusammengesetzt wurden. Diese Bleiquader hießen Kegel. Unabhängig davon, welcher Buchstabe auf ihnen platziert war – ob Groß- oder Kleinbuchstabe, mit oder ohne Oberoder Unterlänge, also jene ›längeren‹ Teile in Buchstaben wie h, l oder k bzw. g, j oder q, die nach oben oder unten über den »Buchstabenkörper« hinausragen –, hatten alle Kegel einer Schriftgröße exakt dieselbe Höhe. Dies war nötig, damit beim Setzen der Schrift eine durchgehende Zeile entstehen konnte. Das heißt: Die Schriftgröße entsprach der Größe des Kegels, nicht des Buchstabens, der darauf stand.

Früher war die Schriftgröße durch die Kegelgröße (inkl. Fleisch) definiert, im digitalen Zeitalter auch durch die hp-Vertikalhöhe.

Alternativ wird die Höhe von H ermittelt (von der Grundlinie ❶ bis zur H-Linie) und die Schriftgröße über Tabellen abgelesen (Quellen: https://www.typolexikon. de/ sowie Jürgen Gulbins und Christine Kahrmann, Mut zur Typografie. Ein Kurs für Desktop-Publishing, 2. Aufl., Berlin [u. a.] 2000).

Illustration: Torsten Siever

Auch wenn die Kegel heutzutage virtuell sind, muss man sich noch immer jeden Buchstaben mit ein wenig Platz darüber und darunter vorstellen (ebenso davor und danach, aber das gehört zum Thema Laufweite und Zeichenabstand), und alle Kegel derselben Schriftart und Schriftgröße haben dieselbe Höhe. Kurz gesagt: Die Schriftgröße ist in der Regel die Höhe der Buchstaben einer Schrift von der Oberkante der Oberlänge bis zur Unterkante der Unterlänge und ein wenig »Fleisch« (so der Fachausdruck) darunter und darüber.

Eine Schriftart mit der Schriftgröße 12 hat also für jeden Buchstaben gleichgroße Kegel in der Höhe 12 Punkt. Wie genau der Schriftdesigner einen Buchstaben auf dem Kegel platziert, entscheidet er selbst beim Gestalten der Schrift. Dabei beeinflussen viele Faktoren, ob eine Schrift groß oder klein, filigran oder wuchtig wirkt: Wo ist die Schriftlinie platziert, also die Linie, auf der alle Buchstaben stehen, die keine Unterlänge haben? Wie ist die x-Höhe definiert? Wie lang sind die Ober- und Unterlängen, auch im Verhältnis zur x- Höhe? Die x-Höhe bezeichnet übrigens die Höhe der Kleinbuchstaben ohne Ober- und Unterlängen, also ein a, ein c oder eben ein x. Je größer die x-Höhe einer Schrift, desto größer und wuchtiger wirkt sie, insbesondere weil das Verhältnis zu den Ober- und Unterlängen bei größerer x-Höhe meist umso geringer ausfällt. Umgekehrt: Je größer dieses Verhältnis, je kleiner also die x-Höhe, desto kleiner und filigraner erscheint hingegen eine Schrift.

Welche Schriftgröße nun für einen Text gewählt werden sollte, hängt dabei wiederum von verschiedenen Faktoren ab, vor allem von der Grundfläche des Layouts: Je kleiner der Platz für den Text, desto kleiner sollte die Schrift gewählt werden. Auf einer Visitenkarte sollte also eine deutlich kleinere Schriftgröße gewählt werden (z. B. 9 Punkt) als für einen DIN-A4-Brief (eher 12 Punkt). Auf einem Plakat mit großer Grundfläche kann und sollte auch der Schriftgrad groß sein. Ebenso spielt der Adressatenkreis eine Rolle: Richtet sich ein Text an eher junge oder eher alte Menschen, also Kinder oder Senioren, sollte grundsätzlich ein größerer Schriftgrad gewählt werden. Auch wie ein Text am Bildschirm wirkt, kann sich grundlegend von seiner Wirkung in ausgedruckter Form unterscheiden.

Unser Tipp also: Bevor Sie zum Beispiel 1000 Visitenkarten in Auftrag geben, drucken Sie die Karte vorher einmal am heimischen Drucker aus – so erkennen Sie rechtzeitig, ob der Text unlesbar klein geraten ist oder die Schrift so groß, dass die Visitenkarte wie für Leseanfänger gestaltet wirkt.

Frauke Rüdebusch