Herkunft und Bedeutung von in der Wolle gefärbt

[F] Woher stammt das Sprichwort in der Wolle gefärbt und was bedeutet es genau?

[A] Es ist immer relativ schwierig, Sprichwörter zu datieren. Insbesondere bei solchen Fällen, in denen alltägliche Arbeitsvorgänge der vergangenen Jahrhunderte die Basis für eine bestimmte Redewendung darstellen, ist meist nur eine ungefähre zeitliche Einschätzung möglich. Insofern sind literarische Überlieferungen von größter Wichtigkeit, um das Vorkommen von Sprichwörtern zu belegen. Das Sprichwort in der Wolle gefärbt lässt sich durch ebensolche Belege bereits auf das 16. Jahrhundert zurückführen.

So verweist das »Deutsche Wörterbuch« der Brüder Grimm, 1854, unter dem Lemma Wolle auf dieses Sprichwort und zitiert eine veröffentlichte Schrift Geilers von Kaisersberg aus dem Jahre 1517 wie folgt: »so seind menschen, heiszent lasterliche menschen, und sein die, die in der wollen geferbet seind. es sol gar kostlich sein, wenn man wollen ferbt und thuch darusz macht. also seind etliche menschen in der wollen geferbet worden in der leckery und bübery ufferzogen.« Der Vorgang des Färbens von unverarbeiteter Wolle wurde also bereits früh neben seiner wörtlichen auch in der übertragenen Bedeutung als Bezeichnung für eine menschliche Eigenschaft verwendet. Doch was genau bedeutet es, in der Wolle gefärbt zu sein?

»Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten« von Lutz Röhrich, 1992, datiert die sprichwörtliche Nutzung der Wendung in der Wolle gefärbt auf etwa 1830, also deutlich später als der angeführte Beleg, und definiert einen in der Wolle Gefärbten als »unverfälscht, treu und zuverlässig«. Denn wird die unverarbeitete Wolle statt des fertigen Tuchs gefärbt, so nimmt der Stoff die Farbe besser auf und diese bleibt deutlich länger an ihm haften: Das vorab gefärbte und erst später verarbeitete Tuch ist sozusagen farbechter. So gibt auch Heinz Küpper in seinem »Illustrierten Lexikon der deutschen Umgangssprache«, 1984, als Bedeutung von in der Wolle gefärbt an: »unverfälscht; überzeugungstreu; charakterlich zuverlässig«. Dies wird durch die Definition des »Dudens Band 11, Redewendungen«, Mannheim 2008, noch verstärkt: Hier bedeutet das Sprichwort »durch und durch, echt«: »Er ist ein in der Wolle gefärbter Chauvinist.«

Ein in der Wolle gefärbter Mensch steht also zu seinen Überzeugungen und gerät hierin – etwa durch äußere Einflüsse und Umstände – nicht allzu leicht ins Wanken. Dies lässt sich natürlich auf viele Bereiche des Lebens anwenden, und so findet das Sprichwort häufig auch vor politischem oder religiösem Hintergrund Anwendung. So schrieb etwa der Spiegel 41, 1980, Heft 4: »Den Sozialdemokraten, mögen sie auch in der Wolle gefärbte Marxisten … sein, kann ein Machtwechsel nur wie etwas Unanständiges vorkommen.« Lutz Röhrich führt hingegen ein Beispiel aus dem Werk Ina Seidels, »Lennacker«, 1938, an: »Heut aber sind ganze Völker, ja ganz Europa in der Wolle gefärbt durch das teure Blut unseres Herrn und Heilands Jesu Christi … da durch die Taufe vielen Christen wirklich nur eben in der Wolle – nicht aber bis in die Seele hinein christlich gefärbt sind.«