Ausgabe: Der Sprachdienst 1-2/2021

Mediäval- oder Minuskelziffern

Anders als Serifenschriften haben serifenlose nur selten (wie die mittlere) Mediävalziffern. Illustration: Siever

Haben Sie schon einmal von Mediävalziffern gehört? Auch wenn Ihnen das Wort vielleicht nicht bekannt vorkommt, sind sie Ihnen sicher schon begegnet (z. B. in der Muttersprache und diesem Beitrag) oder Sie haben sie sogar selbst verwendet. Im besten Fall – nämlich dann, wenn sie ihren Zweck erfüllen – sind Ihnen diese Ziffern aber gar nicht aufgefallen. Und genau so soll es sein!

Natürlich haben Ziffern immer einen ganz bestimmten Sinn: Sie sollen einen Zahlenwert wiedergeben. Doch anders als Tabellenziffern, sogenannte Versal- oder Majuskelziffern, sollen sich Mediävalziffern dabei möglichst unauffällig in einen Text eingliedern. Aber von vorn:

In der Typografie gibt es zwei Arten von (arabischen) Ziffern: Versalziffern und Mediävalziffern. Hierbei handelt es sich jeweils um die zehn bei uns gebräuchlichen arabischen Ziffern 1 bis 9 und 0, die sich in ihrer Optik in drei wesentlichen Punkten unterscheiden: hinsichtlich ihrer Breite, ihrer Höhe und ihrer Grundlinie. Versalziffern haben jeweils dieselbe Höhe (die sich an der Höhe der Großbuchstaben orientiert) und dieselbe Breite, zudem sie stehen alle auf einer einheitlichen Grundlinie. Dies hat den Vorteil, dass sie sich sehr gut für Berechnungen in Tabellen eignen, denn sie lassen sich problemlos untereinanderschreiben, ohne dass es zu Verschiebungen und somit möglicherweise zu Missverständnissen kommt. Erst seit dem 19.Jahrhundert werden sie auch innerhalb von Texten verwendet. Gerade höhere Zahlenwerte stechen dabei durch ihre Größe optisch hervor: Beim Überfliegen eines Textes lassen sie sich sofort ausmachen.

Mediävalziffern hingegen haben Eigenschaften von Kleinbuchstaben: Sie haben Ober- oder Unterlängen, stehen dadurch nicht alle auf einer Grundlinie und sind weder gleich hoch noch gleich breit. Dadurch »verschwinden« sie in einem Text, sie fallen nicht sofort ins Auge und harmonieren optisch besser mit dem Fließtext: Sie stören den Lesefluss nicht und wirken dadurch oftmals eleganter (s. Abbildung oben).

Mediävalziffern sind deutlich älter als Versalziffern und werden bereits seit dem späten Mittelalter verwendet, als die arabischen Ziffern die römischen ablösten. Daher wohl auch ihr Name: Mittelalter-Ziffern.

Welche der Ziffern Sie verwenden, können Sie natürlich selbst entscheiden, als Faustregel gilt jedoch: In Tabellen besser Versalziffern, im Text besser Mediävalziffern. In vielen Fällen wird Ihnen diese Entscheidung ohnehin abgenommen, denn nicht jede Schrift verfügt über Ziffern im Mediävalstil – so müssen Sie vielleicht mit dem vorliebnehmen, was Sie in der Schrift Ihrer Wahl vorfinden

Frauke Rüdebusch


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