Kann ein c als Dehnungszeichen fungieren?

[F] Kann ein c tatsächlich als Dehnungszeichen fungieren und den vorhergehenden Vokal artikulatorisch in die Länge ziehen? Der Name Gackenholz soll beispielsweise wegen des Dehnungs-c mit langem [a:] gesprochen werden.

[A] Zunächst sollten wir klären, was ein Dehnungszeichen ist – nämlich ein zusätzliches Zeichen, das die Länge des Vokals markiert. Neben der Verdoppelung des Vokals (z. B. Aal) sind h (z. B. hohl) sowie e (z. B. schief) als Dehnungszeichen gebräuchlich.

Das c als Dehnungszeichen zu deuten, weil der vorhergehende Vokal lang gesprochen wird, mag naheliegend erscheinen, erweist sich jedoch als Trugschluss. Denn um diese Funktion zu erfüllen, müsste es die Dehnung eindeutig markieren. Aber bereits frühe mittelniederdeutsche Grammatikbücher verweisen auf die Beliebigkeit des c bzw. ck.

So schreibt Agathe Lasch in ihrer Mittelniederdeutschen Grammatik von 1914 (S. 176, § 336), ck stehe »nach langem, zerdehntem oder kurzem vokal oder nach konsonant«. Das ck ist dabei nicht zwangsläufig als ein geminiertes, also verdoppeltes k zu verstehen. Neben Schreibungen wie kk und gk erwähnt Lasch zwar ck als mögliche Schreibart, weist aber zugleich darauf hin, dass dieses ebenso für ein einfaches k stehen kann (vgl. ebd.). Diese Beliebigkeit doppelter Konsonanten erwähnt auch August Lübben in seiner Mittelniederdeutschen Grammatik von 1882 (S. 5). Einerseits attestiert er, dass »die Doppelung angewandt wird, um Länge und Kürze zu unterscheiden und Wörter auseinanderzuhalten, die sonst zusammenfallen würden«. Andererseits stellt er jedoch fest, dass manche Geminationen keine Verkürzung des Vokals anzeigen, sondern diesen in seiner ursprünglichen Länge belassen (z. B. wicken ›weichen‹, brucken ›brauchen‹). Die Schreibweise ck sei durchaus nicht allgemein üblich, sondern tauche nur bei einzelnen Schreibern auf.

Dem Gestaltungswillen des Schreibers scheinen dabei keine Grenzen gesetzt: »t, f, p, k, später in starkem masse n (gelanngt[,] vnns) , auch l, aber auch alle andern konsonanten können nach vokalen jeder art, kurzen […] und langen, verdoppelt werden. […] ck für k ist an allen stellen des wortes gebräuchlich, auch im anlaut […].« (Lasch 1914: S. 136, § 236) So werden Vokale, deren Länge eindeutig erkennbar ist, mit Doppelkonsonanten versehen, beispielsweise das Wort wiff (›Weib, Frau‹). Lübben (1882: S. 5) betrachtet diese Erscheinung als einen »graphische[n] Luxus oder [eine] graphische Abundanz« (= Fülle). Insbesondere die Texte des 16. Jahrhunderts sind von einer Konsonantenhäufung betroffen. Wörter wie abtth ›Abt‹ oder tidth ›Zeit‹, in denen bis zu vier Konsonanten nebeneinanderstehen, sind die Folge (vgl. Lasch 1914: S. 136, § 236). Während viele der überzähligen Konsonanten im Laufe der Zeit wieder entfernt wurden, blieb das ck in vielen Familien- und Ortsnamen bestehen.

Doch wie wirkt sich nun das c auf die Aussprache von Worten wie Gackenholz oder Mecklenburg-Vorpommern aus? Nicht das c bedingt die lange Aussprache des Vokals, sondern die niederdeutsche Sprache. Hierbei offenbart sich das eigentliche Problem: Niederdeutsche Aussprache und hochdeutsche Schriftsprache stimmen nicht überein. Als Überbleibsel der Konsonantenhäufung verfügt das c über keine Funktion. Vielmehr führt es in die Irre, da es gemäß der hochdeutschen Standardsprache einen verkürzten Vokal andeutet.

Die Folgen dieses Widerspruchs erkannte man bereits im 18. Jahrhundert. Die »Neue Monatsschrift von und für Mecklenburg« (Band 2, S. 359) aus dem Januar 1789 schrieb dazu:

»Daß sich die ältere plattdeutsche Aussprache immer mehr und mehr verliert, kommt daher, daß unsre Bauerkinder hochdeutsch lesen lernen, und hochdeutsch unterrichtet werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich das Plattdeutsche dem Hochdeutschen mit der Zeit noch immer mehr nähern, oder wohl gar am Ende von demselben ganz verdrängt werden. Jugendlicher Unterricht trägt hiezu sehr viel bei. Sogar das Fehlerhafte der Aussprache eines Jugendlehrers theilt sich der Jugend gar zu leicht mit.«

Während zahlreiche Ortsnamen angepasst wurden (beispielsweise Wandsbeck zu Wandsbek, wobei die Aussprache als langes [e:] damit nach wie vor nicht eindeutig ist), blieb das c in Mecklenburg bestehen. Wie es schon die Verfasser der »Mecklenburgischen Monatsschrift« vorhergesehen haben, weicht der ursprünglich lange Vokal vor ck allmählich einem kurzen, was sich heutzutage auch im Aussprachewörterbuch des Dudens (2015: S. 590) widerspiegelt:

»Für das betonte in Mecklenburg ist in der Region bzw. allgemein in Norddeutschland aus historischen Gründen eine Aussprache mit langem [e:] üblich [ˈmeːklənbʊrk] (häufig auch [-bʊrç]). In anderen Regionen des deutschen Sprachraums wird der Name aufgrund des in der Schreibung folgenden , das regulär vorhergehenden Kurzvokal anzeigt, häufig mit [ɛ] als [ˈmɛklənbʊrk] ausgesprochen.«

Friedrich Lisch, ein bedeutender Historiker des 19. Jahrhunderts und Altertumsforscher, plädierte für die Tilgung des verfälschenden Buchstabens. Sein Vorschlag fand Zustimmung, u. a. von Ernst Boll sowie den Brüdern Grimm. Allerdings scheiterte das Vorhaben 1856 an dem Philologen Friedrich Carl Wex, der erfolgreich gegen Lisch argumentierte und das c als Dehnungszeichen deutete (vgl. dazu Dettmann 2018).1

Wie eingangs im Text dargestellt, lag er damit jedoch falsch. Ein Dehnungs-c existiert in der deutschen Sprache nicht, vielmehr stellt es den Überrest der Konsonantenhäufung dar. Der lange Vokal ist daher auch nicht auf ein Dehnungszeichen zurückzuführen, sondern beruht auf der niederdeutschen Aussprache, die durch die hochdeutsche Schreibweise nicht vermittelt wird.


1 Dettmann, Lutz (2018): Kurz oder lang, das ist die Frage. Wie Archivrat Lisch erfolglos gegen die Tilgung des »c« in Mecklenburg kämpfte und warum die Aussprache den Fremden verrät. In: SVZ.de vom 16.03.2018; Online abrufbar unter: https://www.svz. de/regionales/mecklenburg-vorpommern/ mecklenburg-magazin/kurz-oder-lang-das-ist-die-frage-id19370386.html (letzter Abruf: 09.08.2018).