Meldung vom 7. Januar 2015

»Volksverräter« und »Lügenpresse«: Die Pegida und ihre Wörter

Zum Sprachgebrauch der Protestbewegung

© Николай Григорьев - Fotolia.com

© Николай Григорьев – Fotolia.com

In den letzten Wochen sehen wir in Nachrichten und Politmagazinen immer wieder Berichte über Demonstrationen der Pegida-Bewegung (»Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«). Und wir hören sie rhythmisch »Lügenpresse« skandieren und sehen, wie sie Transparente und Plakate hochhalten, auf denen Kanzlerin Angela Merkel als »Volksverräterin« bezeichnet wird. Was hat es nun eigentlich mit solchen Wörtern auf sich, die von Pegida-Anhängern so oft benutzt werden? Experten der GfdS klären über die Herkunft dieser Wörter auf – und stufen viele davon als ideologisch sehr bedenklich ein.

Abendland: Der Begriff Abendland stammt aus dem 16. Jahrhundert. Er wurde zunächst rein geografisch, im Gegensatz zum östlichen Morgenland gebraucht. Das Grimm’sche Wörterbuch kennt keinen Bezug zu einer bestimmten Nation, Kultur oder Religion in der Bedeutungsbeschreibung. Bis heute sehr bekannt und durchaus ideologisch besetzt ist das Wort Abendland im Hauptwerk des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler, »Der Untergang des Abendlandes« von 1922. Hier weist der Begriff klar antidemokratische Züge auf. Spengler war nämlich der Ansicht, dass die freiheitliche Demokratie eine Art Stadium auf dem Weg zum unausweichlichen Niedergang einer Kultur sei. Er hielt ohnehin absolutistische Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts für die »Blütezeit« des Gemeinwesens.

Lügenpresse: Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig, erlebte das Wort um 1940 eine Renaissance. Dahinter standen immer völkische und nationalistische Anliegen, die die »Lügenpresse« angeblich zu verschleiern versuchte. Ähnlich verhält es sich mit Systempresse, wobei dieses Wort wohl eher in sozialistischen Ländern geläufig gewesen ist: Bei beiden Wörtern steht im Fokus, dass ein System an seinem Volk vorbeiregiert und dessen Interessen nicht angemessen vertritt. Zugleich sollen beide Wörter ausdrücken, dass es keine echte Meinungsfreiheit gibt, sondern bestimmte Meinungen von einem System oder nicht näher bezeichneten »Lügnern« unterdrückt werden.

Volksverräter: Der Volksverrat findet sich als Straftatbestand erstmals im Nationalsozialismus. Der heutige Gebrauch von Volksverräter zielt darauf ab, die gewählten Volksvertreter eben als Verräter an »ihrem« (sprich: dem deutschen) Volk zu bezeichnen. Eine Abgrenzung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen wird damit klar gezogen. Vor der Zeit des Nationalsozialismus gab es einen vergleichbaren Straftatbestand, den Landesverrat. Erst mit dem Wort Volksverrat ergibt sich aber der Bezug zum Völkisch-Nationalen.

Überfremdung: Im Duden war das Wort bereits 1929 verzeichnet, 1993 wurde es zum Unwort des Jahres gewählt. Auch hier gibt es einen klaren Bezug zur Sprache des Nationalsozialismus. So sprach Goebbels 1933 von »Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum«. Heutzutage sind eher andere Gruppen gemeint, z. B. Flüchtlinge aus muslimischen Ländern, aber auch Sinti und Roma. Das Wort jedenfalls hat sich hartnäckig gehalten.

»Wir sind das Volk«: Ruf bei den Montagsdemonstrationen in der DDR, später abgewandelt zu »Wir sind ein Volk« im Hinblick auf die Wiedervereinigung nach dem Mauerfall. Heute von PEGIDA aufgenommen – genau wie die Tradition der Montagsdemos – zur Abgrenzung gegenüber Zuwanderern, vor allem solche muslimischen Glaubens.

Für Interviews und Hintergrundinformationen wenden Sie sich bitte per E-Mail an sekr@gfds.de oder per Telefon an 0611 99955-0.