Ausgabe: Der Sprachdienst 1/2017

Wie und wieso singt man sich einen Wolf?

[F] Was bedeutet die Redewendung sich einen Wolf singen … und wie ist sie entstanden? Hat sie etwas mit dem Heulen eines Wolfes zu tun?

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[A] Unseren Recherchen zufolge führt die Suche nach der Bedeutung der Phrase sich einen Wolf singen zum Gebiet der Medizin. Mit Beginn des 19. Jahrhundert war die Krankheit Lupus erythematodes in der Bevölkerung weit verbreitet. Es handelt sich hierbei um eine Autoimmunerkrankung: Der Körper bildet aufgrund einer Überreaktion des Immunsystems Antikörper, die sich gegen die körpereigenen Strukturen richten. Kommt es nun zu Reibungen an diesen Stellen, können sich Gefäße, die Haut und das Bindegewebe entzünden.

Für die lateinische Bezeichnung dieser Krankheit als Lupus (›Wolf‹) kursieren zwei Varianten der Etymologie. Die eine Version besagt, dass die rötlichen Flecken, die sich bei diesen Entzündungen bilden, den Bissen von Wölfen ähneln. Eine andere These lautet, dass Patienten, die im Gesichtsbereich unter der Krankheit leiden, während des Heilprozesses tiefe Furchen davontragen und diese Personen damit wie nach einem Wolfsbiss aussehen. Die Krankheit, die noch heute existiert, wird auch Hautwolf genannt (vgl. »Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache «, 4. Auflage, Mannheim 2012).

In jedem Fall eint beide Varianten – und damit sind wir wieder bei der Fragestellung – die Bezugnahme auf das Tier. Die Ursprungsform der Phrase heißt sich einen Wolf laufen, womit gemeint ist, dass die eben erwähnte Hautkrankheit durch langes Laufen an den Beinen ausbricht. Die Frage ist demnach ein Beispiel dafür, dass im Laufe der Jahre über die Verwendung in der Umgangssprache ein Bedeutungswandel stattfinden kann, wodurch der sinngemäße Inhalt des Ausdrucks auf nahezu jedes beliebige Verb transferiert werden kann: sich einen Wolf reden, sich einen Wolf suchen oder, wie aus dem Beispiel, sich einen Wolf singen. Der Ausdruck bedeutet, dass man trotz Schmerzen und Hindernissen »nach Leibeskräften bemühend« nach einem Ziel strebt (vgl. »Duden. Richtiges und gutes Deutsch«, 7., vollständig überarbeitete Aufl., Mannheim 2012).

Mit Wolfsgeheul hat die Redewendung also letztlich nichts zu tun, wenn auch bei manch einem Gesang die Vermutung naheliegen mag.


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