Herkunft von Buschprämie

[F] Ein Ausdruck ist bei uns in der Diskussion, der sich geradezu als »Unwort des Jahres« aufdrängt. In Zusammenhang mit der Einführung von Hartz IV sollen Mitarbeiter eines Unternehmens in die neuen Bundesländer geschickt werden und angeblich eine Zulage bekommen, die als Buschprämie bezeichnet wird. Wo liegt der Ursprung dieses Wortes? Manche nehmen an, dass früher Leute (Pioniere), die in unerforschtes und wenig geliebtes Terrain versetzt wurden, mit Prämien geködert wurden. Unsere Nachschlagewerke geben keine Auskunft.

[A] Ihre Assoziation leitet Sie richtig. Ursprünglich war Buschzulage für die kaiserlichen Beamten gedacht, die in die Kolonialländer Afrikas entsandt wurden. Der Ausdruck hat sich über die Jahrzehnte gehalten. Nach 1960 wurde er von Bundeswehrsoldaten für »Manövergeld, -zulage« gebraucht (siehe Heinz Küpper, Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache, Band 2, 1983), und seit den frühen 1990er Jahren hat man ihn öfter verwendet, als es darum ging, West-Beamte in die neuen Bundesländer zu schicken; »Aufwandsentschädigung für Go-East-Pioniere«, so umschrieb es der Spiegel in der ihm eigenen Manier, Heft 14/1991. Ernst Röhl spießte Buschzulage satirisch auf: »Erschwerniszulage für deutsche Aufbauhelfer, die beim Abbau in der ehemaligen O-Zone mitwirken (auch: Ekelzulage)«, so in Das große deutsche blabla. Ein Wörter-Buch, 1997).

Ein Ausdruck wie Buschgeld oder Buschzulage – hinzu kommt die Variante Buschprämie – musste natürlich Widerspruch herausfordern, und ostdeutsche Zeitungen monierten verständlicherweise die »herablassende« Wortwahl (so etwa die Märkische Allgemeine, 14. Juli 1994). Rückblickend hieß es etwa im Tagesspiegel am 23. Juli 2004: »Das im Volksmund ›Buschzulage‹ genannte Extra-Geld wurde von 1990 bis 1996 an Beschäftigte des Bundes und der Länder gezahlt, die bei einer Dienststelle in den neuen Ländern arbeiteten. […]. Der Ausdruck ›Buschzulage‹ legte nahe, West-Bedienstete seien wie Afrika-Soldaten in den Busch verschickt worden und müssten dafür entschädigt werden.«

Dass das Große Wörterbuch der deutschen Sprache (1999) Buschzulage mit »salopp« kennzeichnet, ist der Sache wohl nicht angemessen; zutreffend ist vielmehr die Beschreibung des Stichworts in dem Projekt elexiko, Neologismen der 90er Jahre des Instituts für Deutsche Sprache: »Wertungsaspekt: Das Lexem Buschzulage enthält eine negative Bewertung in Bezug auf das Einsatzgebiet: Mit dem Bestimmungswort Busch, hier in der Bedeutung ›Urwald‹, wird ein niedriges Entwicklungsniveau in den östlichen Bundesländern assoziiert.«

Es gibt schon eine Buchveröffentlichung unter dem Titel Von »Buschzulage« und »Ossinachweis«. Ost-West-Deutsch in der Diskussion, herausgegeben von Ruth Reiher und Rüdiger Läzer (Berlin 1996). In einem Beitrag in diesem Band befasst sich Undine Kramer kritisch mit »Nachwendewörtern« dieser Art. Buschzulage sei ein prominentes Beispiel für die »sprachliche Mauer«, wie es damals öfter hieß. Kramer resümiert (S. 57): »Wertneutral war die Bezeichnung [Buschzulage, in der Kolonialzeit] nie, dokumentierte sie doch die typische Arroganz der ›Mutterländer‹ und ihrer Vertreter.

Durch die Aktualisierung des Wortes mit Bezug auf die gegenwärtigen deutschen Verhältnisse erhält Buschzulage zusätzliche Konnotationen: Zum einen werden ›im Busch‹ und ›das Gebiet der ehemaligen DDR‹ mit der zusätzlichen Implikation ›Kolonie‹ synonym verwendet. […] Zum anderen fungiert Buschzulage als Euphemismus für ›steuerfreie Zuschläge für West-Beamte und -richter in Ostdeutschland‹, ›Entschädigung‹ sowie ›Gehalts- und Erschwerniszulage‹ […].«

Man sollte doch sprachbewusst und sprachsensibel sein, auch heute, sechzehn Jahren nach der »Wende«, und eine solch heikle Wortprägung wie Buschzulage bzw. Buschprämie, die die Vorstellung einer gesellschaftlichen Asymmetrie schroff ausdrückt, mit Blick auf die alten und die neuen Bundesländer nicht gebrauchen.


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