Meldung vom 13. März 2020

Das Coronavirus aus sprachlicher Sicht

Teil 1: Das haben Covid-19 und die Sonnenfinsternis gemeinsam

Das Coronavirus breitet sich auch in Europa mit großer Geschwindigkeit aus. Wir bei der GfdS haben natürlich auch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen und uns sicherheitshalber in unsere Grammatiken und Nachschlagewerke vertieft. Mit einem Virus beschäftigen wir uns nämlich lieber aus sprachlicher Sicht – in einer kleinen »Corona-Serie«.

CC-Lizenz, Collage: © GfdS

Im Zusammenhang mit der neuartigen Erkrankung treten zahlreiche neue Fachbegriffe in die Sprache. Welchen verwendet man, wie unterscheiden sie sich und was haben sie gemeinsam?

Aus medizinischer Sicht ist zwischen einer Erkrankung und dem Erreger zu unterscheiden, der diese Erkrankung hervorruft. Eine Grippe beispielsweise wird von bestimmten Viren hervorgerufen, zum Beispiel dem Influenza-A-Virus H1N1. Im aktuellen Fall trägt die Erkrankung, die uns beschäftigt, den Namen COVID-19. Bei diesem Ausdruck handelt es sich um ein Kurzwort, genauer gesagt um ein »Akronym«. Es wird gebildet aus den Anfangsbuchstaben und den Folgevokalen des englischen Ausdrucks Corona Virus Disease 2019. Diese Buchstaben werden als ein neues Wort ausgesprochen, nicht Buchstabe für Buchstabe wie etwa beim Personenkraftwagen, PKW. Der Name der Erkrankung wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell festgelegt, die Zahl 19 bezieht sich auf die ersten dokumentierten Fälle, die bereits im Jahr 2019 auftraten.

Der Erreger, der COVID-19 hervorruft, trägt den offiziellen Namen SARS-CoV-2. Diese Bezeichnung enthält ein weiteres Akronym: SARS. Es steht für engl. Severe Acute Respiratory Syndrome (dt. Schweres Akutes Atemwegssyndrom) und ist dem einen oder der anderen sicher noch aus den Jahren 2002 und 2003 bekannt, als eine SARS-Pandemie die Welt in Atem hielt. In diesem Zusammenhang wurde der Ausdruck SARS von der GfdS im Jahr 2003 auf Platz vier der Wörter des Jahres gewählt. Als anfänglich über die Krankheit berichtet wurde, herrschte in Fernsehen und Rundfunk die buchstabenweise Aussprache einer Abkürzung vor, nach und nach dominierte jedoch die akronymische Lesart.

In der Virusbezeichnung SARS-CoV-2 steht die Buchstabenkombination CoV für engl. Corona Virus. Es handelt sich bei dem Erreger also um ein Virus aus der Gruppe der Coronaviren, das schwere akute Atemwegserkrankungen hervorruft. Die Zahl 2 in der Bezeichnung für das Virus zeigt, dass es bereits ein anderes, ähnliches Virus dieser Art gibt, SARS-CoV-1. Dieses Virus war es, das die SARS-Erkrankungen der Pandemie von 2002/2003 hervorrief.

Die Coronaviren wiederum tragen ihren Namen aufgrund ihres Aussehens. Betrachtet man sie unter einem starken Mikroskop, erwecken Strukturen auf der Oberfläche des Virus den Eindruck, als sei dieses von einem Strahlenkranz, einer sogenannten Korona, umgeben, wie sie z. B. bei einer totalen Sonnenfinsternis auftritt. Eine solche Sonnenfinsternis war eines der zentralen Ereignisse des Jahres 1999 und auch damals wurde schnell ein einprägsames Akronym gebildet: Sofi. Die SofiFans setzten ihre Sofi-Brillen auf und trafen sich zur Sofi-Party, um das Schauspiel zu betrachten. Das Wort Sofi stand unter den Wörtern des Jahres 1999 dementsprechend auf Platz 9.

Komplexe Bezeichnungen wie SARS-CoV-2 und die strenge Trennung zwischen Virus und Krankheit setzen sich im allgemeinen Sprachgebrauch oft nur schwer durch. Die selten gemachte Unterscheidung von HIV, einem Virus, und AIDS, der Erkrankung, die eine Folge der Infektion sein kann, ist hierfür ein gutes Beispiel. Derzeit wird vor allem vom Coronavirus oder kurz von Corona gesprochen. Wieder liegt ein Wortbildungsprozess zugrunde, eine Kürzung. Dabei wird einfach der Beginn (Omnibus zu Bus) oder das Ende eines Wortes (Universität zu Uni) abgetrennt.

In der nächsten Folge unserer sprachlichen Betrachtungen zum Coronavirus werfen wir einen Blick auf die vielen Wortneubildungen, die die Berichterstattung über das Virus hervorbringt: Von Corona-Chaos über Corontäne bis coronös. Bleiben Sie bis dahin gesund!

Zum Weiterlesen:

Teil 2: Die sprachlichen Corona-Folgen: Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen
Teil 3: Sprachliche Zweifelsfälle rund um Covid-19: Der Virus gehört in »Kwarantäne«!
Teil 4: Pandemie, Schwarzer Tod und andere Plagen: Eine kleine Begriffsgeschichte
Teil 5: Der Hamster in Zeiten der Krise
Teil 6: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus