Ausgabe: Der Sprachdienst 1-2/2021

Impfen

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Schon vor Corona war es ein sensibles Thema in unserer Gesellschaft: Sollte man sich impfen lassen oder nicht? Mit der Pandemie hat die Diskussion neue Dimensionen erreicht, aber auch die Dringlichkeit ist größer als je zuvor: Immerhin kann eine Herdenimmunität gegen das Virus nur erreicht werden, wenn ein Großteil der Bevölkerung entweder durch überstandene Erkrankung immunisiert ist – oder eben durch eine Impfung.

Die gesellschaftlichen und politischen Aspekte des Themas »Impfen« sollen hier natürlich nicht der genaueren Betrachtung oder gar einer Bewertung unterzogen werden. Wir richten unseren Blick wie immer auf die Sprache und die Wörter, die das Thema begleiten: Im Fokus steht das Wort impfen.

Was meinen Sie: Handelt es sich bei diesem Wort um ein ursprünglich germanisches oder hat es fremde Wurzeln? Kann es überhaupt schon so alt sein, wenn eine Impfung doch eine in der Menschheitsgeschichte recht neue Erfindung ist? Und welche Sprache könnte eine so schöne Konsonantenfolge wie mpf hervorbringen, wenn nicht das Deutsche? Die Antwort mag in verschiedener Hinsicht überraschen: Das Wort kam in der Form impfōn, impitōn schon im Althochdeutschen vor und ist über das lateinische imputare zu uns gelangt. Hierbei handelt es sich um eine Lehnübersetzung des griechischen emphyteúein – und dieses bedeutet so viel wie ›pfropfen; veredeln‹. Durch die römische Kultur hatten schon die Germanen das Veredeln von Obstgehölzen gelernt und mit der Sache auch die Bezeichnung übernommen. So hatte das Wort also über eine lange Zeit gar nichts mit der Bedeutung einer Impfung, wie wir sie heute kennen, zu tun; seine heutige Bedeutung ›einen Impfstoff verabreichen, einspritzen oder in die Haut einritzen‹ erhielt es erst im 18. Jahrhundert, als die Geschichte der Schutzimpfung ihren Anfang nahm.

Ein kurzer Exkurs in die Impfgeschichte, der auch den fachsprachlichen Ausdruck für die Impfung, die Vakzination, engl. vaccination, und die englische Bezeichnung vaccine für den Impfstoff erklärt: Schon 200 v. Chr. hatte man in China entdeckt, dass Menschen, die eine Pockeninfektion einmal überstanden hatten, immun gegen weitere Ansteckungen waren. Damals wurden Körpersekrete und Pockenkrusten von Infizierten mit leichten Krankheitsverläufen einer zu immunisierenden Person über die Nase eingeführt. Dieses Vorgehen wurde im 18. Jahrhundert in Europa »wiederentdeckt«, als man beobachtete, dass Menschen, die die leicht verlaufenden Kuhpocken überstanden hatten, gegen schwerere Pockenerkrankungen immunisiert waren. Der englische Arzt Edward Jenner experimentierte mit den Kuhpocken; seinen daraus entwickelten Impstoff nannte er Vaccine und die Technik der künstlichen Immunisierung Vaccination – zu lateinisch vacca mit der Bedeutung ›Kuh‹, denn dieses Tier und dessen Krankheit lagen schließlich seinen Entdeckungen zugrunde. Im Englischen setzte sich für die Impfung das Wort inoculate durch, ursprünglich ›veredeln; pfropfen‹. Im Deutschen übernahm man zunächst diesen Ausdruck, er trat jedoch in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zugunsten des Verbs impfen, das im Deutschen ja bereits lange Zeit mit derselben Bedeutung existiert hatte, zurück. Es brauchte noch etwa ein Jahrhundert, bis in Deutschland die ersten nationalen Impfprogramme gestartet wurden.

Doch nicht nur in der Medizin geht es ums Impfen; auch in der Landwirtschaft und in der Biologie wird geimpft: So wird der Boden geimpft, indem ihm wichtige Bakterien zugeführt werden, und wenn Mikroorganismen in einen Nährstoff eingebracht werden, um sie zu züchten, nennt man dies ebenfalls impfen. Auch umgangssprachlich, im übertragenen Sinn werden Menschen geimpft, nämlich dann, wenn ihnen etwas eingeschärft wird oder ihnen gesagt wird, was sie zu tun haben (im Sinne von ›indoktrinieren, beeinflussen‹).

Auch wenn das Impfen an sich Diskussionen auslöst, wenn der Einstich vielleicht Schmerzen verursacht, wenn es unter Umständen Nachwirkungen oder sogar Langzeitfolgen geben kann: Das Wort an sich ist harmlos, aber umso beachtenswerter, denn es gibt im Deutschen nur eine kleine Menge weiterer Wörter, die die Konsonantenfolge mpf aufweisen, darunter mampfen, schimpfen, rümpfen, stampfen; dumpf, stumpf, glimpflich; Kampf, Dampf, Rumpf, Pimpf ... Nicht in diese Reihe gehören Wörter mit Präfix wie empfangen, empfinden oder Komposita wie Dompfaff, Raumpflegerin, Baumpflanzung. Und dann gibt es noch eine Handvoll Wörter, die zu gern, aber fälschlicherweise mit [mpf] ausgesprochen werden – nämlich Senf, fünf, Hanf, Genf.

Ein besonders interessantes Wort ist die Impfpflicht. Eine solche besteht in Deutschland derzeit nicht; in der DDR gab es eine umfassende Impfpflicht, in der Bundesrepublik gab es sie zuletzt bis in die 1980er-Jahre gegen die Pocken. Nun wird sie wieder kräftig diskutiert. Wer viel darüber spricht, dem ist vielleicht schon aufgefallen, wie schwerfällig diese Zusammensetzung über die Lippen geht – ganze sechs Konsonanten folgen aufeinander, insgesamt hat das Wort derer neun bei nur zwei Vokalen. Ein Zungenbrecher.

Die Vielfalt der Impf-Wörter ist vielleicht so groß und so geballt wie selten zuvor. Durch die Notfallzulassung gleich mehrerer Impfstoffe finden derzeit weltweit groß angelegte Impfaktionen statt. Wer zu den ersten Impflingen gehört, entscheidet die Impfpriorisierung unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren wie Alter, Risikofaktor, Beruf etc. Selbst wenn sich die Impfgegner nicht impfen lassen werden, besteht die Hoffnung, dass die Impfbereitschaft beim Rest der Bevölkerung ausreichen wird, eine Herdenimmunität zu erlangen. Im Vergleich zu anderen Ländern – in Israel beispielsweise ist die Bevölkerung bereits durchimpft – ist bei uns aktuell [Stand: Februar 2021] ein Impfstoffmangel festzustellen, sodass die deutsche Impfstrategie noch nicht aufgeht. Dennoch sind auch in Deutschland schon seit Ende letzten Jahres die Impfzentren geöffnet und mobile Impftrupps unterwegs in Pflege- und Krankeneinrichtungen, um die impfbereiten Menschen zu immunisieren. Dies dauert seine Zeit, und so können Impfmuffel sich noch ein wenig darüber Gedanken machen, worin ihre Impfangst besteht oder ob es nicht gute Gründe für eine Impfung gibt – wenn nicht für sich selbst, so doch für ihre Mitmenschen.

Die Corona-Impfaktion wird sich noch viele Monate hinziehen. Bis dahin bleibt zu hoffen, dass bis zur Durchimpfung der Bevölkerung keine Impfmüdigkeit eintreten wird. In diesem Sinne und weiterhin: Bleiben Sie wach und gesund!

Frauke Rüdebusch


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