Meldung vom 20. März 2020

Sprachliche Zweifelsfälle rund um Covid-19

Teil 3: Der Virus gehört in »Kwarantäne«!

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Covid-19 ist auch sprachlich allgegenwärtig. Dabei rücken Wörter ins Bewusstsein, denen wir ansonsten wenig Aufmerksamkeit schenken, und mitunter scheinen Sprecherinnen und Sprecher bei dem ganzen Corona-Gerede ganz schön ins Schwanken und Grübeln zu geraten. Wir schauen uns einige Beispiele sprachlicher Zweifelsfälle an.

Virus, Genus, Kasus

Während in Wortbildungen der Ausdruck Virus oft wegfällt – man spricht vereinfacht von der Corona-Pandemie oder dem Corona-Test –, wird das Wort derzeit natürlich dennoch mit sehr großer Häufigkeit verwendet. Mitunter treten dabei Schwankungen im Genus (dem grammatischen Geschlecht) auf. Das Wort Virus hat in der medizinischen Fachsprache neutrales Genus (das Virus), es wird aber auch mit maskulinem Genus verwendet: der Virus. Beide Varianten sind im Duden verzeichnet.

Untersuchungen des Projekts »Variantengrammatik« des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) zeigen, dass die maskuline Variante im medizinischen Kontext eher im Osten Deutschlands verbreitet ist, zum anderen scheint überregional der Virus vor allem dann Verwendung zu finden, wenn es um Computerviren geht. 

Schwankungen im Genus sind im Deutschen übrigens recht häufig, nicht nur bei entlehnten Wörtern. Oft lassen sich dabei regionale Verteilungen beobachten, das Wort Butter (im Standard feminin, also die Butter) tritt vor allem in Süddeutschland auch mit maskulinem Genus als der Butter auf. Auf der Internetseite des »Atlas zur deutschen Alltagssprache« (www.atlas-alltagssprache.de) kann man durch zahlreiche Phänomene dieser Art stöbern und selbst Teil ihrer Erforschung werden. Ein ausgezeichneter Quarantäne-Zeitvertreib!

Das Genus eines Substantivs ist im Deutschen ein wichtiges Kriterium dafür, wie die Kasusformen gebildet werden. Neutrale Substantive wie Virus werden stark flektiert, das bedeutet, dass im Genitiv eine s-Endung auftreten sollte. Endet die Grundform des Wortes bereits auf einen s-Laut, dann tritt die lange Form –es auf (z. B. das Fass, des Fasses). Sollte es dann nicht heißen: die Ausbreitung des Viruses? Tatsächlich tritt für das Wort Virus meist eine endungslose Genitiv-Form auf (des Virus), die Form mit langer Genitivendung ist selten. Das ist für Fremdwörter, die auf <s> enden und zudem auf der ersten Silbe betont sind, wiederum typisch (z. B. der Zyklus, des Zyklus). Nur bei besonders stark integrierten Fremdwörtern dieser Art treten auch die langen Genitivendungen auf (etwa der Bus, des Busses). Hier kann man also mit Spannung abwarten: Werden sich stark flektierte Formen weiter durchsetzen, wenn – wie es leider zu erwarten ist – noch lange über SARS-CoV-2 gesprochen und geschrieben wird?

Von <Q> und <U>

In den in Deutschland verbreiteten Aussprachewörterbüchern wird die standardisierte Aussprache für das WortQuarantäne wie folgt angegeben: Den Anlaut bildet ein [k], direkt gefolgt vom Vokal [a], also [ka]-rantäne. Es lassen sich aber auch Varianten beobachten, bei denen zwischen den beiden Lauten [k] und [a] der Laut [v] auftritt: [kva]-rantäne. Das Symbol [v] steht hier für den Laut, mit dem Wörter wie Wasser oder Wind beginnen. Standardsprachlich ist diese Art der Aussprache nicht korrekt, aber es lässt sich leicht erkennen, wie die Variante zustande kommt: Im Deutschen entspricht die Buchstabenkombination <qu> in der Regel der Lautkombination [kv]. Diese Zuordnung liegt in deutschen Wörtern wie quer, Quelle oder Quark vor. Richtet man sich nach dieser Laut-Buchstaben-Zuordnung, dann müsste also auch im Wort Quarantäne ein [v] auftreten.

In Lehnwörtern, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übernommen wurden, kann die Laut-Buchstaben-Zuordnung allerdings abweichen, je nachdem wie die Aussprache in der Herkunftssprache ist. Das Wort Quarantäne ist aus dem Französischen entlehnt, wo es mit einem reinen [k] und ohne [v] ausgesprochen wird. Genauso lauten die französischen Lehnwörter Queue (auch: Billardstock) oder Quiche (ein herzhafter Kuchen) mit [kø] bzw. [ki] an (in der Lautschrift bezeichnet das Symbol [ø] den Anfangslaut des Wortes Öse). Das Wort Qualifikation hingegen ist lateinischen Ursprungs, hier greift dieselbe Zuordnung wie im Deutschen und das Wort lautet, wie die ebenfalls lateinische Quote, mit [kv] an.

Wie der Buchstabe <q> in das lateinische Alphabet gelangte, warum er zusammen mit einem <u> auftritt und wie es dazu kam, dass er beispielsweise im Deutschen der Lautfolge [kv] zugeordnet ist, das ist hier nachzulesen: Der Buchstabe q und seine Besonderheit

Corona-Bindestriche 

Schwankungen lassen sich derzeit auch vermehrt bei der Schreibung von Wörtern beobachten: Heißt es Corona-Virus oder Coronavirus, Corona-geplagt oder coronageplagt? Die Schreibung mit Bindestrich ist in zusammengesetzten Wörtern immer dann möglich, wenn die einzelnen Wortteile besonders hervorgehoben werden sollen, Missverständnissen vorgebeugt oder für mehr Übersichtlichkeit gesorgt werden soll. Die Varianten Coronavirus und Corona-Virus sind also beide gleichermaßen korrekt. Für das Adjektiv Corona-geplagt gilt: Entscheidet man sich für die Schreibung mit Bindestrich, dann muss das erste Wort großgeschrieben werden, da es sich bei Corona um ein Substantiv handelt. Rücken die beiden Wortteile zusammen – coronageplagt –, bilden sie zusammen ein Adjektiv, Adjektive werden stets kleingeschrieben.

Im nächsten Teil unserer Serie mit sprachlichen Beobachtungen zum Coronavirus geht es um echte Schreckensszenarien – Seuchen, Pandemien und Epidemien – und wir werfen noch einmal einen Blick auf die Ausdrücke Virus und Quarantäne, dieses Mal aus etymologischer Sicht.

Zum Weiterlesen

Teil 1: Das haben Covid-19 und die Sonnenfinsternis gemeinsam
Teil 2: Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen
Teil 4: Pandemie, Schwarzer Tod und andere Plagen: Eine kleine Begriffsgeschichte
Teil 5: Der Hamster in Zeiten der Krise
Teil 6: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus