Tot und lebendig? Können Wörter sterben?

Buchinfo
Hans Jürgen Heringer
Tot und lebendig? Können Wörter sterben?
kartoniert, 128 Seiten
ISBN 978-3-8260-9563-4
eISBN 978-3-8260-9564-1
Königshausen & Neumann
Knastern Sie noch? Und wohnen Sie im Zentrum oder im Weichbild? – Wortgeschichte in Wortgeschichten, in kleinen Essays. Spritzig formuliert und illustriert. Auch schon mal zum Schmunzeln. In gängiger Metaphorik können Sie da finden: still von uns gegangene, halbtote, gekillte, revitalisierte und wieder auferstandene Wörter. Beiläufig natürlich auch Wissen über Sprache und Sprachentwicklung. Vor allem aber: den Reichtum der Sprache. Keine Leichenschau! Pralles Leben! Wo Rauchwaren nicht nur Zigarrenduft verströmen.
Am Rande eines Vortrags über die Arbeit der Dudenredaktion am 20. Juni 2000 beim GfdS-Zweig Wiesbaden vertrat dessen damaliger Zweigvorsitzender Dr. Uwe Förster (†) die provokante These, Wörterbücher seien nichts als »Wörterfriedhöfe«. In dem von Reinhard Appel (†) im selben Jahr herausgegebenen Sammelband Einheit, die ich meine – 1990–2000 nennt er sie »Grabkammern«. Beides wohl in Anlehnung an, aber auch im Gegensatz zu Pablo Nerudas »Ode an das Wörterbuch«.
Die Vorstellung von Wörterfriedhöfen und Grabkammern, auf und in denen Wörter ein für alle Mal verschwinden, hat etwas Deprimierendes. Wer oder was erst einmal auf einem Friedhof oder in einer Grabkammer gelandet ist, kommt von da nicht mehr so schnell wieder weg. Aber: Können Wörter wirklich sterben? Nein. »Natürlich können Wörter nicht sterben«, hält Hans Jürgen Heringer, emeritierter Sprachwissenschaftler, Sprachkritiker und Sprachphilosoph, in seiner jüngsten Publikation kategorisch dagegen, »und tot sind sie auch nicht« (5).
Wie immer bei Heringer ist auch die Lektüre von Tot und lebendig? Können Wörter sterben? weniger harmlos, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Das beginnt schon damit, dass der Titel aus zwei Fragen besteht, Fragen, die sich die Lesenden erst einmal selbst beantworten müssen – oder: sollen. Dabei fällt bei genauem Hinsehen das Wörtchen und ins Gewicht. Heringer schreibt »tot und lebendig«, nicht oder, wie es auf Steckbriefen aus längst vergangenen Tagen geheißen haben mag. Aber was ist das für ein eigenartiges Nebeneinander? Was tot ist, ist tot. Was lebendig ist, ist lebendig. Beides zugleich gibt’s nicht. Oder doch? Im Buch geht es nicht um biologische Organismen, sondern um Wörter. Und für diese, das will Heringer unter anderem aufzeigen, gelten andere Regeln als für Gänseblümchen und Insekten. Ganz simpel ist die Lektüre auch deshalb nicht, weil der Autor sein Publikum immer wieder in seine Gedankengänge einbezieht, indem er einmal in der Wir- Form schreibt, dann die direkte Ansprache Sie wählt oder gar ostentativ zum Weiterdenken auffordert. »Wie es weitergeht, überlasse ich Ihnen« (33), heißt es dann etwa. Heringer lässt sich nicht einfach nur lesen. Heringer will »mitgelesen« sein.
Im Vorwort seines 128 Seiten umfassenden Büchleins verrät der Autor seinen Leserinnen und Lesern leider nicht, nach welchen Kriterien er die von ihm in kurzen erzählenden Texten behandelten 78 Wörter von ruchbar bis kriegsbereit (nicht: kriegstüchtig) ausgewählt hat. Dass diese in zwölf Gruppen von »Halb tote?« über »Killertrupps am Werk« bis hin zu »Wieder auferstanden?« eingeteilt sind, zeigt sich ebenfalls erst beim Lesen. Manche Überschriften mit Fragezeichen, mehrheitlich aber ohne: Heringer bleibt nicht leicht zu fassen.
Bei der Zuordnung einzelner Wörter zu den skizzierten Gruppen sieht man sich mit dem altbekannten lexikografischen Problem konfrontiert, dass jedes Individuum über einen ganz eigenen aktiven und passiven Wortschatz verfügt, was jede Auswahl durch den Autor willkürlich erscheinen lässt. Man fragt sich dann, warum scharmieren (Nie gehört!) zu den »Leicht lädiert(en Wörtern)« zählen soll oder Bärendreck (Hmmm! Lecker!) zu den »böse(n Wörtern)«, die »tot[]geschwiegen werden« (101). An jeder Auswahl lässt sich herumkritteln. Bei der Lektüre erschließt sich dann meist aber doch ihre Berechtigung.
Apropos Lektüre: Zu den von ihm ausgewählten Wörtern erzählt Heringer Wortgeschichten, klärt über vergangenen und ggf. aktuellen Wortgebrauch auf, zitiert Belege, evoziert Erinnerungen und Aha-Erlebnisse und vieles mehr, ganz nach dem klassischen Prinzip docere et delectare. Vor allem aber will er auch aufräumen mit falschen Annahmen über das, was Sprache im Weiteren und deren Wortschatz im Engeren ausmacht. Deshalb verwirft er gleich im Vorwort drei Mythen über die Sprache, auf denen »die Rede vom Tod von Wörtern ruht« (6). Schreibt Rede und meint Gerede? Ein Schuft, der Schlechtes dabei denkt. Diese drei Mythen sind der Mythos, dass Sprache ein Organismus sei, dessen Erhalt durch fürsorgliche Pflege erreicht werden könne, der Mythos, dass Sprachen von Krankheiten befallen werden können, z. B. durch gefährliche Viren wie Fremdwörter, und der Mythos, dass Sprachen dem Verfall preisgegeben seien. Diese drei Mythen sind weit verbreitet und eng miteinander verschlungen. Totzukriegen sind sie offenbar nicht. Erfrischend Heringers Fazit zum Mythos vom Sprachverfall: Solange man nicht weiß, »wann etwas in einer Sprache ist oder nicht mehr, wenn sie verfällt, […] ist mit der Sprache nichts passiert« (8). Diese Feststellung macht nicht nur Hoffnung. Sie öffnet auch das Tor zu einer anregenden Beschäftigung mit Wörtern, die vielleicht tot und doch lebendig sind.
Matthias Wermke