Muttersprache 3/2019

Tania Baumann
Zur sprachlichen Identitätskonstitution in Spielfilmen

Der Beitrag geht von der Auffassung aus, dass Sprache häufig ein wichtiges konstitutives Element kollektiver und individueller Identität darstellt und damit einerseits zum Aufbau der Gruppenidentität beiträgt, andererseits die Abgrenzung der Gruppe gegenüber anderssprachigen Gruppen ermöglicht. Aus der Außenperspektive wird der Sprecher einer bestimmten Sprache häufig als Träger einer bestimmten nationalen Identität klassifiziert, wobei stereotype Vorstellungen bezüglich positiver oder negativer Eigenschaften aktiviert werden können. Dies zeigt sich besonders deutlich am deutsch-italienischen Gruppenvergleich, der sowohl aus der Fremd- wie der Selbstperspektive deutliche Polarisierungen aufweist, die fest im Allgemeinwissen der jeweiligen Gruppe verankert sind. Ein direkter Kontakt mit der jeweils anderen Gruppe kann insbesondere bei mangelnder Sprachkompetenz zu Erfahrungen von Fremdsein und Verunsicherung führen, wie die im Beitrag analysierte Komödie »Maria, ihm schmeckt’s nicht!« (2009) von Neele Leana Vollmar zeigt. Im Rahmen der handlungstheoretisch fundierten Konversationsanalyse werden insbesondere die von den beiden Protagonisten Jan und Antonio eingesetzten Strategien zur sprachlichen Identitätskonstitution untersucht, wobei sich das Hauptaugenmerk auf den Gebrauch von Stereotypen richtet, die sowohl aus der Selbst- wie aus der Fremdperspektive in unterschiedlichen Funktionen – etwa in argumentativen oder erklärenden Verfahren – eingesetzt werden können.

This paper is based on the premise that language is frequently a fundamental element of collective and individual identities, thus contributing to the construction of group identity, and also allowing the group to be differentiated from other groups that speak a different language. From an external perspective, the speaker of a particular language is often classified as the bearer of a specific national identity, whereby stereotypical notions of positive or negative characteristics can be activated. This is particularly evident in the comparison between German and Italian groups, which shows polarizations both from an external and an internal perspective, that are firmly anchored in the common knowledge of each community. Direct contact with the other group, especially in the case of insufficient language skills, may lead to experiences of uncertainty and even alienation, such as those shown in the German-Italian comedy »Maria, ihm schmeckt’s nicht!« (2009) by Neele Leana Vollmar. This paper aims to illustrate the strategies of linguistic constitution of identity adopted by the two main characters, Jan and Antonio, from a conversation analysis approach, focusing on the use of stereotypes which can be used for very different functions, such as explaining or argumentative procedures.

Jing Guo
Wettbewerbs-Metaphern im Exzellenzinitiative-Diskurs

Wettbewerb ist ein Begriff, der ursprünglich aus dem Wirtschaftsbereich kommt; er wird oft als Steuerungsprinzip verstanden. Seit Anfang der 1980er-Jahre erscheint Wettbewerb als Schlüsselbegriff in den deutschen hochschulpolitischen Diskussionen. Die seit 2005 durchgeführte Exzellenzinitiative gilt als Institutionalisierung des Wettbewerbs und stärkt beispiellos den Wettbewerb zwischen den deutschen Universitäten. Im Beitrag wird der Exzellenzinitiative-Diskurs in deutschen Medien auf metaphorischer Ebene qualitativ analysiert. Als Ergebnis lässt sich zeigen, dass die Orientierungs-Metaphorik, Sport-Metaphorik, Leuchtturm-Metaphorik, Wirtschafts-Metaphorik sowie die Wasser-Metaphorik in Bezug auf Geld eine wichtige Rolle bei der Wettbewerbsförderung bzw. -verhinderung im Diskurs spielen und den Paradigmenwechsel im deutschen Hochschulsystem signalisieren.

Competition is a term that comes originally from economics; it is often understood as a steering principle. Since the early 1980s, competition has emerged as a key term in the discussions about the German higher education policy. The Excellence Initiative, which was launched in 2005, has been seen as the institutionalization of competition and unprecedentedly strengthens the competition between German universities. In this article, the discourse in German media about the Excellence Initiative is qualitatively analyzed on a metaphorical level. As a result, it shows that the orientation metaphor, sport metaphor, lighthouse metaphor, economics metaphor as well as the water metaphor in relation to money have played an important role in competition promoting and preventing in the discourse, which signals the paradigm shift in the German higher education system.

Věra Höppnerová
Phraseologismen im Wirtschaftsbereich im deutsch-tschechischen Vergleich

Beim Vergleich phraseologischer Systeme wurde bisher von einer engen Auffassung der Phraseologie ausgegangen. Verglichen wurden dabei fast ausschließlich Phraseologismen der Literatur- bzw. Allgemeinsprache. Der vorliegende Beitrag basiert auf einer weiten Auffassung der Phraseologie und vergleicht die Phraseologismen des Wirtschaftsdeutschen und Wirtschaftstschechischen. Die meisten Phraseologismenpaare sind vollständig oder teilweise äquivalent, relativ selten kommen Fälle rein semantischer bzw. von Nulläquivalenz vor.

The comparison of phraseological systems has been based on the narrow concept of phraseology. Idioms in literature or general language have been exclusively compared. This article is based almost on the broad concept of phraseology of German and Czech business language. Most pairs of phraseological units are totally or partly equivalent, cases of semantic or zero equivalence are relatively rare.

Nimet Tan
Mehmet lernt Deutsch – eine sprachlernbiografische Fallanalyse. Ein Gespräch über Deutschland, Integration und (Erst-)Sprache

In dem Aufsatz wird das Verhältnis von Migration, Biografie und Integrationskursen untersucht. Um einen Einblick in eine gesamte Deutschlernbiografie nach der Teilnahmepflicht in verschiedenen Integrationskursen zu erhalten, wurde ein ehemaliger Kursteilnehmer mittels Leitfaden interviewt. An diesem Fallbeispiel werden neben den Lernerfahrungen auch das Wechselspiel zwischen gesteuertem und ungesteuertem Spracherwerb sowie durch den Migrationsprozess entstandene Veränderungen in der Gesamtbiografie aufgezeigt. Dabei wird auf den Integrationsprozess und dessen Einfluss auf die Einstellungen gegenüber den mitgebrachten Kompetenzen eingegangen.

In this article the relation of migration, biography and integration courses is being examined. To gain insight into a »GFL-Learning Biography« after mandatory participation in different integration courses, a former course participant was interviewed using a guideline. In this case study, it will be indicated in how far the migration process had impact on the biography | resulted in a changed/changing biography. Furthermore the learning experiences will be addressed as well as the interplay between formal and informal language acquisition influence.

Doris Sava
Zur Darstellung der Phraseologismen in der Neuauflage (2016) des Variantenwörterbuchs des Deutschen

Vorliegender Beitrag ist der lexikografischen Erfassung und Darstellung von Phraseologismen in einem Spezialwörterbuch gewidmet, das im Unterschied zu einem phraseologischen Wörterbuch nicht auf die Kodifizierung des phraseologischen Bestandes spezialisiert ist. Eine adäquate, zuverlässige und benutzerfreundliche Erfassung der Phraseologismen ist eine schwere Aufgabe, der die meisten allgemeinsprachlichen Wörterbücher nur bedingt gerecht werden. Die Auseinandersetzung mit der lexikografischen Darbietung von Phraseologismen in Wörterbüchern macht daher auf Defizite aufmerksam, die in der Spezifik phraseologischer Erscheinungen begründet sind. Da sich das Nachschlagewerk vornimmt, das gesamte gegenwärtige Varietätenspektrum am Rande und weit außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebiets lexikografisch zu dokumentieren, gilt es zu fragen, wie die lexikografische Bearbeitungspraxis ausgewählter Phraseologismen in der völlig neu bearbeiteten, erweiterten und aktualisierten zweiten Auflage des Variantenwörterbuchs des Deutschen (2016) zu werten ist und inwieweit der aktuelle Stand der lexikografischen Entwicklung und der linguistischen Forschung darin berücksichtigt wurde.

The article focuses on the lexicographic registration and presentation of phraseological units in a special dictionary, which, unlike phraseological dictionaries, is known not to be specialized in the codification of the phraseological stock. An adequate, reliable and user-friendly (collection and) recording of phraseological units is a difficult task, that is only fulfilled by few dictionaries. The examinations of the lexicographical rendering of phraseological units in dictionaries, therefore, unveils deficiencies that originate in the specificity of phraseological phenomena. Since the reference book intends to lexicographically document the entire current spectrum of language variants spoken at the margins of and far beyond the German language area proper, it is only fair to ask how the fully revised, extended and updated second edition of the Variantenwörterbuch des Deutschen (German Dictionary of Regional Language Variants; 2016) handles the selected phraseological units and to what extent the current status of lexicographical development and linguistic research has been taken into account.

Rezensionen

Jun He:
Gabriele Ball/Klaus Conermann/Andreas Herz/Helwig Schmidt-Glintzer: Fruchtbringende Gesellschaft (1617–1680). Hundert Jahre nach der Reformation

Sandra Issel-Dombert:
Markus Hundt/Dorota Biadala (Hgg.): Handbuch Sprache in der Wirtschaft

Volker Kohlheim:
Rolf Bergmann/Stefanie Stricker (Hgg.): Namen und Wörter. Theoretische Grenzen – Übergänge im Sprachwandel

Rosa Kohlheim:
Rita Heuser/Mirjam Schmuck (Hgg.): Sonstige Namenarten. Stiefkinder der Onomastik

Michael Hofer-Robinson:
Nadja Thoma: Sprachbiographien in der Migrationsgesellschaft. Eine rekonstruktive Studie zu Bildungsverläufen von Germanistikstudent*innen

Eberhard Ockel:
Gerhard Augst: Der Bildungswortschatz. Darstellung und Wörterverzeichnis