Grammatikalität von trotzdessen

[F] Das Wörtchen trotzdem ist ja sattsam bekannt. Kann man aber die Variante trotzdessen verwenden? In einem Text, den ich zu überarbeiten habe, kommt sie vor, und im Internet finden sich etliche Belege – z. B. »Trotzdessen war ich irgendwann in Erfurt und konnte völlig verschwitzt Kathi in die Arme fallen«; »Trotzdessen hielt ich es in der Messe aus« oder »Das bedeutet, dass trotzdessen ich arbeiten gehe, nicht einen Euro mehr in der Tasche habe«. Ist trotzdessen eine korrekte Variante und in seriösen Texten überhaupt nachweisbar?

[A] Bei der kürzeren Wortform trotz, die als Präposition auftritt, hat sich seit langem der Dativ durchgesetzt, obwohl hier vielfach auch der Genitiv vorkommt, doch trotzdem ist sicherlich die zu bevorzugende Version und allgemein üblich; trotzdessen kann nur als seltene Nebenform und randständige Variante bewertet werden.

trotzdem als Adverb hat sich im 19. Jahrhundert herausgebildet – zugrunde liegt die Verbindung von trotz mit dem Dativ – und wird im Sinne von ›dennoch‹ gebraucht; man denke auch an die häufig gebrauchten Verknüpfungen trotz allem und trotz alledem.

Immerhin lassen sich einige Belege aus dem 19. Jahrhundert für trotz dessen/trotzdessen nachweisen, so dass man nicht von einem heutigen, isolierten und womöglich nur auf Nachlässigkeit beruhenden Phänomen sprechen kann. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm z. B. findet sich unter dem Stichwort Folge ein knapper Hinweis auf trotz dessen (neben in/zu Folge dessen), und bei trotzdem – »entstanden aus dem adverb trotzdem (dasz), aus dem sich auch trotz dasz und einfaches trotz als conjunctionen entwickelt haben« – wird bemerkt: »ungewöhnlich die präpositionale verbindung: trotz alles dessen ist er der beste gesellschafter Kotzebue schausp.«. Ein weiterer Hinweis besagt: »älter, aber anscheinend singulär: ich, der so niemals weisz wie wir in der zeit leben, und trotz dessen dasz ich selbst einen almanach stelle, keinen kalender im hause hatte (1771) Gökingk an Bürger.«.

Ganz so entlegen und »singulär« ist die Verwendung von trotzdessen nicht, und ich konnte einige Beispiele anhand von Literatursammlungen auf CD-ROM, die leicht in der sog. Volltextsuche zu durchforschen sind, ermitteln. Vier seien zitiert; zunächst Theodor Storm (Draußen im Heidedorf und Der Schimmelreiter): »›Das allerdings nicht!‹ Und der würdevolle Mann klemmte die fleischigen Lippen ein und blickte auf mich mit einer Sicherheit, als ob er das Gegenmittel schon fix und fertig in der Tasche hätte. ›Und trotz dessen‹, fragte ich wieder, ›wollen Sie ihn die große Hufe übernehmen lassen?‹« Und: »Da war dem Alten bange geworden, und Hauke war zum Großknecht aufgerückt, hatte aber trotz dessen nach wie vor auch an der Deichgrafschaft mitgeholfen.« Ida Gräfin Hahn-Hahn (1805–1880, Faustine): »Sie erzählte Faustinen ihre einfache, kurze, traurige Geschichte: wie sie vor vier Jahren mit Feldern sich willig und gern verlobt habe, wie es ihr aber trotz dessen jetzt eine Unmöglichkeit sei, seine Gattin zu werden […].« Abschließend eine Stelle aus den Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden (Bernhard Baader, 1850): »Nochmals schaffte man es auf den Gottesacker und ließ es in der Nacht von zwei Zimmergesellen bewachen. Trotz dessen befand sich am Morgen das Holz an der alten Stelle, und auf ihm lagen festschlafend die Gesellen […].«

Derlei Belege sind nicht zu übergehen, auch mögen regionale Eigentümlichkeiten im Spiel sein – trotzdem sollte man sie nicht als Muster für den gegenwärtigen Sprachgebrauch, der eine feste Üblichkeit geschaffen hat, ansehen.