25. Januar 2023

SPRACHE+RESPEKT

Bilder: CC-Lizenz, Grafik: runkehl.net

Überblick

Jeder Mensch hat eine intuitive Vorstellung darüber, was Respekt ist – auch wenn die konkreten Beschreibungen dann in der Folge sehr unterschiedlich ausfallen können. Oft fallen die Worte Toleranz, Achtung, Rücksicht, Aufmerksamkeit oder Höflichkeit, wenn es darum geht, Respekt zu charakterisieren. Viele Menschen verbinden Respekt zunächst mit etwas, das mit anderen Menschen und der Art und Weise, wie wir ihnen begegnen, in Verbindung steht.

Hier wird oft an Aspekte des Umgangs (Ansprache: du/Sie – Verhalten: älteren Menschen einen Platz in der vollen S-Bahn anbieten) oder der charakterlichen Zuschreibung (couragiert, glaubwürdig) gedacht. Ebenso stellt die Wertschätzung von (Lebens-)Leistung (z. B. der Großmutter) oder Fähigkeiten (z. B. Pflegerinnen und Pfleger im Gesundheitswesen, besonders seit der Corona-Pandemie) einen wichtigen Bezugspunkt für Respekt dar. Je intensiver man darüber nachdenkt, desto mehr Ansatzpunkte für Respektszuschreibungen werden offensichtlich: Wir haben Respekt

  • vor Menschen: Hier sowohl a) vor lebenden Zeitgenossen (Wolodymyr Selenskyj) als auch b) vor verstorbenen Persönlichkeiten (Marie Curie). Die Menschen können
  • hinsichtlich ihrer Bekanntheit a) weltberühmt (Albert Einstein) oder b) jemand wie ›du und ich‹ (alle alleinerziehenden Mütter und Väter) sein. Der Respekt vor diesen Menschen ist vielfach verknüpft
  • mit deren Leistungen, die ihrerseits a) materiell (Mona Lisa von Leonardo da Vinci) aber auch b) immateriell (Formulierung des Gravitationsgesetzes von Issac Newton; Pflegeleistungen von Familienangehörigen) sein können. Diese Leistungen wiederum können dabei von einer unterschiedlichen
  • ›Absender‹anzahl bestimmt sein. Sie kann a) auf einem Einzelnen beruhen (Faust von Goethe), aber auch b) Gruppen unterschiedlicher Größen (z. B. alle, die sich bei Ärzten ohne Grenzen engagieren) umfassen. Sie kann c) Bevölkerungen (Franzosen während der Französischen Revolution) umschließen, aber auch d) transnationale Zusammenschlüsse (Nationen, die an der Internationalen Raumstation ISS beteiligt sind) beinhalten.
  • Der Gebrauch von Symbolen kann schließlich Respekt begründen bzw. verstärken, wenn damit z. B. a) ein bestimmtes Amt/eine spezifische Funktion gemeint wird (Polizei-Uniform, weiße Farbe päpstlicher Kleidung, Königskrone) oder b) durch die Verleihung von Auszeichnungen (Nobelpreis) die Respektszuschreibung initiiert/manifestiert wird.

Diese ›Menschen-zentristische‹ Perspektive auf Respekt wird in der Regel ergänzt durch eine den Menschen, Ideen oder Artefakten inhärente Sichtweise: Hier wird Respekt nicht aufgrund einer Leistung oder eines Symbolgebrauchs zugeschrieben. Vielmehr wird dabei Respekt als Ausdruck zu einer Sache als notwendigerweise zugehörig empfunden. So etwa die Würde des Menschen. Niemand muss sie erwerben, jedem ist sie qua Menschsein zu eigen.

  • Für Menschen betrifft dies z. B. auch unterschiedlichen Merkmale der individuellen Persönlichkeit wie etwa die ethnische Zugehörigkeit, die sexuelle Orientierung u. a. m.
  • Für Ideen: Wir respektieren ebenso ideengeschichtliche Errungenschaften wie die Menschenrechte.
  • Für Artefakte: Wir gestehen den Kulturgütern der Menschheit einen respektvollen Umgang zu, indem sie gepflegt, bewahrt und erhalten werden. Eine Missachtung (z. B. die Zerstörung historischer Bauwerke in Palmyra) führt regelmäßig zu einer Diskussion des respektlosen Umgangs mit den kulturellen Leistungen des menschlichen Erbes.
  • Für die Umwelt: Mehr und mehr wird erkannt und akzeptiert, dass die Beziehung zur Umwelt in einer Abhängigkeit besteht, die den Menschen zu einem Respektsgeber werden lassen muss: Natur, Pflanzen, Tiere sind notwendig für das Wohlergehen und den Fortbestand des Menschen und fordern so einen respektvollen Umgang ein.

Der Respektbegriff hat sich also durch Wandlung und Entwicklung verschiedenster sozialer, ökologischer oder ökonomischer Verhältnisse deutlich ausgeweitet. Er strahlt gegenwärtig in jeden gesellschaftlichen Bereich hinein und schließt – heute unausweichlich und zu Recht – automatisch auch die Umwelt mit ein.

Eine vorläufige Verständigung

Die Vielfalt, mit denen der Begriff Respekt in unterschiedlichsten Kontexten angewendet wird, wirft die Frage auf, ob es für ihn ein grundlegendes, zugleich handhabbares Verständnis geben kann, das in dieser Serie Anwendung findet.

Üblicherweise würde man hierzu Wörterbücher der Etymologie oder Synonymie zu Rate ziehen und damit auf Begriffe wie Ehrerbietung, Erwägung, Rückblick, Einschätzung, Berücksichtigung u. a. m. stoßen, um daraus eine tragfähige Gebrauchsbestimmung abzuleiten. Um eine verständliche, gleichzeitig offene, vielfältig anwendbare, dennoch aber ›handliche‹ Definition anzubieten, wird der Begriff hier wie folgt verstanden:

Das Konzept Respekt bezieht sich auf alles, dem ein Wert zugemessen wird.

Dabei kann der Respektwert unterschiedlichsten Dingen zugemessen werden: Dem selbstgestrickten und verschenkten Winterpullover ebenso wie der Welterklärungsformel des Nobelpreisträgers. Zwei Beispiele sollen das näher illustrieren:

A) In den 1950er-Jahren wurde der Erziehungsleistung von Kindern durch Frauen kein spezifischer Wert zugemessen. Heute respektieren wir diese Leistung, die sich u. a. in einer rechtlichen (und damit rentenbegründenden) Anerkennung (= Wert) niederschlägt.

B) Das Zeitalter der industriellen Revolution zog die schonungslose Ausbeutung ökologischer Ressourcen nach sich. Den Faktoren Umwelt und Natur wurde erst mit fortschreitender technischer Entwicklung, gesellschaftlicher Debatte und aufkommendem/sich wandelndem ökologischen Bewusstsein ein Wert zugemessen. Dieser hat uns vor Augen geführt , dass mit dieser Umwelt respektvoll umzugehen ist und sie mit den Werten Erneuerbarkeit oder Nachhaltigkeit zugunsten nachkommender (Pflanzen-/Tier-/Menschen-)Generationen verbunden werden muss.

Versucht man die dargestellte Vorstellung von Respekt grafisch zu entfalten, stellt Abbildung 0-1 ein Angebot zum Weiterdenken dar:

Abb. 0-1: Gegenwärtiger Ausschnitt, zu welchen Aspekten, Dingen oder Bereichen in der Gesellschaft Diskussionen zu Respekt zu beobachten sind. Bilder: CC-Lizenz, Grafik: runkehl.net

Die Themen zu SPRACHE+RESPEKT

Die Inhalte zu SPRACHE+RESPEKT enthalten sechs Bestandteile, die jeweils unterschiedliche Teilbereiche thematisieren:

Wörter: Gibt es bestimmte Wörter, die das Konzept Respekt in besonderer Weise repräsentieren? Oder liegt die Bedeutung von Respekt für jeden Menschen in unterschiedlichen Begrifflichkeiten?

Sprache: Wie kommt Respekt im sprachlichen Miteinander zum Ausdruck? Und sind es ›nur‹ Wörter und Sätze, die Respekt zum Ausdruck bringen, oder spielen daneben auch noch andere Aspekte eine Rolle?

Ich, Du, Er-Sie-Es: Wie lassen sich die Interessen unterschiedlicher Menschen auch bei kontroversen Meinungen respektvoll in konstruktive Lösungen umwandeln – und welche Rolle spielt dabei die Kommunikation?

Gesellschaft: Respekt kann in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft unterschiedliche Ausdrucksformen haben. Deshalb sollen Podcasts und Interviews mit Menschen, die in verschiedenen Bereichen tätig sind (Politik, Journalismus, Sport u. a. m.) verdeutlichen, welche Aspekte von Respekt dort jeweils wichtig werden können.

Vorbilder: Es gibt viele Menschen, Institutionen oder Ideen in Geschichte und Gegenwart, die großen Respekt genießen. Warum das so ist, soll an einigen Beispielen erläutert werden und dabei soll jeweils die Bedeutung der Sprache besondere Aufmerksamkeit erhalten.

Grenzen: Immer häufiger wird darüber diskutiert, was ausgesprochen werden darf – oder auch nicht. Gibt es in einer Demokratie ›Grenzen des Sagbaren‹? Über Möglichkeiten und Grenzen für Sprache und Respekt.

Bilder: CC-Lizenz, Grafik: runkehl.net