Meldung vom 6. April 2020

»Wir möchten unser Kind Corona nennen« …

Teil 7: Corona im Namengut

Corona auf dem Spielplatz (CC-Lizenz)

… das haben die deutschen Standesämter in den vergangenen Jahren mehrfach gehört. Durften die Eltern diesen Namen vergeben? Haben die Standesämter das einfach durchgehen lassen? Oder ist Corona wirklich auch ein eintragungsfähiger Vorname? Damit befasst sich der heutige Beitrag unserer Corona-Serie.

Corona als Vorname

Tatsächlich: Laut unserer Datenbank haben in den vergangenen 10 Jahren (ca. 2010 bis 2019) über 20 neugeborene Mädchen in Deutschland den Namen Corona oder Korona erhalten. In den Niederlanden waren es sogar noch mehr: Dort heißen inzwischen über 130 Mädchen so.

Wie die Eintragung im Einzelfall vor sich gegangen ist und ob die Standesämter Bedenken angemeldet haben, wissen wir nicht. Doch Fakt ist: Es hätte in diesen Fällen kein Problem sein dürfen, den Namen zu vergeben, denn Corona ist genau wie die aussprachegleiche Variante Korona neben Verwendungen in anderen Kontexten (siehe dazu unseren letzten Beitrag: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus) auch ein Mädchenname. »Ach«, wird sich vielleicht der ein oder andere denken, »das ist doch wieder so ein neumodischer Name, da wollten die Eltern wohl besonders originell sein und ihr Kind nach einer Biermarke benennen.« Weit gefehlt: Als Vorname ist Corona nämlich nicht erst seit einigen Jahren bekannt, sondern genau genommen schon seit Jahrhunderten. Die Frage, was zuerst da war – der Vorname oder die Biermarke –, hat sich damit erübrigt, denn das Bier der Marke Corona wurde zum ersten Mal 1925 in Mexico City gebraut. Unbekannt ist indes, wie viel Einfluss das Bier namens Corona auf die Benennung der Kinder namens Corona hatte.

Die Bedeutung des Namens stimmt übrigens mit der allgemeinen Bedeutung des Ausdrucks überein: Wie schon im letzten Beitrag erklärt wurde, geht Corona auf das Griechische zurück und bedeutete dort einerseits ›Krähe‹ (so lautet etwa der lateinische Name der Aaskrähe Corvus corone), andererseits ›Krümmung, Bogen‹. Daraus wiederum wurde lateinisch cona mit der Bedeutung ›Kranz, (Blüten-)Krone‹. 

Entwicklung zum Vornamen

Wie nun ist Corona zu einem Vornamen geworden? Dies hängt maßgeblich mit der Heiligen Corona zusammen, einer Märtyrerin, die im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte. Doch eigentlich hieß sie gar nicht Corona – ihr ursprünglicher Name war Stephana. Da sie nach katholischem Glauben nicht nur als Patronin der Fleischer und Schatzgräber gilt, sondern auch als Patronin des Geldes, brachte ihr dies schließlich den Namen Corona ›Krone‹ ein, denn Krone war und ist noch immer auch eine Bezeichnung für verschiedene Währungen (z. B. in Schweden, Norwegen, Dänemark und Tschechien). So wurde sie nicht als Stephana, sondern als Corona verehrt, und dieser Name nahm im kollektiven Bewusstsein den Rang eines Vornamens ein.

Besonders in Bayern und Österreich sind verschiedenen Wallfahrtsorte der Heiligen Corona gewidmet, so etwa St. Corona am Schöpfl, St. Corona am Wechsel und die Wallfahrtskirche St. Korona im gleichnamigen Stadtteil in Passau. Der Gedenktag der Heiligen Corona ist der 14. Mai.

Spätestens im 16. Jahrhundert begann man dann, den Heiligennamen Corona auch als Vornamen zu vergeben. Unklar ist, ob dies zunächst in Verehrung der Heiligen geschah, doch aufgrund seiner Struktur und der Endung auf -a macht er ganz den Anschein eines regulären Mädchennamens. So weist Wilfried Seibicke in seinem »Historischen Deutschen Vornamenbuch« zahlreiche Belege über Namensträgerinnen vom 16. Jahrhundert bis heute nach.

Weitere Nachweise von Corona als Name

Nicht nur als Vorname ist Corona bekannt: Als Familienname kommt er vor allem in Mexiko und Italien vor; zahlreiche Träger des Familiennamens Corona stammen aus diesen Ländern, darunter die Leichtathletin Frida Corona, der Fußballtorhüter Jesús Corona und der Filmemacher Franco Corona. Monte Corona ist der Name eines Vulkans auf Lanzarote. Darüber hinaus gibt es in den USA einige Städte namens Corona, so etwa in den Bundesstaaten Kalifornien, South Dakota und New York. Der romantische Dichter Friedrich de la Motte Fouqué setzte dem Namen mit seinem epischen Gedicht »Corona« im Jahr 1814 ein literarisches Denkmal. In den 1990er Jahren feierte schließlich die Band Corona mit dem Lied »The Rhythm of the Night« einen Erfolg. 

Aktuelle Einschätzung

Zurück zum Vornamen Corona. Aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse empfiehlt es sich natürlich nicht mehr, ein Kind so zu nennen; zu groß ist die Gefahr, dass die Erinnerung an das Virus zukünftigen Hänseleien Tür und Tor öffnet – das ist keinem Kind zuzumuten. Ein solches Schicksal ereilt nun womöglich jene Mädchen, die diesen Namen bereits tragen. Doch was tun, wenn etwa besonders gläubige Eltern ihr Kind nach der Heiligen Corona benennen möchten? Rundweg abzulehnen ist der Name nicht, schließlich handelt es sich um einen Vornamen mit einer gewissen Tradition. Dennoch wäre es ratsam, den Eltern ins Gewissen zu reden, sie auf mögliche Schwierigkeiten, die das Kind durch den Namen erfahren könnte, hinzuweisen und in jedem Fall einen zweiten, unverfänglichen Namen erforderlich zu machen.

Was ist nun mit den Kindern, die bereits Corona heißen? »Pech gehabt«, würden vielleicht einige sagen, doch niemand sollte mit diesem Problem allein gelassen werden. Bei der Benennung ihrer Kinder können Eltern schließlich nicht wissen, wie sich ein Name entwickelt, ob in Zukunft unliebsame Ereignisse oder andere womöglich negative Assoziationen damit verbunden werden. (Man denke an all die Menschen namens Knut, deren Name auf einmal an einen Eisbären erinnerte.) Gerade bei einem so seltenen Namen wie Corona – noch dazu einem Namen, der bereits Assoziationen (z. B. mit Bier) weckt – empfiehlt es sich daher immer, zusätzlich einen geläufigeren, möglichst unbelasteten Namen zu vergeben. Wenn sich Corona Mia, Corona Luise und Corona Helen nun mit ihrem ersten Namen gehänselt fühlen, haben sie Glück gehabt: Sie können jetzt ganz einfach auf ihren jeweils zweiten Namen zurückgreifen, ohne dass irgendein bürokratischer Akt nötig wäre: Über Mia, Luise und Helen wird wohl erst einmal niemand Witze machen – zumindest nicht aufgrund ihrer Vornamen. Die größte Schwierigkeit dürfte für sie nun darstellen, sich angesprochen zu fühlen, wenn sie von nun an bei einem anderen Namen gerufen werden. 

Und die Kinder namens Corona, die keinen zweiten Namen haben? Für sie heißt es entweder »Zähne zusammenbeißen und durch« – oder sie (bzw. ihre Eltern) stellen einen Antrag auf Namensänderung. Mit etwas Glück wird ihm stattgegeben, wenn der Fall als besonders schwerwiegend eingestuft wird. Wir würden es befürworten.

In der nächsten Folge unserer Corona-Serie beleuchten wir einige Wörter im Zusammenhang mit der Pandemie in verschiedenen Sprachen der Welt.

Zum Weiterlesen

Teil 1: Das haben Covid-19 und die Sonnenfinsternis gemeinsam
Teil 2: Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen
Teil 3: Sprachliche Zweifelsfälle rund um Covid-19: Der Virus gehört in »Kwarantäne«!
Teil 4: Pandemie, Schwarzer Tod und andere Plagen: Eine kleine Begriffsgeschichte
Teil 5: Der Hamster in Zeiten der Krise
Teil 6: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus
Teil 8: Corona in der Welt: Ausgewählte Wörter in einzelnen Sprachen und Übersetzungsvarianten
Teil 9: Social Distancing, Hot-Spot und Triage: Fremdwörter im Zusammenhang mit Covid-19
Teil 10: Ebola-Virus, Spanische Grippe und Covid-19: Wonach werden Krankheiten, Erreger und Pandemien benannt?
Teil 11: coronafrei, vulnerabel und kontaktbeschränkt: die aktuellen Covid-19-Adjektive
Teil 12: In Zeiten von Corona: Maske auf! Ausdrücke und Wendungen im Zusammenhang mit Covid-19
Teil 13: 1,5 bis haushaltsübliche Menge: Die etwas anderen Corona-Zahlen
Teil 14: Corona-Texte: Anleitungen, Anträge, Bescheinigungen, Verordnungen und andere