Ausgabe: Der Sprachdienst 4–5/2023

Kommunikative Inzucht

Jugendliche hinter, nicht in einer Blase Foto: Cheryl Holt (Pixabay)

Na, wer kann aus dem Stegreif sagen, worum es bei diesem »Zeit-Wort« gehen wird? Verraten sei so viel: Bekannter ist dieses Phänomen unter einem englischen sowie einem vielleicht etwas langweiligeren deutschen Ausdruck … Eine kleine Hilfestellung: Ist Inzucht die Reproduktion menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Genoms durch die Kombination mit Genen derselben Art, derselben Familie, ohne neue, frische Gene von außen hineinzubringen, so handelt es sich bei kommunikativer Inzucht um – ja, genau: die Reproduktion gleichgearteter kommunikativer Elemente und Informationen, ohne dass neue, anders gelagerte Informationen »frischen Wind« in den Gedankenaustausch bringen könnten. Besser bekannt ist dies wohl unter dem Anglizismus Bubble oder – und darum soll es im Folgenden gehen – deutsch Filterblase.

Entstehung, Entwicklung, Bedeutung

Das Wort Filterblase hatte seinen ersten Auftritt vor gar nicht allzu langer Zeit, etwa um das Jahr 2010. Es ist auch deshalb so neu, weil es in engem Zusammenhang mit technischem Fortschritt steht: mit sozialen Medien, viel mehr aber noch mit dem so viel beschworenen Algorithmus1. Eine Filterblase ist, so das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de), die »durch Algorithmen gesteuerte Darstellung nur solcher Informationen, die den (angenommenen) Ansichten, Meinungen oder Interessen des jeweiligen Adressaten entsprechen«. Das heißt: Durch unser Verhalten im Internet, durch die Inhalte, die wir googeln, die wir uns in den sozialen Medien ansehen, worauf wir reagieren und was wir selbst kommunizieren, erschaffen wir uns unsere eigene Filterblase: Darin kommen nur noch die Inhalte an, die durch den Algorithmus unseren (angenommenen) Vorlieben entsprechend gefiltert werden. Interessiert sich etwa jemand für Fußball, postet vielleicht selbst Inhalte zum Thema oder reagiert auf derartige Posts anderer, bekommt er in den sozialen Medien in Zukunft übermäßig viel Fußballinhalte und Beiträge von Menschen ausgespielt, die sich ebenfalls mit Fußball beschäftigen. Wer des Öfteren nach Kosmetik googelt, erhält auf einmal auf fällig viel Werbung für derartige Produkte – und dadurch, dass er darauf wieder reagiert, wird der Algorithmus bestätigt und reproduziert im Folgenden ähnlich gelagert Inhalte, z. B. zu Schmuck. Und auch unser Standort hat Einfluss auf die uns erreichenden Informationen: Wer in Frankfurt verortet wird, bekommt vornehmlich Nachrichten und Werbung zu Themen, die Frankfurt betreffen – wen interessiert dort schon Berlin? Kurz gesagt: Der Algorithmus weiß über unsere Vorlieben und unsere Aufenthaltsorte Bescheid und filtert von vornherein das, was in unser »Beuteschema« passt und unser direktes Umfeld betrifft. Inhaltlich und räumlich anders gelagerte Informationen werden dabei unterdrückt.

Dies kann natürlich nützlich sein: Wenn sich jemand beispielsweise ein neues Fahrrad kaufen möchte, ist es ungeheuer praktisch, viele Angebote angezeigt zu bekommen, die dann verglichen werden können – ganz zu schweigen von all dem Zubehör, von dem man vorher vielleicht noch gar nicht wusste, dass man es braucht. Vor allem aber ist es auch sehr gefährlich: nämlich dann, wenn man sich dadurch in einem Umfeld bewegt, durch das eigene »Meinungen bestärkt und Ideologien verfestigt werden, weil man letztlich vor allem das zu hören oder lesen bekommt, was man selbst bereits gut und richtig findet«, so eine Pressemitteilung der GfdS zum Wort des Jahres 2017.2 Konkret: Wer zum Beispiel rechte Inhalte konsumiert und darauf reagiert, bekommt zukünftig noch mehr (oder gar: nur noch) rechte Inhalte und Nachrichten angezeigt – das eigene Weltbild wird bestätigt.

Auf der Wortebene

Im Jahr 2017 wurde allerdings nicht das Wort Filterblase in die Liste der Wörter des Jahres gewählt, sondern Echokammer, was letztlich dasselbe bezeichnet: einen (digitalen) Raum, in dem vor allem das widerhallt, was man selbst dort hineinbringt. Dies ist gemeint mit kommunikativer Inzucht. Ein harmloses Wort dafür mag Personalisierung sein, ein deutlicheres, jedoch wohl ebenso wahres ist Zensur – Zensur durch den Algorithmus, durch den uns nur noch gefilterte, insofern zensierte Informationen angezeigt werden. Schauen wir uns die Filterblase einmal auf der Wortebene an. Beim Hauptwort des Kompositums, Blase, handelt es sich in erster Linie um einen mit Luft, Gas oder Flüssigkeit gefüllten Hohlraum innerhalb eines festen oder flüssigen Stoffes. Dies trifft auf Seifenblasen ebenso zu wie auf Blasen auf der Haut. So trifft man in der Medizin weitere Blasen in Form von Harnblasen, Fruchtblasen oder Gallenblasen an. In der Wirtschaft wird etwas als Blase bezeichnet, wenn die Marktsituation dazu führt, dass bestimmte Produkte aufgrund erhöhter Nachfrage zu stark überhöhten Preisen gehandelt werden (z. B. eine Immobilienblase). Und auch eine Gruppe von Personen kann (abwertend) als Blase bezeichnet werden. Bei einer Filterblase handelt es sich im übertragenen Sinn um Ersteres: einen Hohlraum, in dem wir uns befinden und der alles, was uns inhaltlich fernliegt, im Außen hält; nichts dringt von dort an uns heran. Und auch eine Bubble ist im wörtlichen Sinn nichts anderes als eine Blase.

Näher bestimmt wird dieses Wort durch das Erstglied Filter (das als Wort übrigens auf Filz zurückgeht, ein aus Schafwolle und anderen Tierhaaren hergestelltes dichtes Material): Dies ist einerseits ein Gerät oder ein Material, mit dem Stoffe unterschiedlicher Konsistenz oder verschiedenen Aggregatzustands voneinander getrennt werden, so etwa Kaffeesatz und Wasser. In der Fotografie sorgt ein Filter dafür, dass »bestimmte unerwünschte Anteile aus Lichtstrahlen ausgefiltert« werden. Genau dies passiert auch bei der Filterblase: Jene Informationen, die nicht dem entsprechen, wonach wir von uns aus, aus unseren eigenen Interessen heraus suchen würden, werden ausgefiltert, uns gar nicht erst angezeigt.

Kein Entkommen

Was können wir nun tun, damit wir nicht derart gegängelt werden? Ehrlich gesagt: Hier fehlen mir die Ideen. Denn selbst bei einem Umstieg von der Technik auf die »guten alten« analogen Medien – um den Algorithmus gar nicht erst mit Suchbegriffen und somit unseren vermeintlichen Interessen zu füttern – stehen wir vor der Wahl, ob wir den linksliberalen Radiosender hören, die konservative Tageszeitung lesen oder die wirtschaftsorientierte Fachzeitschrift: Ein wirklich neutrales, die unterschiedlichsten Meinungen und Meinungsschattierungen abbildendes Medium werden wir wohl nicht finden. Und plötzlich erscheint die vollkommene Informationsabstinenz gar nicht mehr so unattraktiv …

1 https://gfds.de/algorithmus/

2 https://gfds.de/wort-des-jahres-2017/

Frauke Rüdebusch