Muttersprache 4/2019

Jörg Hagemann und Katharina Kellermann
Da, weil, denn, nämlich, deshalb, folglich, weshalb und weswegen. Eine Analyse ihrer Vorkommenshäufigkeiten in unterschiedlichen Korpora

Im Deutschen kommen kausale Konnektoren wie z. B. da, weil, denn, nämlich, deshalb, folglich, weshalb und weswegen unter unterschiedlichen Kommunikationsbedingungen verschieden häufig vor – das jedenfalls wird häufig angenommen oder unterstellt. Im vorliegenden Beitrag wird anhand kontrastiver Korpusanalysen empirisch belegt, ob und welche Vorkommenshäufigkeiten für das medial Mündliche und Schriftliche und/oder das konzeptionell Mündliche und Schriftliche nachweisbar sind. Auch werden Überlegungen angestellt, ob und aufgrund welcher Merkmale der genannten acht kausalen Konnektoren bestimmte Verwendungspräferenzen auszumachen sind. Ausgehend von den gewonnenen Ergebnissen werden im zweiten Teil des Beitrags aus entwicklungspsychologischer und sprachdidaktischer Perspektive Überlegungen angestellt, wie es gelingen kann, Schülerinnen und Schülern zu einem variantenreichen Repertoire sowohl an Grund- als auch an Folge-Markern zu verhelfen.

In German, causal connectors, such as da, weil, denn, nämlich, deshalb, folglich, weshalb and weswegen, often occur differently under varying communication conditions – at least, this is commonly assumed or implied. In the article at hand, contrastive corpus analyses are used to empirically prove whether and which frequencies of occurrence can be proven for the media orality and literacy and/or for the conceptual orality and literacy. Consideration is also given to whether and on the basis of which characteristics of the eight causal connectors mentioned certain usage preferences can be discerned. Based on the results obtained, in the second part of the article considerations are being made from developmental psychology and language didactics, as to how it is possible to support pupils to achieve a versatile repertoire of both cause and consequence markers.

Jens Runkehl
Fake News: Konfrontation statt Konsens?

Fake News sind ein Phänomen, das politische Wahlen in demokratischen Gesellschaften mittlerweile erheblich beeinflusst hat. Ihr Erfolg speist sich insbesondere aus den Partizipationsbedingungen des Web 2.0, welches die klassische Massenkommunikation durch die Kommunikation der Massen abgelöst hat. Die multimodalen Möglichkeiten zur Nachrichtenverbreitung, wie auch die Beschleunigung von Kommunikation an sich, tragen zur rasanten Verbreitung von Fake News bei. Neben den spezifischen Produktionsbedingungen spielen bei Fake News jedoch auch deren Rezeptionsbedingungen, wie sie speziell in sozialen Netzwerken vorliegen, eine große Rolle für ihren Erfolg. Das Vorhandensein von Filterblasen oder die Abwendung von rationalen Diskursen begünstigen ihre schnelle und durchdringende Verbreitung erheblich. Der Beitrag gibt einen Überblick über beide Aspekte und versucht eine erste Einordnung dieses Phänomens.

Fake news is a phenomenon that has had a considerable influence on political elections in democratic societies. Their success is particularly due to the participation conditions of Web 2.0, which has replaced traditional mass communication through the communication of the masses. The multimodal possibilities for the distribution of news, as well as the acceleration of communication itself, contribute to the rapid spread of fake news. And in addition to the specific production conditions, the reception conditions of fake news, especially in social networks, also play a major role in its success. The existence of filter bubbles or the avoidance of rational discourses considerably promote their rapid and penetrating dissemination. The article gives an overview of both aspects and attempts an initial classification of this phenomenon.

Jian Wang und Karin Pittner
Schlange stehen und ›Pinsel schreiben‹. »Nackte« Nomina im Deutschen und nicht-kanonische Objekte im Chinesischen

Im vorliegenden Beitrag werden »nackte« Nomina im Deutschen und nicht-kanonische Objekte im Chinesischen kontrastiv untersucht. Syntaktische Tests zeigen, dass die fraglichen Nomina in beiden Sprachen enger mit dem Verb verbunden sind als in einer regulären Verb-Objekt-Verbindung. Die Nomina in diesen Verbindungen sind nur schwach referenziell und integraler Bestandteil der Beschreibung einer kulturell etablierten bzw. habituellen, atelischen Handlung. Es wird gezeigt, dass nicht-kanonische Objekte im Chinesischen viel produktiver sind und mehr semantische Rollen zulassen als »nackte« Nomina im Deutschen, was darauf zurückgeführt werden kann, dass das Chinesische keine Kasus- und Numerus-Markierung hat. Eine wichtige Schlussfolgerung unserer Untersuchung ist, dass die fraglichen Strukturen in beiden Sprachen trotz einiger Unterschiede die Eigenschaften von Pseudo-Inkorporationen aufweisen.

This article examines bare nouns in German and non-canonical objects in Chinese contrastively. Syntactic tests show that the examined nouns in both languages are more closely connected to the verb than in a regular verb-object combination. The nouns are only weakly referential and integral part of the description of a culturally established or habitual atelic action. It is shown that non-canonical objects in Chinese are much more productive and allow more semantic roles than bare nouns in German, which can be explained by the fact that Chinese has no case and number markers. An important conclusion of our study is that, despite some differences, the examined structures in both languages exhibit the properties of pseudo-incorporation.

Zhen Zeng
Das Modalverb können und seine Entsprechungen im Chinesischen

Der Beitrag legt den Forschungsschwerpunkt auf die Bedeutungskomponente der Möglichkeit vom Modalverb können, die im modernen Chinesisch durch drei Modalverben, nämlich néng 能, huì 会und kěyĭ 可以, dargestellt wird. Die Möglichkeit kann im Chinesischen daneben auch durch das chinesische Möglichkeitskomplementcn ausgedrückt werden, das keine Entsprechung im Deutschen hat. Aufgestellt wird die Hypothese, dass das Möglichkeitskomplementcn zum Ausdruck einer Möglichkeit geeigneter ist als das Modalverb néng. Dies wird anhand des Korpus zum modernen Chinesisch des Center of Chinese Linguistics (CCL) an der Universität Peking überprüft. Der Beitrag und die dargestellten Belege und Ergebnisse sollen dazu beitragen, dass die Kenntnisse von Chinesischlernenden über die chinesischen Modalverben néng, huì und kěyĭ und das Möglichkeitskomplementcn vertieft werden und die Anwendung leichterfällt.

The article focuses on the significance component of the possibility of the modal verb können, which in modern Chinese is represented by three modal verbs, namely néng 能, huì 会 and kěyĭ 可以. The possibility can also be expressed in Chinese by the Chinese possibility complement, which does not exist in German. It is hypothesized that the possibility complement to express a possibility is more appropriate than the modal verb néng. This is verified by reference to the Modern Chinese Corpus of the Center of Chinese Linguistics (CCL) at Peking University. It remains to be hoped that the knowledge of Chinese learners about the Chinese modal verbs néng, huì and kěyĭ as well as the possibility complement will be deepened in this way and the present article will help make the application easier.

Rezensionen

Mads Christiansen:
Albrecht Greule: Vom Satz zum Text

Michael Hoffmann:
Arnulf Deppermann/Silke Reineke (Hgg.): Sprache im kommunikativen, interaktiven und kulturellen Kontext

Wang Enuo:
Shenwei Zhang: Nationale und regionale Standardvarianten des Deutschen im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache für Chinesen

Ekaterina Lyubomirova:
Christian Fandrych/Maria Thurmair: Grammatik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Grundlagen und Vermittlung