Ausgabe: Der Sprachdienst 3/2013

Was ist ein Aktendulli?

[F] Wissen Sie eigentlich, was ein Aktendulli ist?

[A] Dieses Wort scheint nach unseren Umfragen ausschließlich in der DDR bekannt gewesen zu sein und sich auch heute aufgrund dieser Tradition auf den Sprachgebrauch in den östlichen Regionen Deutschlands zu beschränken. Umso verwunderlicher ist die Tatsache, dass es Wörterbücher aus dieser Zeit oder spezielle Sammlungen zum DDR-Wortschatz nicht führen. Das lässt darauf schließen, dass es zwar bekannt war, aber wiederum nicht so bedeutsam und nur in der nichtoffiziellen Alltagssprache für den – so der offizielle und im Westen gebrauchte Markenname für den praktischen Bürogegenstand – Heftstreifen verwendet wurde. Ein Heftstreifen ist »eine meist aus Metall bestehende gebogene Klammer in einem gelochten Papp- oder Kunststoffstreifen, mit der gelochte Blätter zusammengeheftet werden können und der anschließend selbst in einen Aktenordner geheftet werden kann« (Wikipedia-Artikel »Heftstreifen«).

Die Bezeichnung könnte – wie einige Quellen (»Sächsische Zeitung« am 04.01.2010 bzw. www.sz-online.de/ nachrichten/kein-schnulli-die-stadtwirbt- mit-dulli-84196.html) belegen – durch eine Firma geprägt worden sein. Der Aktendulli wurde hiernach im Jahre 1939 im sächsischen Chemnitz von Paul Richard Carl Kohl erfunden; er gründete auch die Firma »Dulli Bürotechnik « und meldete seinerzeit seinen »Aufreiher für Blattsammlung mit federndem Mittelteil« als Gebrauchsmuster an. Vor allem im Osten hat sich Bezeichnung Aktendulli, kurz Dulli, verbreitet. Die Nachkommen des Erfinders äußerten eine Vermutung zu dem Produktnamen: Ihr Vater hatte als Vertreter für eine österreichische Firma gearbeitet und das griffige Wort dulli, das im Wiener Dialekt ›vortrefflich‹ bedeutet, unter Umständen mitgebracht. Dieses Wort ist übrigens in aktuelleren Büchern zum Deutschen in Österreich (»Österreichisches Wörterbuch«, Wien 2012) nicht mehr belegt, allerdings findet sich in einem »Wörterbuch des Wiener Dialekts« von 1929 (Nachdruck Wien 1980) dulli mit der Bedeutung ›vortrefflich, sehr schön‹. Ein Slogan aus der Erfinderzeit lautete: »Wo Akten wichtig – ist Dulli richtig!« und das Stadt-Marketing von Chemnitz wirbt aktuell auch wieder mit dieser regionalen Erfindung.

Als eine weitere Variante kann auch angenommen werden, dass der Begriff vom Englischen duly (nicht dully, denn das hat wohl eher negative Bedeutungen) abgeleitet worden ist und dann in den deutschen Sprachraum kam. Er kann mit ›ordnungsgemäß, vorschriftsmäßig, gehörig, richtig …‹ (»Langenscheidts Großwörterbuch der englischen und deutschen Sprache«, Leipzig u. a. 1989) übersetzt werden, alles Bezeichnungen, die für den nützlichen Gegenstand passen:

Ob nun Aktendulli, Ablagestreifen, Einhänge-Heftstreifen oder Heftlasche – die Hauptsache ist, es funktioniert und hält Papierseiten geordnet.


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