Integration von Kurzformen in Zusammensetzungen: UW in Ultraweitwinkel-Technologie

[F] Ich möchte die Kurzform UW für Ultraweitwinkel in die Zusammensetzung Ultraweitwinkel-Technologie einfügen. Die Schreibweise Ultraweitwinkel (UW)-Technologie scheint mir nicht ganz stimmig. Welche Schreibweise ist hier richtig?
[A] Die Integration von Kurzformen in Zusammensetzungen (sogenannte Komposita) ist in der Tat eine heikle Sache. Schauen wir uns einmal an, welche Möglichkeiten uns eventuell zur Verfügung stehen.
Zunächst zum Normalfall: Wenn man in einem Text eine Kurzform einführen will, ergänzt man diese normalerweise in runden Klammern nach dem ausgeschriebenen Wort – oder aber mithilfe einer Fußnote. Die Klammerlösung gilt grundsätzlich für erklärende Zusätze zu einzelnen Wörtern eines Textes; man schreibt also z. B. Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB). Für Ihren Fall lauten mögliche rechtschreibkonforme Formen:
• Ultraweitwinkel-Technologie (UW-Technologie)
• Ultraweitwinkel-Technologie (Ultraweitwinkel = UW)
• UW-Technologie (UW = Ultraweitwinkel)
Durch den erklärenden Klammerzusatz wird allerdings ein Wortbestandteil (hier Technologie, Ultraweitwinkel oder UW) zweimal aufgegriffen, was aus textökonomischen Gründen ungünstig ist. Dabei kann die Integration von Abkürzungen und Kurzwörtern in Komposita durchaus angezeigt sein, so meist in komplexeren Textsorten, etwa Rechts- oder wissenschaftlichen Texten. Nach unserer Recherche gibt es hierzu allerdings keine explizite Regel. Im Folgenden möchten wir daher einige Schreibweisen diskutieren:
1. Runde Klammern nach Leerzeichen – ohne und mit Anführungszeichen: (a) *[1]Ultraweitwinkel (UW)-Technologie, (b) *»Ultraweitwinkel (UW)«-Technologie
Wie oben gezeigt, ist der Gebrauch von runden Klammern bei erklärenden Zusätzen üblich. Diese Vorgehensweise könnte man evtl. auf Ihr Anliegen übertragen, indem man den Klammerzusatz in das Wort integriert: (a) *Ultraweitwinkel (UW)-Technologie. Zweifeln lässt Sie – und auch uns – hier die Tatsache, dass die Zusammensetzung dann mit einem Leerzeichen gegliedert wird, wo das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung lediglich den Bindestrich erlaubt. Bei der von Ihnen genannten Schreibweise liegt somit ein Normverstoß vor, weshalb diese Variante nicht infrage kommt. Es gibt allerdings Konstruktionen, wo der Bindestrich in Zusammensetzungen auch weggelassen werden kann; und zwar dürfen sogenannte »erwähnte Ausdrücke« als Teil von Zusammensetzungen in Anführungszeichen stehen, ein Beispiel wäre »80 Jahre GfdS«- Feier. Im Amtlichen Regelwerk heißt es: »Als erwähnt werden Ausdrücke bezeichnet, die nicht für kommunikative Zwecke verwendet werden, sondern selbst zum Gegenstand einer Aussage gemacht werden. Erwähnte Ausdrücke sind formal autonom und in sich abgeschlossen.« Die Variante (b) *»Ultraweitwinkel (UW)«-Technologie erscheint uns zwar gut lesbar, doch kann das Angeführte, Ultraweitwinkel (UW), nicht als erwähnter Ausdruck eingeordnet werden, denn der erklärende Klammerzusatz zeigt in der Regel Meta-Informationen an. Diese sind nicht Bestandteil des erwähnten Ausdrucks und heben damit dessen Autonomie auf. Insofern scheidet auch diese Variante aus.
2. Runde Klammern und Bindestrich(e): (a) ?[2]Ultraweitwinkel-(UW-)Technologie, (b) ?Ultraweitwinkel(UW)-Technologie
Prüfen wir nun, ob Klammerzusätze in Verbindung mit Bindestrich(en) infrage kommen. Bei Variante (a) Ultraweitwinkel-(UW-)Technologie wird der Bindestrich zwischen Ultraweitwinkel und Technologie im integrierten Klammerzusatz (UW-) wieder aufgegriffen, es wird also mit zwei Bindestrichen gearbeitet. Im Zweifelsfälle-Duden kommt diese Vorgehensweise zwar an zwei Stellen vor, allerdings hat die Dudenredaktion auf unsere Nachfrage hin eingeräumt, dass sie diese nicht für richtig hält und Korrekturen vornehmen will. Bei Variante (b) Ultraweitwinkel(UW)-Technologie folgt der Klammerzusatz ohne Leerzeichen auf Ultraweitwinkel – er wird sozusagen in die Bindestrichform Ultraweitwinkel-Technologie hineingeschoben. Der Bindestrich steht also zwischen dem Klammerzusatz und Technologie. Auch hier führt der Zweifelsfälle-Duden ein analoges Beispiel auf, man vergleiche die Zusammensetzung Polyethylen(PE)-Wert. Tatsächlich scheint dies die etablierte Vorgehensweise zu sein,[3] obgleich die Rechtschreibung eher fraglich ist.
3. Eckige Klammern: (a) ?Ultraweitwinkel-[UW-]Technologie, (b) ?Ultraweitwinkel[UW]-Technologie
Im Duden-Handbuch zur Zeichensetzung heißt es: »In Wörterbüchern und anderen Nachschlagewerken werden für die Einschließung von erklärenden Zusätzen u. Ä. gelegentlich auch eckige Klammern […] verwendet.« In dieser Hinsicht wären – analog zu den im letzten Absatz diskutierten Varianten mit runden Klammern – entsprechende Formen mit eckigen Klammern in die Analyse miteinzubeziehen. Allerdings scheidet, wie ihr Pendant mit runden Klammern, die Variante (a) Ultraweitwinkel- [UW-]Technologie, aus dem oben genannten Grund eher aus. Was die Variante (b) Ultraweitwinkel[UW]-Technologie angeht, wäre aufgrund der Sonderstellung eckiger Klammern zu überlegen, ob diese der analogen Form mit runden Klammern vorgezogen werden sollte.
4. Schrägstriche: (a) ?Ultraweitwinkel-/UW-Technologie, (b) ?Ultraweitwinkel/UW-Technologie
Zuletzt wollen wir noch mögliche Konstruktionen mit Schrägstrich betrachten. Die Überlegung: Der Schrägstrich kann anzeigen, dass bestimmte Wörter zusammengehören; ferner kann er mehrere gleichberechtigte Möglichkeiten zusammenfassen, z. B. An Herrn/Frau/Firma, Erwachsene und/oder Jugendliche, Alleinverdienerehen/-familien, Sturm-/Hagelgefahr, September/ Oktober-Heft. Insofern wären beide aufgeführten Varianten, einmal mit und einmal ohne Bindestrich nach Ultraweitwinkel, denkbar: (a) Ultraweitwinkel-/UW-Technologie und (b) Ultraweitwinkel/UW-Technologie. Allerdings haben wir auch hier leichte Bedenken: In beiden Fällen wird von der üblichen Weise, Kurzformen einzuführen, nämlich mit Klammern, abgewichen.
Alles in allem bleibt festzuhalten: Die eleganteste und regelkonforme Lösung ist das Einfügen der Kurzform per nachgestelltem Klammerzusatz. Dies gelingt u. E. am besten durch Erläuterung der Form, die im weiteren Textverlauf verwendet werden soll, hier also UW-Technologie (UW = Ultraweitwinkel). Sollte diese Vorgehensweise aus Platz- oder anderen Gründen nicht funktionieren, wäre es am naheliegendsten, auf die ansatzweise etablierte Form zurückzugreifen, hier Ultraweitwinkel(UW)-Technologie oder – möglichweise etwas funktionaler – Ultraweitwinkel[UW]-Technologie.
Quellen:
Duden – Komma, Punkt und alle anderen Satzzeichen. Das Handbuch zur Zeichensetzung, 4. Aufl., Berlin 2024.
Duden – Die deutsche Rechtschreibung, 29. Aufl., Berlin 2024.
Duden – Sprachliche Zweifelsfälle, 9. Aufl., Berlin 2021.Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung, herausgegeben von der Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung, Mannheim 2024.
[1] In der Sprachwissenschaft ist es üblich, ungrammatische Formen mit einem Sternchen zu kennzeichnen. So greifen auch wir hier darauf zurück.
[2] In der Sprachwissenschaft ist es üblich, grammatisch fragliche Formen mit einem Fragezeichen zu kennzeichnen.
[3] Siehe hierzu im Duden-Newsletter vom 06.07.2026 den Abschnitt »Abkürzungen innerhalb von Zusammensetz ungen«, wo dieses Verfahren als einzige Möglichkeit und beispielhaft Photovoltaik(PV)-Anlage genannt wird.