Meldung vom 17. März 2020

Die sprachlichen Corona-Folgen

Teil 2: Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen

CC-Lizenz, Collage: © GfdS

Auch in Deutschland kommt das öffentliche Leben aufgrund von Covid-19 nun mehr und mehr zum Erliegen. Aber natürlich sind die Krankheit und ihre Folgen weiterhin DAS beherrschende Thema. Im Netz, in den Zeitungen und im Rundfunk oder Fernsehen lassen sich daher spannende sprachliche Beobachtungen zum Coronavirus machen.

Es gibt viele Dinge, die mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Zusammenhang stehen und entsprechend benannt werden. So entsteht eine Vielzahl von Wortneubildungen. Dabei wird in den seltensten Fällen extra darauf verwiesen, dass es um ein Virus geht; der Wortteil -virus wird einfach weggelassen. So liest man vielfach vom Corona-Ausbruch, von Corona-Kliniken oder Corona-Folgen; wer mit dem Virus infiziert ist, hat Corona.

Auffällig ist, dass bei den neugebildeten Wörtern sehr oft auf Bindestrichschreibungen zurückgegriffen wird, obwohl auch die Schreibung ohne Bindestrich zulässig wäre: Coronaferien ist genauso korrekt wie Corona-Ferien. Ein möglicher Grund für die Schreibung mit Bindestrich: Die Teile eines zusammengesetzten Wortes bleiben so besser sichtbar; die Bindestrichschreibung tritt daher oft im Zusammenhang mit Fremdwörtern auf und ist ein typisches Merkmal für einen journalistischen Schreibstil.

Die meisten Corona-Neubildungen sind Substantive, andere Wortarten sind (noch) selten. Das Adjektiv Corona-geplagt (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.03.2020) ist ein Kompositum aus einem Substantiv und einem Adjektiv, wieder tritt Bindestrichschreibung auf und das Substantiv wird dementsprechend großgeschrieben. Eher scherzhafte Adjektivbildungen wie coronös oder coronig (heuteshow, 06.03.2020) fallen natürlich besonders ins Auge. Mit Hilfe der Wortbestandteile –ös und –ig können im Deutschen ganz regulär aus Substantiven Adjektive abgeleitet werden – Stein wird zu steinig oder Skandal wird zu skandalös – und unsere Sprache verfügt noch über weitere sogenannter Adjektiv-Suffixe. Vielleicht hören oder lesen wir in Zukunft noch von coronahaften Zuständen und werden irgendwann auch wieder coronalos glücklich.

Corona-Adjektive auf –ar oder –al hingegen werden vermutlich nicht auftreten, denn sie sind bereits durch ähnliche Formen blockiert: In der Medizin kennt man koronare Herzerkrankungen, bei denen die Herzkranzgefäße verengt sind, und in der Fachsprache verschiedener anderer Disziplinen werden die Adjektive koronal und coronal verwendet, beispielsweise wenn es um die Korona (den Strahlenkranz) der Sonne oder um Objekte geht, die als Krone (lat. corona) bezeichnet werden oder an eine Krone oder Spitze erinnern. So werden Laute wie [t] oder [s] als koronale Laute bezeichnet, da sie mit Hilfe der Zungenspitze gebildet werden.

Unter den zahllosen Substantiven mit Corona- als Erstglied finden sich viele eher neutrale, beschreibende Ausdrücke: Corona-Virus, Corona-Pandemie oder Corona-Verdacht. Andere Neubildungen aber sind stark emotionalisierend wie z. B. Corona-Panik, Corona-Chaos oder Corona-Kampf. Diese Tendenz ließ sich in der Vergangenheit bereits im Zusammenhang mit anderen verheerenden Krankheitsausbrüchen beobachten. Über die Jahrzehnte hinweg konnte man lesen vom AIDS-Terror (Der Spiegel, 07.09.1987), dem Sars-Albtraum (Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2003), dem Vogelgrippe-GAU (Mannheimer Morgen, 06.04.2006), dem Schweinegrippe-Alarm (Braunschweiger Zeitung, 10.09.2010) oder dem Ebola-Horror (die tageszeitung, 17.10.2014).

Wie gesellschaftlich und sprachlich prägend diese Epidemien und Pandemien waren, lässt sich auch an der Aktion »Wörter des Jahres« ablesen, die jährlich von der GfdS durchgeführt wird: Das Akronym Aids war zweimal, 1985 auf Platz 6 und 1987 auf Platz 1, unter den Wörtern des Jahres, SARS (bzw. Sars) schaffte es 2003 Platz 4 und die Schweinegrippe wurde von der Jury der GfdS im Jahr 2009 auf Platz 3 der Jahreswörter gewählt. Und da die Covid-19-Pandemie ebenfalls ein weltweit beherrschendes Thema ist und unseren Alltag und unsere Sprache schon jetzt nachhaltig beeinflusst, sind Wörter, die im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 stehen, natürlich heiße Kandidaten für die Liste der »Wörter des Jahres 2020«. Zu denen zählen auch Wörter, die sonst eher selten Verwendung finden, durch das Virus aber gerade wieder ins sprachliche Bewusstsein treten: Quarantäne beispielsweise oder die Hamsterkäufe. Andere Ausdrücke, z. B. das Verb absagen, sind an sich nicht selten, stehen aber im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 besonders im Fokus. Eine Wendung, die derzeit ebenfalls in aller Munde ist, ist natürlich: wegen Corona. Mit einigen dieser Wörter und Wendungen werden wir uns in den folgenden Teilen unserer Corona-Serie noch im Detail beschäftigen.

Haben Sie selbst schon interessante, witzige oder bemerkenswerte Corona-Wörter gehört oder gelesen? Dann senden Sie uns Ihre Favoriten zu, per E-Mail an wort-des-jahres@gfds.de.

In der nächsten Folge unserer sprachlichen Betrachtungen zum Coronavirus werfen wir übrigens einen Blick auf sprachliche Fragen und Zweifelsfälle, die das Virus mit sich bringt. Oder heißt es an dieser Stelle der Virus? Bleiben Sie bis dahin gesund!

Zum Weiterlesen:

Teil 1: Das haben Covid-19 und die Sonnenfinsternis gemeinsam
Teil 3: Sprachliche Zweifelsfälle rund um Covid-19: Der Virus gehört in »Kwarantäne«!
Teil 4: Pandemie, Schwarzer Tod und andere Plagen: Eine kleine Begriffsgeschichte
Teil 5: Der Hamster in Zeiten der Krise
Teil 6: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus